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Mehr Selbstsicherheit im Alltag

„Es lohnt sich immer, sich zu wehren“

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Erding - Fest umklammere ich meinen Schlüsselbund in der Manteltasche. Es ist Samstag, kurz nach Mitternacht. Ich war mit Freunden in München, bin jetzt auf dem Heimweg. Die S-Bahn war fast leer. In St. Koloman steige ich aus. Ein rascher Blick über die Schulter, ich bin allein am Bahnsteig. Ich eile die Treppe hinab, husche durch die Unterführung, runter zum Parkplatz. Meine Absätze klackern auf dem Pflaster. Es macht „Klick“, ich reiße die Autotür auf, setze mich und drücke den Knopf zur Türverriegelung. Durchatmen.

Ich bin 30 Jahre alt und fahre seit Jahren immer wieder mit der S-Bahn nach München. Gerade abends beschleicht mich dabei oft ein mulmiges Gefühl. Ich kenne Pöbeleien von S-Bahnfahrten zur Wiesnzeit, von Clubbesuchen und Diskopartys. Selbst habe ich glücklicherweise noch keine Erfahrung mit Übergriffen machen müssen. Doch wie ich mich in gefährlichen Situationen richtig verhalten sollte, weiß ich nicht.

„Es gibt kein Patentrezept“

Darum sitze ich an diesem Abend in der Volkshochschule Erding. Es geht um Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein; darum, wie man sich vor Straftaten schützen kann – und zwar speziell für Frauen. Marcus Dannapfel, 40 Jahre alt, leitet das Seminar. Der Altenerdinger Polizeibeamte will lebensnahe Lösungsansätze zeigen, aber betont: „Es gibt kein Patentrezept zum Schutz vor Gewaltsituationen.“ Man könne nie vorhersagen, wie das Gegenüber reagiert. Aber er will uns Tipps und Tricks zeigen, die helfen können, um Gefahren zu erkennen und sich selbst zu schützen.

Wir sind 15 Frauen, die an diesem Abend an die Lethnerstraße gekommen sind. Im Raum B215 finden sonst EDV-Kurse statt. Vom Teenager bis zur Rentnerin, von der Kampfsportlerin bis zum Laien in Sachen Selbstverteidigung: Unsere Gruppe ist bunt gemischt. Und so unterschiedlich wir sind, so verschieden sind unsere Erfahrungen und auch die Gründe, den Kurs zu besuchen. Eine Frau etwa erzählt, dass sie geschäftlich viel unterwegs ist, an Bahnhöfen, auch nachts. Passiert sei ihr noch nie etwas, aber die Angst sei ihr ständiger Reisebegleiter. Ganz konkret hingegen ist der Vorfall, den eine ältere Teilnehmerin erlebt hat. „Ich habe im Stadtpark drei junge Männer beobachtet, die Getränkedosen auf Schwäne geworfen haben“, erzählt sie. Auf die Frage, warum sie die Tiere nicht in Ruhe lassen, seien Beleidigungen gefolgt, „die will ich nicht wiederholen“.

„Ich habe in der jüngsten Zeit mehrere unangenehme Situationen erlebt. Ich möchte im Alltag gewappnet sein“, sagt die 15-jährige Lisa und erzählt, was ihr kürzlich auf dem Freisinger Marienplatz passiert ist. Es war schon dunkel, als sie und ihre Freundin von drei Männern angemacht wurden. „Passiert ist nichts, aber wir hatten Angst“, erzählt Lisa, die mit ihrer Mama Daniela (47) den Kurs besucht. Die beiden sind nur eines von mehreren Mutter-Tochter-Duos, die an diesem Abend teilnehmen.

Nicht zuletzt spielt auch das Thema Flüchtlinge für mehrere Frauen eine Rolle. Die Worte „Silvesternacht“ und „Köln“ fallen. „Schwierigkeiten mit aggressiven Herren hat es schon immer gegeben – egal welcher Herkunft“, sagt Dannapfel dazu und erklärt unumwunden: „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Aggressionsdelikte auf sexueller Basis gegen Frauen zugenommen haben.“

Der Täter erwartet keine Gegenwehr

Große Menschenansammlungen, vor allem aber einsame Orte wie der Park in der Dämmerung, dunkle Gassen und verlassene Bahnhöfe: Dort haben die Frauen Angst. Dannapfel nennt den S-Bahn-Halt St. Koloman ein Paradebeispiel dafür. Bis man am Parkplatz ist, muss man durch eine schummrige Unterführung, vorbei an dichtem Gebüsch. „Die Station kenne ich sehr gut. Ich bin während meines Studiums täglich von dort nach München gefahren“, erzähle ich.

Die S-Bahn ist auch der Ort, den Dannapfel für ein Rollenspiel wählt, in dem wir in zwei Gruppen unser eigenes Verhalten überprüfen sollen. Die eine Hälfte spielt, die andere beobachtet. Die Situation ist alltäglich. Ein paar Frauen sitzen im Waggon verteilt, als ein Mann die S-Bahn betritt – Baseballkappe auf dem Kopf, Flasche in der Hand. Wütend tritt er gegen einen Sitz, murmelt aggressiv vor sich hin, fixiert die Fahrgäste mit seinen Blicken. Er setzt sich neben eine junge Frau, pöbelt sie an, bedrängt sie. Die Stimmung schlägt um.

Ich sehe der Frau mit den blonden Locken an, wie unwohl sie sich fühlt; wie sie überlegt, wie sie aus dieser Situation entkommen kann. Es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis ihr eine andere Frau hilft. Tatsächlich waren es vielleicht zwei Minuten. Dann beendte Dannapfel die Übung.

Ich weiß, dass das nicht echt ist, dass nichts passieren kann. Ich bin nicht einmal selbst involviert, sondern beobachte nur. Trotzdem merke ich, dass ich angespannt bin. „Da kriege ich richtig Herzrasen“, sagt die Frau neben mir. Sich in ein Loch wünschen, den Blick zu Boden richten, nervös mit dem Fuß wippen: Dieses Verhalten sei in Stresssituationen ganz normal, sagt Dannapfel. „Doch es wirkt ängstlich. Der Täter merkt: Hier habe ich keine große Gegenwehr zu erwarten. Angst zu haben ist nicht schlimm. Die Kunst ist es, sie zu überspielen. Das muss nicht lange sein, ein paar Sekunden reichen meist.“ Ruhig und gefasst anschauen, dem Blick auch Stand halten, aber nicht starren. Kopf erhoben, Schultern zurück, weit schweifender Blick, Beine fest auf den Boden – zu dieser Körpersprache rät Dannapfel.

Wer alleine unterwegs und sich unsicher ist, der kann sich zu anderen Fahrgästen setzen oder sich neben die Tür stellen. In den Münchner S-Bahnen gibt es an jeder zweiten Tür eine Gegensprachanlage, die einen sofort mit dem Lokführer verbindet.

Ein Plan gegen die Schockstarre

Falls man doch in die Lage kommt, belästigt zu werden, solle man am besten aufstehen und weggehen. Die allerwenigsten Täter machten sich die Mühe, hinterher zu laufen. Dannapfel rät zudem dazu, sich vorab in einer ruhigen Minute einen Plan zurechtzulegen. Einen Plan, wie man in Gefahrensituationen reagieren könnte. „Dann wird man nicht kalt erwischt und gerät nicht in eine Schockstarre“, sagt der Polizist. Vagotone Schockphase nennt man den Zustand, der unvorbereitete Menschen zunächst am Handeln hindert. Übersetzen könne man das als „erste Schrecksekunde“, oder: wie das Kaninchen vor der Schlange.

Man kann sich zum Beispiel vorab ein, zwei Sätze überlegen, die man schnell heraus bringt, auch wenn man nervös ist. „Lassen Sie mich in Ruhe, ich will mit Ihnen nichts zu tun haben“, zum Beispiel. Internationale Signalworte wie Stop, Police oder No helfen ebenfalls – auch, um die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste zu bekommen. Höflichkeitsfloskeln seien im Ernstfall fehl am Platz, aber beim „Sie“ sollte man in jedem Fall bleiben, auch wenn man selbst geduzt wird. So merken Außenstehende schnell, dass man sich nicht kennt und Hilfe braucht. Dannapfel rät zu den drei L – Lärm, Licht und Leute: Laut werden; dort hingehen, wo es hell ist, und wo andere Leute sind.

„Täter haben immer einen Plan. Sie wollen unerkannt bleiben, die Situation kontrollieren und ungeschoren davon kommen. Diesen Plan muss man torpedieren“, erklärt der Polizist. Denn eine Studie besage, dass mehr als zwei Drittel der Täter bei verbaler oder leichter Gegenwehr die Tat abbrechen – klare Ansagen machen und den Arm weg schlagen beispielsweise. Hilft das nichts, rät Dannapfel zu massiver Gegenwehr – treten, schreien, beißen, in die Augen stechen. Bis zu 85 Prozent der Täter hören laut Studie dann auf.

Mit diesen Tipps spielen wir die Szene in der S-Bahn erneut. Diesmal sitze ich mit im Waggon. Als Dannapfel uns und meine Begleiterin anspricht, setzen wir uns an einen anderen Platz. Er versucht’s bei der nächsten Frau, doch die nimmt prompt eine weitere Dame an die Hand, tut so, als würden sich die beiden kennen, und holt sie aus der Situation. Wir haben alles richtig gemacht.

Keine von uns ist beleidigend oder aggressiv geworden, niemand hat ein Hilfsmittel zur Gegenwehr angewandt. Davon gibt es gute und schlechte, wie Dannapfel sagt. Zu erster Kategorie zählt der eigene Körper. Wir probieren am Schlagkissen aus, wie es sich anfühlt, mit voller Wucht zuzuschlagen. Im besten Fall trifft man Gesicht oder Kehle. Ich versuche es mit der Faust, merke aber schnell, dass sich meine Fingernägel schmerzhaft in meinen Handballen bohren. Besser klappt’s mit dem Ballen selbst. Ans Schienbein treten oder mit dem Absatz auf den Mittelfuß stampfen kann ebenfalls helfen, um Zeit zum Weglaufen zu gewinnen.

Aufmerksamkeit durch Trillerpfeifen

Zu Pfefferspray und Reizgas rät Dannapfel nur, wenn man damit umgehen kann. Ein paar Kursteilnehmerinnen haben ein solches Spray in der Handtasche, aber noch nie benutzt – auch nicht zum Test. Dabei sei auch Pfefferspray eine Waffe, deren Umgang geübt sein will. Gar nichts hält Dannapfel von Elektroschockern. Um sie einzusetzen, muss man dem Angreifer sehr nahe kommen, und die Verletzungsgefahr sei sehr hoch – ebenso bei Messern und Schreckschusspistolen. Dannapfel warnt zudem: „Nimmt mir der Täter die Waffe weg, kann er mir gefährlich werden.“

Eine gute Lösung, um auf sich aufmerksam zu machen, seien Schrillalarme, die ein bis zu 120 Dezibel lautes Signal erzeugen. Ähnlich effektiv können Trillerpfeifen sein. Und ein potenzielles Hilfsmittel haben wir immer dabei: den Schlüsselbund, mit dem man im Ernstfall zuschlagen kann. An meinem Schlüsselbund hängt viel unnützes Zeug. Wenn ich ihn in der Jackentasche in der Hand halte, spüre ich die Eule aus Metall, den Filzanhänger, den Karabiner in Herzform. Aber auch die vielen Schlüssel – und seit kurzem eine Trillerpfeife.

Vroni Macht

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