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„Corona hat meinen Körper ausgetauscht“: Long-Covid-Patienten berichten - 21-Jährige seit einem Jahr bettlägerig

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Von: Uta Künkler

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Post-Covid, Corona: Aus dem Leben geworfen wurde Franz Langer aus Forstern. Er ist seit seiner Covid-Erkrankung vor gut einem Jahr stark geschwächt und arbeitsunfähig. Gemeinsam mit Ehefrau Josefine kämpft er sich durch den Alltag.
Aus dem Leben geworfen wurde Franz Langer aus Forstern. Er ist seit seiner Covid-Erkrankung vor gut einem Jahr stark geschwächt und arbeitsunfähig. Gemeinsam mit Ehefrau Josefine kämpft er sich durch den Alltag. © J.Dziemballa

Schmerzen, extreme Schwäche, kein Geschmackssinn: Long-Covid-Patienten leiden teils monatelang unter den Folgen der Erkrankung. ln Erding tauschen sie sich in einer Selbsthilfegruppe aus.

Erding – „Mich hat’s vor gut einem Jahr erwischt“, erzählt Franz Langer aus Forstern. Seitdem ist er nicht mehr der Alte. Arbeiten: Geht nicht mehr. Sein Hobby Modellbauen: Geht nicht mehr. Zeitunglesen, im Garten werkeln, Radfahren: Das alles geht nicht mehr. Ihm fehlt ganz einfach die Kraft. „Dieses Corona hat meinen Körper ausgetauscht“, sagt er, „ich bin fix und fertig.

Long-Covid: Patienten berichten - „Wie ein alter Akku, der nur zu 40 Prozent aufgeladen werden kann“

Wie ein altes Handy, dessen Akku höchstens noch zu 40 Prozent aufgeladen werden kann und immer schnell wieder leer ist.“

Der 61-Jährige leidet unter Post-Covid. Seine akute Erkrankung hat er im Oktober 2020 durchgemacht. Mit allem drum und dran. 14 Tage Intensivstation und Beatmung im Ebersberger Krankenhaus. „Ich hab’ gemeint, ich komme nicht mehr raus“, erzählt Langer. Ist er aber doch. Er hat es geschafft. Aber hinter sich lassen kann er die Krankheit noch immer nicht. Die Langzeitfolgen haben ihn aus seinem Leben geworfen.

Long-Covid-Symptome: Schwäche, Konzentrationsstörungen, wiederkehrenden Gliederschmerzen

Langer erzählt von Schwäche, Konzentrationsstörungen, wiederkehrenden Gliederschmerzen. Er blickt in die Kamera seines Computers. Erschöpft sieht er aus, niedergeschlagen und resigniert. Seine Gesprächspartner kennen Langers Geschichte und können sie nur zu gut nachfühlen. Sie haben sie so oder so ähnlich selbst auch erlebt.

Es ist eine Sitzung der Selbsthilfegruppe Long-Covid im BRK-Kreisverband Erding. Nach Präsenz-Treffen im Sommer tauschen sich die Teilnehmer nun per Videokonferenz aus. Psychische und zwischenmenschliche Begleiterscheinungen durch die Folgen einer Covid-Erkrankung belasten die betroffenen Patienten oft zusätzlich zu ihren körperlichen Symptomen.

„Nach ein paar Wochen will keiner mehr hören, dass es dir schlecht geht.“ Nadja Prell ist die Initiatorin der Erdinger BRK-Selbsthilfegruppe Long-Covid
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„Nach ein paar Wochen will keiner mehr hören, dass es dir schlecht geht.“ Nadja Prell ist die Initiatorin der Erdinger BRK-Selbsthilfegruppe Long-Covid . © Privat

Gegründet wurde die Gruppe im März dieses Jahres von Nadja Prell. Die 49-jährige Erdingerin hatte sich ebenfalls im Oktober vorigen Jahres mit dem Coronavirus infiziert. Während ihre ganze Familie nach der Akut-Erkrankung wieder unbeschwert ihren Alltag aufnahm, blieben bei Prell die Symptome. Sie litt weiterhin unter Gedächtnisverlust, Muskelschmerzen, Haarausfall – wochenlang, monatelang.

Video: Corona - diese Spätfolgen treten am häufigsten auf

Long-Covid: Bekannte reagieren nicht nur mit Mitgefühl - sondern auch mit Unverständnis

Doch in ihrem weiteren Umfeld erntete sie nicht nur Mitgefühl, sondern auch Unverständnis dafür, dass sie noch immer über starke Folgen der Erkrankung klagte, während andere rasch wieder genesen waren. Prells Vergesslichkeit und Haarausfall wurden von einigen Bekannten als ganz normale Erscheinungen in ihrem Alter klein geredet, die Schmerzen angezweifelt. Selbst die Ärzte konnten der Yogatherapeutin nicht sagen, wann sich ihre Symptome bessern würden. Die meisten der Covid-Langzeitfolgen können weder im Blut noch sonst wo im Körper nachgewiesen werden. „Nach ein paar Wochen will keiner mehr hören, dass es dir schlecht geht“, sagt Prell.

Für sie stand fest: „Ich muss mich mit anderen austauschen, denen es ähnlich geht.“ Schnell gewann sie ihren Bekannten Gerhard Moser für das Projekt. Er leitet bereits die Demenz-Selbsthilfegruppe im BRK-Kreisverband Erding. Seither treffen sich jede Woche Long-Covid-Patienten aus dem ganzen Landkreis – mal sind sie zu fünft, mal viele mehr. Manche von ihnen schalten sich seit Monaten jede Woche in die Konferenz, andere schauen nur ein paar Mal vorbei.

Long-Covid-Patienten: Krank geschrieben für 78 Wochen - Ende des Leidens nicht in Sicht

Die Bandbreite dessen, was die Betroffenen Monate nach ihrer Covid-Erkrankung durchmachen müssen, ist groß. Den 61-jährigen Franz Langer hat es relativ stark getroffen. Ein Ende seines Leidens ist nicht in Sicht. „Die Ärzte reden immer wieder davon, dass ich Geduld haben muss. Das kann ich nicht mehr hören“, sagt er. Jetzt haben sie den Lageristen in leitender Position für 78 Wochen, also insgesamt gut eineinhalb Jahre, krankgeschrieben. „Ich wollte eigentlich gesund in Rente gehen“, sagt er. Aber ob das was werde?

Klinik für Long-Covid-Patienten
Die Therapie von Long-Covid steht noch am Anfang. In Reha-Kliniken wird die Lungenfunktion von Patienten überprüft. © Sina Schuldt

Langer ist froh, den Kontakt zu den anderen in der Selbsthilfegruppe zu haben. Die Krankheit mache einsam. „Irgendwie wird man vergessen“, sagt Langer. Er wünscht sich, dass Post-Covid als Krankheit offiziell anerkannt wird. „Zwischendrin denkst du schon mal, ob du dir das alles nur einbildest.“ Umso erleichternder sei es, von den anderen zu hören.

Man teilt das Schicksal miteinander, das Leid – aber auch die Freude. Maria Angermaier zum Beispiel hat an diesem Tag eine gute Nachricht zu verkünden: „Ich habe seit ein paar Tagen meinen Geschmackssinn wieder“, sagt die 59-Jährige aus Kirchasch und strahlt in die Kamera. Die anderen applaudieren, gratulieren. Angermaiers Geschichte gibt ihnen Mut.

Long-Covid-Patienten berichten: Wein schmeckt wie Essigwasser, Erdnussflips nach Styropor

Die Kirchascherin hatte sich im Dezember 2020 an ihrer Arbeitsstelle im Pflegeheim mit dem Coronavirus infiziert und einen mittleren Verlauf der Erkrankung durchgemacht. An sich ging es ihr nach zwei, drei Wochen wieder gut. Nur schmecken und riechen konnte sie nichts. Das Glas Wein schmeckte wie Essigwasser, mit geschlossenen Augen konnte sie eine Scheibe Gurke nicht von einer Erdbeere unterscheiden, und wenn sie Erdnussflips aß, war es, als ob sie auf einem Stück Styropor herumkaute. „Ich hab’ schon damit gerechnet, dass es gar nicht mehr besser wird“, sagt sie.

Der Gruppe will Angermaier trotzdem treu bleiben. Diese hätte sie durch eine schwierige Zeit getragen. „Hier hat man auch mal jammern dürfen“, erzählt sie. Draußen, da sei das Leben ja weitergegangen. Dankbar sei sie, dass es „nur“ ihren Geschmackssinn getroffen hatte. „Ich habe Glück gehabt“, sagt sie.

Long-Covid: 21-Jährige mit ME/CFS liegt sein gut einem Jahr im Bett

In der Gruppe sind auch einige, die weniger Glück hatten. Wie zum Beispiel Laura Freis. Als die 21 Jahre junge Erdingerin zu den anderen sprechen will, trägt ihre Mutter Katja Bandemer den Bildschirm in einen abgedunkelten Raum.

Hier liegt Laura Freis seit einem guten Jahr. Sie ist auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen, kann nicht alleine duschen und sich nichts zu essen machen. Sie hat ihr aktives Leben zwischen WG-Alltag, Ausbildung und Vereinssport eingebüßt. Jetzt schluckt sie täglich 30 Tabletten, hat einen Rollstuhl, Schwerbehindertenstatus und Pflegegrad zwei. Sie kann sich gar nicht mehr erinnern, wie es ist, schmerzfrei zu sein. Die Corona-Infektion hat bei Laura Freis ME/CFS ausgelöst, eine neurologische Erkrankung mit schweren Erschöpfungssymptomen.

Noch ist die Krankheit zu stark. Aber die junge Frau hat den festen Willen, sich zurück ins Leben zu kämpfen. Neben ihrer Familie und engen Freunden ist für sie und auch ihre Mutter die Selbsthilfegruppe auf diesem steinigen Weg ein wichtiger Unterstützer. » 

Die Selbsthilfegruppe

für Long-Covid-Betroffene und Angehörige im BRK-Kreisverband ist für jeden offen und kostenlos. Info: yogaundtherapie@gmx.de oder info@therapie-endham.de

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