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Long Covid: 21-Jährige nach ihrer Corona-Infektion im Rollstuhl - „Ich bin nicht gesund“

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Von: Uta Künkler

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Laura Freis im Rollstuhl
„Es gibt schlechte Tage – und sehr schlechte Tage“, sagt Laura Freis. Die 21-Jährige leidet an Post-Covid. © privat

Laura Freis leidet unter den Langzeitfolgen ihrer Covid-Infektion. Früher war die 21-Jährige sportlich und lebensfroh - heute ist jeder Tag für sie ein Kampf.

Erding – Nicht alle Tage sind gleich. „Ich habe schlechte Tage“, sagt Laura Freis, „und sehr schlechte.“ Die 21-Jährige hält kurz inne. „Und extrem schlechte Tage.“ Richtig gute Tage gibt es für sie nicht mehr. Voriges Jahr hat sie an einem guten Tag Basketball gespielt oder mit Freunden gelacht, getanzt, die Leichtigkeit ihrer Jugend genossen. Heute geht das nicht mehr.

Long-Covid: Schmerzen, Erschöpfung und Konzentrationsstörungen

Seit einem Jahr liegt sie die meiste Zeit im Bett. Zwischen damals und heute liegt eine Corona-Infektion. Laura Freis leidet unter den Spätfolgen ihrer Covid-19-Erkrankung. Long Covid oder Post Covid ist der Begriff dafür. In der Folge der Virusinfektion hat die Erdingerin mit ME/CFS zu kämpfen, einer schweren neurologischen Erkrankung mit Erschöpfungssymptomen.

Laura Freis aus dem Landkreis Erding: ME/CFS (Fatigue) als Folge von Covid-19

Sie quälen starke Nerven- und Muskelschmerzen, Konzentrationsstörungen, massive Schlafstörungen sowie eine Überempfindlichkeit auf Sinnesreize. Schon das Zähneputzen kann zur Tortur werden. Ob und wann es ihr jemals besser gehen wird, kann ihr niemand sagen. „Ich habe versucht, mich nach Corona zurück ins Leben zu kämpfen – und bin daran gescheitert“, sagt sie.

Laura Freis
Früher war sie sportlich und fit. Heute ist schon ein kurzer Weg eine Herausforderung. © privat

Ende Oktober 2020: Laura Freis steht kurz vor den Abschlussprüfungen für ihre Ausbildung zur Erzieherin, als sie sich mit dem Virus infiziert. In München, wo die damals 20-Jährige in einer WG mit zwei Freundinnen lebt, liegt die 7-Tage-Inzidenz bei etwa 100. Freis ist länger krank als die meisten Gleichaltrigen. Immerhin: Ins Krankenhaus muss sie nicht. Nach einem Monat geht es ihr zunächst besser. Sie nimmt wieder am Online-Unterricht der Fachakademie teil und arbeitet nebenher als Kinderpflegerin. Doch gesund ist sie nicht. Am Computer schläft sie ein. Im Kindergarten ist sie zwar anwesend, aber nicht wirklich dabei. „Ich habe mich selbst gar nicht wiedererkannt.“

Laura Freis (21): Vor Covid-19 sportlich, heute im Rollstuhl

Laura Freis ist ein Mensch, der sich selbst viel abverlangen kann. Das hat sie im Sport weit gebracht, sie ist mit den Basketball-Damen des TSV München-Ost in der Bezirksoberliga erfolgreich. Sie jammert nicht gerne. Ihre Freunde schätzen sie als fröhliche, starke Person, als lebenslustigen Wirbelwind. „Stell dich nicht so an“, sagt sie sich – und macht weiter. Bis es irgendwann nicht mehr geht. Statt zu genesen, verschlechtert sich ihr Zustand stetig.

Ein Verlauf in Wellen ist typisch für Post-Covid-Patienten. Nicht selten geht es nach der Akut-Erkrankung zunächst bergauf, doch nach einiger Zeit werden die Symptome wie Atemnot, Müdigkeit oder Kopf- und Gliederschmerzen stärker. Laura Freis gesteht sich irgendwann ein: „Ich bin nicht gesund. Ich kann nicht mehr.“ Dann geht es rasant bergab. Sie zieht wieder bei ihrer Mutter ein und pausiert die Ausbildung. Bald verlässt sie kaum noch das Haus, ihre Kraft reicht nicht aus. Ab Mai – sieben Monate nach ihrer Infektion – ist sie bettlägerig. Es folgen Schwerbehindertenstatus, Pflegegrad zwei und der Rollstuhl. „Mein Leben hat sich komplett auf den Kopf gestellt“, sagt sie.

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Coronavirus: Nach Infektion schluckt 21-Jährige täglich 30 Tabletten

Laura Freis schluckt täglich an die 30 Tabletten – gegen die Schmerzen, für den Kreislauf, um einschlafen zu können. Meistens liegt sie im abgedunkelten Zimmer, Helligkeit überfordert ihre Sinne. Anstrengung macht alles nur noch schlimmer. Manchmal schaut sie einen Film – etwas Sanftes, Action verträgt sie nicht. Telefonieren oder lesen strengt sie sehr an. Die Familie unterstützt sie nach Kräften. Ohne deren finanzielle Hilfe könnte sie sich kaum über Wasser halten. Ihr Bruder kommt in seiner Mittagspause, um Essen zu bringen. Ihre Mutter geht sehr früh aus dem Haus, um am Nachmittag für ihre Tochter da zu sein. Laura Freis ist auf Hilfe angewiesen.

Duschen, Formulare ausfüllen, mit den Ärzten telefonieren – all das kann sie meistens nicht allein. Wenn sie sich nach nebenan auf die Toilette schleppt, muss sie manchmal Pausen einlegen. „Mein Puls ist bei 180, wenn ich nur aufstehe“, sagt sie. Es kommt vor, dass sie es nicht mehr zurück ins Bett schafft. Ihr Körper ist dann bleischwer und schmerzt. „Es ist, wie wenn ich für den Tag sechs Murmeln bekomme“, versucht sie zu erklären. „Aufstehen kostet eine Murmel, Zähne putzen, anziehen, essen auch. Dann sind schon vier Murmeln weg.“ Mehr Kraft gibt es nicht. „Ich wäge ab, für was ich die kostbaren Murmeln einsetzen möchte“, sagt sie.

Noch etwas anderes raubt ihr Energie: „Man sieht mir nicht an, dass ich krank bin.“ Das ständige Erklären, die Ratschläge und das Runterspielen der anderen – das schlaucht. Die Erdingerin will aufklären und anderen von sich erzählen. Dass eben nicht jeder sportliche, junge Mensch Covid wie eine Erkältung wegsteckt.

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ME/CFS: Hoffnung auf Medikamente - doch als Krankheit noch nicht anerkannt

Und sie ärgert sich darüber, dass ME/CFS nicht längst als Krankheit anerkannt ist. Dann würde mehr Geld in die Forschung gesteckt werden. Denn die ist ihre einzige Hoffnung. „Irgendwann gibt es Medikamente. Für mich steht fest, dass es eine Heilung geben wird, dass ich nicht mein Leben lang krank bin.“ Am meisten vermisst sie die Leichtigkeit in ihrem Leben. Und scheinbar Selbstverständliches. Alleine duschen. An den Kühlschrank gehen, wenn sie Hunger hat. Laut Musik hören und tanzen. „Ich würde alles dafür geben, wenn ich selber mein Zimmer staubsaugen könnte.“

Sie hat Pläne, will ihre Ausbildung fertig machen und Soziale Arbeit studieren. Ihr WG-Zimmer in München hat sie noch. Es zu kündigen, würde für sie Aufgeben bedeuten. Die 21-Jährige ist überzeugt: „Das ist ein großer Scheiß, den ich gerade durchmache. Aber danach werde ich ein umso glücklicheres Leben führen.“ Sie hat gelernt, Kleinigkeiten zu schätzen. „Wenn ich einen sehr guten Tag habe, dann schaffe ich es nach unten an den Tisch und kann dort mit meiner Familie essen. Dann bin ich unfassbar dankbar.“ *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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