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Militärpolizist war mehrmals in Afghanistan: Drama war absehbar - „Es ist so bitter“

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Von: Hans Moritz

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Jetzt läuft endlich die Evakuierung aus Kabul. © Marc Tessensohn/dpa

Fünf Mal war ein Erdinger in Afghanistan. Völlig umsonst, muss er jetzt feststellen. Das Scheitern des internationalen Einsatz wundert den Familienvater aber nicht.

Erding – Peter Seifert (Name geändert) hat die vergangenen Tage viel vor dem Fernseher verbracht – mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und Ernüchterung. Was derzeit in Afghanistan passiert, wo die Taliban das Land nach dem Abzug der Amerikaner und der internationalen Truppen handstreichartig wieder unter ihre Kontrolle gebracht haben, treibt den 47-Jährigen aus Erding um. Denn der Vater einer Tochter war fünf Mal in dem Land. Jetzt ist er desillusioniert. Das Scheitern wundert ihn nicht. „Es ist so bitter, aber es war leider genau so zu erwarten“, berichtet Seifert im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Erdinger Militärpolizist weiß, warum der Afghanistan-Einsatz gescheitert ist

1995 kam der Erdinger zur Bundeswehr, als Militärpolizist. Zwölf Auslandseinsätze hat der 47-Jährige hinter sich – Bosnien, Kosovo, Türkei, Mali und bei der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer. Fünf Mal war er seit 2005 aber auch in Afghanistan – in Kabul, Kundus und drei Mal in Masar-e Scharif.

Die Militärpolizei übernimmt die gleichen Aufgaben wie die Landes- und Bundespolizei, im Alltag allerdings nur im Bereich der Bundeswehr. In Afghanistan sollten Seifert und seine Kollegen hochrangige Militärs schützen, Unfälle aufnehmen, nach Anschlägen ermitteln, Streitigkeiten schlichten. Im konkreten Fall sollte die MP aber auch Polizeikräfte vor Ort ausbilden. „Wir hatten es teils mit Analphabeten zu tun. Es war eine enorme Herausforderung, eine Polizei nach westlichen Standards zu formen“, erinnert sich der 47-Jährige.

Er kennt viele Gründe, warum der Afghanistan-Einsatz, begonnen nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York vor 20 Jahren, gescheitert ist. „Man hat sich viel zu wenig mit dem Land und seiner Geschichte befassst, und es gab unterschiedliche Interessen“, analysiert Seifert. „Die einen wollten Osama bin Laden töten, die anderen Al Qaida vernichten oder die Drogenbarone bekämpfen.“ So habe die Multinationalität keinen Erfolg haben können.

Schon 2011, als der damalige Außenminister Guido Westerwelle ein Ende des Einsatzes 2014 ins Gespräch gebracht hatte, „gab es Drohungen, dass sich die Taliban das Land dann sofort zurückholen“, erinnert sich der Militärpolizist. „Das ist nicht neu.“ Und er kann auch US-Präsident Joe Biden verstehen, der seine Soldaten nicht länger in einem Land lassen wollte, in dem nicht einmal die örtliche Regierung wirksam gegen die Islamisten vorzugehen bereit ist und das Erreichte zu verteidigen.

„Ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich desillusioniert, enttäuscht und fühle mich missachtet“

Was jetzt passiert, ist für Seifert nicht verwunderlich, „auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass es so schnell geht und es in Afghanistan offensichtlich keinen Widerstand gibt“. Eine Luftbrücke hätte viel früher aufgebaut werden müssen. „Die Kräfte dazu standen bereit.“

Allerdings ist er auch überzeugt: „Unsere Gegner am Hindukusch wurden unterschätzt. Die Taliban sind hoch motiviert und mittlerweile bestens ausgebildet.“

Auch deutsche Politiker hätten zu wenig auf Experten vor Ort gehört. Die Besuche der Minister seien vor allem für die Medien erfolgt. In Deutschland habe sich kaum jemand für den Einsatz interessiert. Es sei auch ein Fehler gewesen, das Wort Krieg zu vermeiden. „Dabei hatte Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg mit dieser Einschätzung absolut recht.“

Auf der anderen Seite hätte viel mehr passieren müssen, das Land zu transformieren, etwa der Aufbau eines Schulsystems nicht zuletzt für Mädchen. „Der Drogenanbau ist hart bekämpft worden, ohne zu sehen, dass Mohn für viele Bauern die einzige Einnahmequelle war, während Reis und Mais tonnenweise eingeflogen wurden, anstatt die Menschen vor Ort zu unterstützen.“

Von der Politik fühlen sich Soldaten wie Seifert ignoriert. „Als die Letzten von uns in Wunstorf gelandet sind, war kein Spitzenpolitiker vor Ort. Das wäre echte Wertschätzung gewesen“, empört er sich. Deswegen hat er auch kein Interesse, Ende August an einem Empfang der Bundesregierung für die Soldaten teilzunehmen. „Ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich desillusioniert, enttäuscht und fühle mich missachtet“, bekennt der 47-Jährige. So gewinne man keine Kameraden mehr für Auslandseinsätze.

Dabei hat Seifert mehrmals sein Leben riskiert. Nach Sprengstoffanschlägen war er an der Aufklärung beteiligt, eine vom Bundeskriminalamt übertragene Aufgabe. Er sollte auch Hinweise liefern, wie die Schutztruppen ihre Fahrzeuge sicherer machen können. „Am Anfang mussten wir sogar ungepanzerte Autos nehmen.“

Für Seifert steht fest: „Ich bleibe jetzt erst einmal in Deutschland.“ Die Abschiede von seiner Familie seien immer grausam gewesen – und das offenkundig für nichts, wie der Erdinger nun feststellen muss. Was er sich noch vorstellen kann: die Evakuierung von Patienten aus Krisengebieten mit Ärzten und Heeresfliegern. ham

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