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Viel zu sehen und zu lesen gab es bei der Ausstellungseröffnung im Museum Erding. Festredner war Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaften.

70 Jahre Sudetendeutsche Landsmannschaft in Erding

Neue Sonderausstellung im Museum Erding: Vom Verlust der Heimat und dem Neubeginn

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„Vom Gehen müssen und Ankommen dürfen“ heißt die Sonderausstellung im Museum Erding, die sich bis Ende Mai 2020 den Heimatvertriebenen in Stadt und Landkreis Erding widmet.

Erding– Ein silberner Christbaumständer ziert das Faltblatt zur neuen Sonderausstellung im Museum Erding. Der kurze Begleittext erklärt, dass der Ständer aus Böhmen kommt, einen Drehmechanismus und eine Spieluhr hat. Das wäre nichts weiter Besonderes, wenn es nicht weiter hieße: „1946 im Fluchtgepäck verbotenerweise mitgenommen, Schenkung Maria Mader“.

Dieser Satz beschreibt die Tragik, die dahinter steckt, nur ansatzweise. Er weckt Bilder an Kolonnen von Menschen, die nach der Vertreibung aus ihrer Heimat in den deutschen Ostgebieten mit Ziehwagen, Rucksäcken und Koffern nur das Nötigste mitnehmen dürfen, um im zerstörten Deutschland eine Bleibe zu finden.

Museum Erding zeigt Sonderausstellung bis Ende Mai 2020

„Vom Gehen müssen und Ankommen dürfen“ heißt die Sonderausstellung, die sich bis Ende Mai 2020 den Heimatvertriebenen in Stadt und Landkreis Erding widmet. Feierlich eröffnet wurde sie am Samstag im Rahmen des traditionellen Tags der Heimat, den heuer die Sudetendeutsche Landsmannschaft ausgerichtet hat. Deren Kreisgruppe Erding feiert ihr 70-jähriges Bestehen.

Lager-Liebe: Katharina (90) und Peter Scharfenberger (92) lernten sich im Flüchtlingslager Eichenkofen kennen und heirateten dort 1949. Die beiden Donauschwaben hatten einst den Lagerplan neu gezeichnet.

Aus diesem Anlass wurde der Heimat-Tag ins Museum verlegt. Festredner war Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft und ehemaliger Europaabgeordneter. Posselt stützte sich in seiner Rede vor allem auf den „Heimatgedanken“, der seit den 1980er Jahre wieder zunehmende Bedeutung erfahre. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der 1980er Jahre sei auch in den Ostblockstaaten ein neues Gefühl der Verbundenheit mit der Heimat gekommen, 1990 hätten die Sachsen die lang vergessene grünweiße Fahne hervorgeholt, in Görlitz habe er die gelbweiße Fahne Schlesiens gesehen.

Posselt: „Wir sind nicht die Nachhut der Vergangenheit, sondern die Vorhut der Zukunft“

Posselt betonte allerdings, dass der Begriff der Heimat keinesfalls Ausgrenzung und Abschottung bedeuten solle. Dafür zog er auch Europa heran und zitierte den früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel mit den Worten, dass „das Europa von morgen eine Heimat der Heimaten sein soll“. Für seine Aussage „wir sind nicht die Nachhut der Vergangenheit, sondern die Vorhut der Zukunft. Keiner soll das Erlebte der Eltern am eigenen Leib erfahren müssen“ erntete Posselt Beifall.

Experten unter sich (v. l.): Helmut Bongart, Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Erding, Ausstellungsinitiatorin Maria Mader und Museumsleiter Harald Krause.

Die Stadtkapelle Erding spielte Stücke wie „Mein Heimatland“, „Gablonzer Perlen“ und „Mondschein an der Eger“. Zu den geladenen Gästen gehörten neben Vize-Landrat Jakob Schwimmer auch Erdings Zweiter Bürgermeister Ludwig Kirmair, CSU-MdB Andreas Lenz, Paul Hansel (Bezirksvorsitzender des Bundes der Vertriebenen), Johann Slezak (Bezirksobmann der Sudetendeutschen) sowie zahlreiche Kreisräte, Gemeinderäte und Bürgermeister.

Im Landkreis Erding gibt es noch 17 Vertriebenendenkmale

Helmut Bongart, Kreisobmann der Landsmannschaft, erinnerte daran, dass die Sudetendeutschen neben Altbayern, Schwaben und Franken zum vierten Stamm in Bayern wurden und den Freistaat maßgeblich mit aufgebaut hätten. Im Landkreis Erding gebe es noch 17 Vertriebenendenkmale. Vier seien bereits restauriert, zwei sollen noch instandgesetzt werden. In einem neu erschienenen Buch sind sie aufgeführt. Schwimmer dankte den Vertriebenen, Bayern „aus der tiefsten Niederlage seiner Geschichte heraus mit aufgebaut und ins Wirtschaftswunder geführt“ zu haben.

16 000 Flüchtlinge bis 1950 im Landkreis Erding

Die ersten Flüchtlinge kamen im November 1944 im Landkreis an, bis 1950 wurden es 16 000. Sie machten rund ein Fünftel der Bevölkerung aus. Museumsleiter Harald Krause und seine Kollegin Elisabeth Boxberger nannten Eckdaten zur Ausstellung, die sie ein Jahr lang akribisch vorbereitet hatten. Entstanden ist sie auf Anregung von Maria Mader, viele Jahre Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die trotz ihrer 87 Jahre oft im Museumscafé ist. Wie Boxberger erklärte, wurden 24 Zeitzeugengespräche geführt, aus denen zehn Biografien einzeln aufgeführt sind. Es gibt rund 530 Leihgaben von Betroffenen sowie Schenkungen, die teils noch gesichtet werden müssen.

Die Ausstellung umfasst die Erlebnisse der Vertriebenen aus dem Sudetenland, Schlesien, den Gebieten in Ungarn und Rumänien, Danzig, Ostpreußen und Lettland. Es gibt viele Schautafeln, aber auch den Nachbau einer Fassade aus dem Lager Eichenkofen, das von 1945 bis 1954 bestand.

An der Universität im tschechischen Pilsen gibt es ab dem Wintersemester einen neuen Studiengang:"Bayern-Studien".

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