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Zentraler Ort der Trauer und des Gedenkens: In der Aula der Grundschule Klettham wurde ein Tisch mit Bildern, Briefen und persönlichen Erinnerungen aufgestellt. Immer wieder kommen Kinder und Lehrer hierher und nehmen Anteil.

Nach dem entsetzlichen Unfall auf der Nürnberger Autobahn

Grundschule Klettham trauert um tote Kinder

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Erding - An der Grundschule Klettham herrscht Trauer. Die beiden Buben, die vorige Woche bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, besuchten hier die zweite Klasse. Nun hat der Unterricht wieder begonnen. Die Schulfamilie hatte sich professionell auf die Trauerarbeit vorbereitet.

Es sind Zeilen, die einem das Herz zerreißen: „Ich bete für euch und denke an euch. Viel Glück“, steht auf einer Karte, die mit Herzen umrandet ist. „Ich kann euch nicht mehr sehen, aber bin trotzdem im Herzen bei euch“, hat einer zu Papier gebracht. „Mein Freund kommt nicht mehr aus meinem Kopf. Ich werde traurig sein, wenn ich sie weinen sehe.“

Es sind Briefe, die Mitschüler an die getöteten Brüder geschrieben haben. Stapelweise liegen sie auf dem Gedenktisch in der Aula, auf dem drei Kerzen brennen. Bunte Steine bilden Girlanden. Die Gesichter der so tragisch ums Leben gekommenen Buben lachen den Besucher aus schwarzen Rahmen entgegen.

Zum Lachen ist an der Schule niemand. Am Tag nach der Katastrophe, bei der die sechsköpfige Familie auseinander gerissen wurde – die sieben und neun Jahre alten Buben sind tot, die neun und zwölf Jahre alten Schwestern sowie die Eltern (37/50) wurden schwer verletzt – wurde die Schule informiert.

Rektorin Ingeborg Bruns und ihre Stellvertreterin Angelika Poth berichten, dass es Fortbildungen gebe, wie man sich nach Unglücken richtig verhält, wie man mit den verschiedenen Formen von Trauer umgeht. Dann ist da noch das interne Team für Krisenintervention. Zudem könne man sich Hilfe von außen holen. Nicht zuletzt gibt es in Klettham eine Schulpsychologin und eine Schulsozialarbeiterin. Doch dass der Ernstfall eines Tages eintritt, das wünscht sich niemand – auch Klettham wurde wie aus heiterem Himmel getroffen.

Zwei Kinder aus Auto geschleudert und getötet

„Es ist die Apokalypse“, erzählt Poth, die wie Bruns alle vier Kinder gut kennt. „Sie waren alle bei uns auf der Schule.“ Die Todesopfer gingen in die zweite Klasse, das schwer verletzte Mädchen (9) in die Dritte. Die zwölfjährige Schwester ist vor kurzem an die Mittelschule gewechselt.

Bruns, Poth und die Schulpsychologin erarbeiteten einen Trauerprozess. „Wir haben uns am Sonntag mit den betroffenen Lehrern und der Schulsozialarbeiterin zusammengesetzt und alles bis ins Detail geplant. Wir wussten nicht, wie weit sich die Nachricht schon verbreitet hatte“, so die Rektorin. Auch der Gedenktisch wurde aufgebaut und geschmückt.

Am Montag nach den Ferien versammelten die Klassenlehrer um 7.45 Uhr ihre Kinder und informierten sie. „Da ging es nur um den Hergang, nicht um Schuldfrage oder Gerüchte“, erklärt Poth. Kurz nach 8 Uhr kam die Schulfamilie zu einem Gedenken zusammen. „Es war sehr still, es herrschte große Betroffenheit.“ Es wurden ein islamisches Gebet und ein Gedicht (Kasten) vorgetragen. „Überhaupt ist es seither sehr ruhig an unserer Schule“, schildert Bruns. Ihre Vertreterin ergänzt: „Wir sind sehr eng zusammengerückt.“

Danach gingen alle elf Klassen in ihre Zimmer. „Dort wurde die Trauerarbeit fortgesetzt“, sagt Bruns, die an diesem Tag das Kriseninterventionsteam im Haus hatte. Alles wussten: Wer Hilfe braucht, bekommt sie. „Es war jedem selbst überlassen, wie er damit umgeht“, berichtet Poth. „Einige haben gemalt, einige haben Briefe an ihre Mitschüler geschrieben. Jeder durfte jederzeit an den Tisch mit den Erinnerungen gehen.“ Das Kondolenzbuch füllte sich schnell.

Die Bänke in den Klassen, in denen die beiden Buben waren, blieben frei. Dort wurden ebenfalls Kerzen angezündet.

In den Pausen fanden laut Rektorin Konferenzen statt, in denen sich die Lehrer intensiv über den Fortschritt des Trauerns austauschten und die Pädagogen auch über ihre eigenen Gefühle sprechen konnten. Einigen Kindern sei es wichtig gewesen, dass der Unterricht weitergeht. Alltag kann schützen.

Wann in der Grundschule Klettham wieder so etwas wie Normalität eingekehrt, weiß niemand. „Wir planen irgendwann noch mal ein Treffen aller, bei dem die offizielle Trauer abgeschlossen werden soll“, sagt die Konrektorin. Dann sollen das Kondolenzbuch und alle Erinnerungen der Familie übergeben werden. Von der weiß die Schule, wie dankbar sie ist, dass ihre beiden Buben unvergessen sind und im Herzen der Schule bleiben werden.

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