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Ein eingespieltes Team: Marianne Braun (2.v.l.) mit ihren Mitarbeiterinnen (v.l.) Annemarie Puddig, Hedwig Wagner und Edeltraud Pappert. Die Chefin zeigt ein Fotoalbum mit alten Bildern einer Pelz-Modenschau.

Nach fast 70 Jahren Geschäftsbetrieb in Erding

Handarbeiten Braun schließt

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Erding - Es ist die Adresse für Strick-, Häkel- und Stickbegeisterte in Erding: Handarbeiten Braun. Generationen von Kunden haben dort ihre Wolle, Damast-Tischdecken und Bastelutensilien gekauft. Ende März ist damit Schluss. Dann schließt das Traditionshaus. Nach 60 Jahren im Betrieb hört Marianne Braun aus Altersgründen auf.

Das Handarbeiten ist ihr Leben. 60 Jahre lang hat sich Marianne Braun dieser Leidenschaft verschrieben. Seit sie als junges Mädchen, gerade 18 Jahre alt, vom Arbeitsamt zu „Pelz Braun“ geschickt worden ist. „Ich hatte Schneiderin gelernt und war nach der Lehre ausgestellt worden“, erinnert sich die 79-Jährige. Damals war die Firma Braun noch als Pelzgeschäft bekannt. Die Wolle und Strickmaschinen gab es auch schon.

„Ich dachte für mich: Da bleib ich keine sechs Wochen“, schildert Marianne Braun, die damals noch Holmburger hieß, ihre ersten Eindrücke: „Mir hat die Arbeit in der Kürschnerei nicht geschmeckt.“ Aber das hat sich schnell geändert. Maßgeblichen Anteil daran hatte Juniorchef Herbert Braun. Die beiden mochten sich auf Anhieb und waren ein Jahr später verheiratet.

Herbert Braun hatte eine schwere Zeit hinter sich. Zu Kriegsende war er in russische Gefangenschaft geraten und vier Jahre in Sibirien. Erst 1948 kehrte er nach Hause zurück.

Bis zu Herberts Tod 2006 waren die beiden nicht nur privat unzertrennlich und Eltern dreier Kinder. Auch beruflich zogen sie an einem Strang. Marianne Braun kümmerte sich um den Laden, Herbert um das Kaufmännische und den Versandhandel, den heute noch viele Schulen deutschlandweit nutzen. Das Geschäft bleibt weiter bestehen.

Die Kürschnerfamilie Braun stammte aus Eschweiler und war über München nach Erding gekommen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten Mariannes spätere Schwiegereltern in ihrem Häuschen an der Mozartstraße in der Freisinger Siedlung ein Pelzgeschäft eingerichtet. Ein Holzkasten diente damals als Schaufenster. 1948 eröffneten sie an der Bachingerstraße einen kleinen Laden mit großer Werkstatt. „Pelz Braun“ machte sich schnell einen Namen.

1955 wurde im Gabrecht-Haus an der Langen Zeile der Laden frei (heute Parfümerie Howerka). 20 Jahre lang führten die Brauns dort ihre Geschäfte. 1958 richteten sie ihren ersten Strickraum ein, „in dem die Kundinnen kostenlos auf Strickmaschinen stricken konnten – bis abends um Zehn“, erinnert sich Marianne Braun. 1965 begann ihr Mann zudem mit dem Schulversand.

1976, im Frühjahr, mussten sie ausziehen. Das Gabrecht-Haus wurde abgerissen. Familie Braun kaufte das heutige Stammhaus schräg gegenüber an der Langen Zeile 21A. Bis es umgebaut war, kam der Betrieb für ein halbes Jahr im ehemaligen Feuerwehrhaus am Schrannenplatz unter – heute bekannt als Frauenkircherl.

Zehn Jahr lang führten die Brauns noch Pelze, aber das Hauptaugenmerk lag bereits auf Wolle und Handarbeiten aller Art. So gab es Damasttischdecken, die man selbst besticken konnte. Regelmäßig war man auf Messen vertreten. Doch beim Braun konnte man nicht nur einkaufen. Marianne Braun und ihre Mitarbeiterinnen erklärten den Kundinnen geduldig auch Anleitungen, berechneten Maschen – und halfen, falls mal was schief gelaufen ist. „So haben wir uns einen großen Stammkundenkreis aufgebaut – bis nach München, Landshut und Freising“, sagt Marianne Braun.

Neben dem Stammhaus an der Langen Zeile führte die Familie von 1981 bis 1991 eine Filiale im Sempt-Markt in Aufhausen. „Zu Hochzeiten hatten wir in der Langen Zeile zehn Verkäuferinnen. Außerdem haben wir eine Reihe von Lehrlingen ausgebildet“, erzählt Marianne Braun.

In all den Jahren kam das Handarbeiten nie aus der Mode. Im Gegenteil: Marianne Braun sah viele Trends kommen und gehen. Jetzt ist sie 79 Jahre alt. Das Aufhören fällt ihr schwer. „60 Jahre wischt man nicht weg“, sagt sie. Aber sie freut sich auch darauf, selber wieder zu stricken und zu nähen. In den vielen Jahren im Geschäft kam das oft zu kurz.

Ihre erste Nähmaschine, eine Automatik der Firma Gritzner, hatte sich Marianne Braun in den 1950er Jahren von ihrem Lehrlingslohn gekauft – für 880 Mark. Drei Jahre lang hatte sie darauf hin gespart. Die Maschine besitzt Marianne Braun heute noch. Sie hat einiges genäht in ihrem Leben. „Das Tollste war ein Schalk“, erzählt sie stolz. Mit dieser Miesbacher Hochzeitstracht überraschte sie ihre Mutter 1986 zur Goldenen Hochzeit.

Bis Ende März hat das „Haus der Handarbeit“ noch geöffnet. Wer danach einzieht, steht noch nicht fest. „Es gibt schon Interessenten. Aber wir werden nichts überstürzen“, sagt Marianne Braun.

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