Nach Kreißsaal-Schließung: Hebammen melden sich zu Wort

Familienfeindliche Dienstzeiten?

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Ist die Hebammen-Krise am Klinikum Erding mit der Schließung des Kreißsaals von Juli bis September nicht nur den schlechten allgemeinen Bedingungen geschuldet, sondern auch hausgemacht?

Erding - Diesen Vorwurf erhebt Hebamme Dorit Naefe aus Pastetten. „Es ist das Zwei-Schicht-Modell mit Dienst- und Bereitschaftszeiten, das für viele unattraktiv ist.“ Am Klinikum haben die selbstständigen Geburtshelferinnen von 6 bis 18 Uhr und von 18 bis 6 Uhr Dienst. Regelmäßig schließt sich eine gleich lange Bereitschaftszeit an.

„Das ist nicht attraktiv. Keine Kollegin, die Kinder hat, kann das länger machen“, kritisiert Naefe. „Ich würde sofort als Beleg- oder angestellte Hebamme mit Früh- und Nachtschichten am Klinikum anfangen. Aber diese Möglichkeit gibt es ja nicht.“ Zu der Kritik sagt Klinikums-Sprecherin Daniela Fritzen: „Die Besetzung des Kreißsaals mit Beleghebammen lag bis jetzt in der Verantwortung der Hebammen-Gemeinschaft. Das Klinikum ist dabei für jedes Modell offen, welches eine durchgängige Besetzung des Kreißsaals sicherstellt.“

Naefe und ihre Taufkirchener Kollegin Marlene Rachl glauben, dass starke Belastung und familienunfreundlichen Arbeitszeiten Hauptgründe für die Kündigung der letzten sieben Hebammen gewesen seien. Einige hatten zudem weite Anfahrtswege.

Hinzu kommt die Prämie für die Berufshaftpflicht. Wer als selbstständige Hebamme bei Geburten dabei ist, muss demnächst 8000 Euro pro Jahr zahlen.

Beide Geburtshelferinnen berichten, dass etliche Kollegen deswegen keine Geburten mehr machten, sondern sich auf Vor- und Nachsorge sowie auf Geburtsvorbereitungskurse beschränkten. Dann kostet die Versicherung nur 250 Euro. Bei Festangestellten sind es 900 Euro.

Auf der Gegenseite stehen die Einnahmen. Für eine Hausgeburt erstatten die Kassen 537 Euro, für eine in der Klinik 237 Euro. Für einen maximal einstündigen Wochenbettbesuch werden 27 Euro vergütet.

Rachl und Naefe sagen, die Nachricht von der zeitweisen Schließung habe sie völlig überrascht. Naefe ist darüber verwundert. „Meines Wissens wurde in der Umgebung nicht nach Ersatz gesucht.“ Jetzt gibt es erste Online-Stellenangebote – wieder im Zwei-Schicht-Modell.

Beide können nicht glauben, dass es in Erding keine Geburten mehr gibt. Die Entwicklung sei dramatisch: 700 Geburten wie zuletzt in Erding könne man nicht einfach aufs Umland verteilen. Engpässe gebe es überall.

In der bald recht verwaisten Babystation sollen laut Fritzen Patienten anderer Abteilungen untergebracht werden. Das Personal, darunter Kinderkrankenschwestern, baue nun Überstunden und Urlaubstage ab.

Eine Gesundheitspflegerin, die auch Hebamme ist, wird bei den Kaiserschnitten anwesend sein.

Rubriklistenbild: © dpa

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