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Das beste Mittel, um Krisen zu zu bewältigen, ist die Musik, sagt Bob Ross (6. v. l.).

So erlebte eine Erdinger Familie den Amoklauf in München

Die Nacht mit Bob Ross: Musiker, Taxler, Krisenmanager

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München - Die Familie Frauendorfer war am Freitagabend auf dem Weg nach München. Sie wollten zum Konzert der Münchner Bläsergruppe Blechschaden, das im Brunnenhof stattfinden sollte.

„Auf der Titanic spielte das Orchester auch bis zum Schluss – dieser Gedanke ist mir in diesen Stunden immer wieder gekommen“, sagt Andrea Frauendorfer und entschuldigt sich dafür. Denn die Musiker im Herkules-Saal haben alles getan, um den Zuhörern die Angst zu nehmen. Mehr noch. „Sie haben am Ende des Konzerts ihre Autos vollgepackt, und möglichst viele Zuhörer mitgenommen.“ Aber der Reihe nach: So erlebte die Familie Frauendorfer den Freitagabend in München. Es ist ein Beispiel für Solidarität und Krisenbewältigung.

Thomas und Andrea fuhren an den Busbahnhof nahe der Hacker-Brücke, um ihre Tochter abzuholen. Danach wollten sie zum Konzert der Münchner Bläsergruppe Blechschaden, das im Brunnenhof stattfinden sollte. Katjas Ankunft verzögerte sich. Dass ihr Bus in etwa zu dem Zeitpunkt am OEZ vorbeifuhr, als dort die Schießerei begann, ahnte keiner der Drei. „Verspätung halt“, zuckt Andrea Frauendorfer mit der Schulter.

Doch dann begannen die Szenen, die man nur aus Filmen kennt. „Aus allen Ecken rasten Polizeiautos an uns vorbei“, erzählt die 50-Jährige. „Was wir komisch fanden: Die fuhren in alle Richtungen – stadtein- und auswärts. Wir sahen, dass die Polizisten mit Maschinenpistolen bewaffnet waren.“

Die Drei stellen das Auto in der Tiefgarage an der Oper ab. Und dann kam der Moment, „an dem ich mein etwas naives Sicherheitsdenken verlor“, erzählt die Pretzenerin. Sie wollte sich an einer Eisdiele eine Nachspeise gönnen. „Da knallt mir der Mann die Tür vor der Nase zu und blafft: ,Da ist ein Amokläufer unterwegs. Ich lasse hier niemanden mehr rein.’“ Das Trio macht sich schleunigst auf den Weg Richtung Konzertsaal. „Das schien uns der sicherste Ort zu sein“, erzählt Andrea Frauendorfer.

Dort angekommen, bekamen sie mitgeteilt, dass das Konzert im größeren Herkulessaal stattfinden wird. Und dort leitete Bob Ross das Konzert mit folgenden Worten ein: „Es hat schon immer Krisen gegeben, und die Musik war das beste Mittel, um sie zu bewältigen.“ Der Dirigent versprach: „Wir werden so lange spielen, bis die Polizei sagt, dass sie wieder sicher durch München fahren können.“ Und sie spielten und spielten.

Ross und die Veranstalter gaben zwischendurch die neuesten Informationen bekannt. „Das war vor allem für die älteren Zuhörer wichtig. Die Jungen hatten mit ihren Ladekabeln längst alle Steckdosen belegt“, erzählt Andrea Frauendorfer, „sogar auf den Toiletten waren alle Akku-Anschlüsse besetzt“.

Über Twitter habe er sich informiert, berichtet Thomas Frauendorfer, der noch eine unheimliche Begegnung hatte: „Zwei Amerikaner haben mir wild gestikulierend erzählt, dass sie in eine Schießerei am Stachus geraten seien.“ Er ärgert sich: „Warum erzählen die so einen Mist? Das war nur Panikmache.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Orten in München war aber im Herkules-Saal alles ruhig. Die Musiker, die großen Philharmoniker, boten sich als Taxler an. Und die Zuhörer stimmten sich auch selbst untereinander ab. Auch die Frauendorfers fuhren eine ältere Frau heim – quasi der letzte Akt eines Miteinanders, das an diesem Abend für alle selbstverständlich war.

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