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Pflegekrise in bayerischem Klinikum: Oberbürgermeister „entsetzt über Umgang in diesem Haus“

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Von: Hans Moritz

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Grau in Grau - am Klinikum Erding ist die Stimmung mau. Die Pflege geht mit dem Management hart ins Gericht - und hat die Politik auf ihrer Seite. © Hans Moritz

Pflegekrise im Klinikum Erding: Wegen des riesigen Personalmangels müssen Betten gesperrt werden, die Notaufnahme ist zeitweise abgemeldet. Der Frust unter den Pflegern ist enorm.

Erding - Das Klinikum Erding ist in eine tiefe Pflegekrise gerutscht. Der Krankenstand befindet sich auf einem historisch hohen Stand, mindestens eine chirurgische Station musste komplett abgemeldet werden, auf anderen müssen wegen des Personalmangels Betten gesperrt werden. Die Notaufnahme ist zeitweise abgemeldet. Tenor vieler Pflegenden: Es ist zu viel, es reicht. Der Frust ist enorm. Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) kündigte am Abend konkrete Verbesserungen an.

Im Krankenhausausschuss wurde am Montag schwere Kritik am Klinik-Management laut. Nach einer turbulenten Mitarbeiterversammlung am Freitag – zwei weitere sollen folgen – ist Bayerstorfer klar: Es ist offensichtlich nicht nur der hohe Krankenstand, es ist vor allem auch der Umgang der Klinik- und der Pflegedienstleitung mit den Mitarbeitern.

Klinikum Erding in der Pflegekrise: Betten wegen Personalmangel gesperrt

Im Ausschuss berichtete der Landrat, „dass zahlreiche Überlastungsanzeigen gestellt wurden“. Zudem hätten ihn mehrere Beschwerdebriefe erreicht – von weitergeschickten Patienten, aber eben auch von Pflegenden. Für Bayerstorfer ist das Maß voll. Es sei mittlerweile unerträglich, „dass das verbliebene Personal nun noch mehr leisten soll, um die Dienste abdecken zu können“. Nach der Betriebsversammlung sei er ob der Auswirkungen „erschüttert“ gewesen: „Die Lage ist sehr ernst.“

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Die Situation sei für alle nicht einfach, umso mehr appelliere er „an den Zusammenhalt und die Gemeinschaft“. Damit meinte er auch das Management. „Wir sind nun mal der einzige Allgemeinversorger hier.“ Es sei grundsätzlich schwieriger, zusätzlich geschaffene Stellen zu besetzen, in der aktuellen Lage noch schwieriger.

Krankenhausdirektor Dr. Dirk Last sprach von einer „sehr ernsten Lage“. Im ersten Quartal habe man nicht nur extrem viele Covid-Patienten gehabt, sondern (bis heute) einen sehr hohen Krankenstand in der Belegschaft. Er griff zwei Tage heraus: 64 Kranke am 10. März 2019 und 142 Kranke exakt drei Jahre später, ein Plus von 120 Prozent. Das Haus müsse den Spagat hinbekommen, möglichst keine Patienten abweisen zu müssen.

Pflegekrise im Klinikum Erding: „Sehr ernste Lage“

Genau das ist nach Informationen unserer Zeitung zuletzt aber reihenweise geschehen. Mehrere Bürger informierten die Redaktion, dass der Rettungsdienst ihnen eröffnet habe: „Gehen Sie besser zu Fuß rein. Dann müssen die Sie aufnehmen. Uns vom Rettungsdienst schicken sie weiter.“

Last erklärte, die Notaufnahme sei von der Versorgung her sicher, nicht sicher seien die Stationen, wo immer wieder Betten gesperrt werden müssten. Das wiederum wirke sich auf den OP-Betrieb aus. Schon wieder müssen planbare Eingriffe verschoben werden – allerdings nicht wegen Corona, sondern wegen mangelnder personeller Kapazitäten.

Sosa Balderanou (CSU) erkundigte sich, ob man denn wisse, an was die Mitarbeiter erkrankt seien. Das verneinte Last mit Verweis auf den Datenschutz. Hintergrund Balderanous Frage dürfte freilich gewesen sein, ob sich das Personal nicht auch deshalb krankschreiben lässt, weil es schlicht ausgebrannt ist und sich von den Verantwortlichen nicht hinreichend ernst genommen fühlt.

Pflegekrise im Klinikum: Oberbürgermeister „entsetzt über Umgang in diesem Haus“

Diesen Verdacht hegt offensichtlich auch Erdings OB Max Gotz (CSU). „Ich bin entsetzt über den Umgang in diesem Haus, es liegt ja nicht nur an Corona.“ Es müsse sich nun etwas bewegen, „sonst können wir anwerben, wen wir wollen“. Das werde solange ohne Erfolg sein, solange die Mitarbeiter nicht wertgeschätzt würden. „Wer das nicht tut, ist keine Führungskraft“, sagte Gotz, der überzeugt sei: „Der Frust ist über Jahre gewachsen.“ Er könne sich vorstellen, Experten von außen zu holen, um die Lage zu verbessern.

Nicole Schley (SPD) wollte von Last wissen: „Was tun Sie denn?“ Der sprach von diversen Maßnahmen, die er aber nicht öffentlich darlegen wolle. Das gefiel Martin Huber (AfD). Er befand, die Missstände dürften nicht angesprochen werden, „solange die Presse im Raum ist“.

Nicht öffentlich tagte der Ausschuss danach mehrere Stunden bis zum frühen Abend – mit laut Bayerstorfer konkreten Ergebnissen: bis Jahresende 150-Euro-Springer-Prämie, doppelte Erding-Zulage, möglicherweise Kinderbetreuung und Einschaltung einer Personalagentur (Bericht folgt). ham

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