Windeln für pflegebedürftige Senioren statt zeitraubende Hilfe beim Toilettengang: Pflegeexperte Claus Fussek regte einen Selbstversuch an. foto: vogel

Pflegeexperte Claus Fussek: Ein Plädoyer gegen die Verdrängung

Erding - Pflegeexperte Claus Fussek legte in der Volkshochschule Erding den Finger mitten in die Wunde. Er war Festredner zum Weltfrauentag. Sein Thema: „Wer pflegt dich? Wer pflegt mich?“.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Marietta Wolf, hatte den Münchner Fachmann Claus Fussek anlässlich des Weltfrauentages eingeladen. Mit seinem aufrüttelnden Referat über den Pflegenotstand und Missstände bei der Betreuung alter Menschen nahm er jeden in die Verantwortung. Er hielt ein Plädoyer gegen die „kollektive Verdrängung“.

Der Sozialpädagoge bestärkte die vielen anwesenden Pflegekräfte, Zivilcourage zu zeigen, sich mit den Kollegen, Angehörigen und Senioren zu solidarisieren, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen nicht hinzunehmen. Es gelte, „die Allianz des Schweigens und des Mobbings“ zu durchbrechen. Personalmangel in der Pflege sei vorsätzliche Körperverletzung. „Den Pflegekräften mache ich keinen Vorwurf, dass sie es nicht schaffen, aber dass sie schweigen und diejenigen mobben, die über Missstände reden.“ Die meisten von ihnen hätten mehr Angst vor den Kollegen als vor dem Staatsanwalt. „Wer schweigt, stimmt zu. Es gibt keine Ausreden“, so Fussek weiter. Irgendwann gehe es an die Substanz, irgendwann werde man von den Kindern und Enkeln gefragt: „Was habt Ihr mit Opa und Oma gemacht? Wie sind sie gestorben?“

Eine Betreuerin, die in einem Heim gearbeitet und nicht geschwiegen hatte, meldete sich in der emotionsgeladenen Diskussion zu Wort. Sie habe ihren Arbeitgeber angezeigt, erzählte die Frau. Diese Entscheidung habe auch etwas mit ihr gemacht und Leidensdruck verursacht. Sie lebe inzwischen von Hartz IV und habe Bedenken, in ihren Beruf zurückzukehren: „Ich habe Angst, dass ich wieder etwas sehe.“ Fussek erwiderte, dass sie nichts anderes als ihre Bürgerpflicht getan habe und man gerade Menschen wie sie in der Pflege brauche. Der Pflegeexperte plädierte für ein funktionierendes Frühwarnsystem in den Heimen, für unangemeldete Kontrollen durch die Heimaufsicht und für ein Klima der Offenheit. Es sei auch dringend nötig, pflegende Angehörige zu entlasten.

Fussek forderte Planungssicherheit im sozialen Bereich. Dazu brauche man die richtigen Leute in der Politik, die soziale Projekte fördern und sich für deren Finanzierung stark machen, wurde in der Diskussion angemerkt. Ein Sohn erzählte aufgewühlt von seinem Vater, der aus dem Krankenhaus als gesund entlassen wurde, obwohl er pflegebedürftig gewesen sei. Der Vater verstarb wenig später. „Es fehlt der Respekt vor den alten Leuten“, so der Mann.

Rita Gabler, die das Palliativ-Team Erding mit aufgebaut hat, berichtete vom mühsamen Weg, das Projekt zu finanzieren. Sie habe das Geld „zusammenbetteln müssen“. Mit Hilfe engagierter Pflegekräfte und Ärzte sowie viel „Klinkenputzen“ sei das Palliativ-Team zustande gekommen, das Schwerstkranke und deren Angehörige begleitet. Es sei beschämend, dass die Finanzierung einer so wichtigen Einrichtung keine Selbstverständlichkeit sei, erwiderte Fussek. (vev)

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