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Am Ziel: Der schwerbehinderte Erdinger Christian Saleta hat nicht nur den Pilotenschein geschafft. Das Bild zeigt den 39-Jährigen mit der Auszeichnung „Aviator of the year 2016“.

Pilotenlizenz für Christian Saleta aus Erding 

Behinderter erfüllt sich Traum vom Fliegen

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Er hat es wirklich getan. Und er hat es geschafft: Christian Saleta aus Erding hat trotz schwerster Behinderung in England den Pilotenschein gemacht. Jetzt darf er alleine ins Cockpit. Die unglaubliche Geschichte des 39-Jährigen lehrt: Selbst kühnste Träume können wahr werden.

Erding - Christian Saleta hat schon so vieles geschafft, was ihm niemand zugetraut hätte. Dabei hätte nicht viel gefehlt, und der 39-Jährige wäre bei der Geburt gestorben. Von Anbeginn muss er mit einer schweren Spastik leben. Wenn er redet, muss man sich stark konzentrieren, um ihn zu verstehen.

Saleta hat es nie leicht gehabt, seine Behinderung ist offensichtlich. Auf Anhieb nicht sichtbar ist, welch heller Kopf der Erdinger ist. Vor ein paar Jahren hat er eine Hochleistungsbremse für eine Corvette entwickelt. Ein Kurzfilm von ihm wurde mit mehreren Preisen bedacht. Sein größter Wunsch blieb freilich lange unerfüllt – der Traum vom Fliegen – im Cockpit, am Steuerknüppel. Endlich einmal frei sein, keine Hürden, keine Stolpersteine – über den Dingen schweben.

In dem Erdinger Piloten Hans Seeholzer hat Saleta einen guten Freund gefunden. Immer wieder nahm er ihn mit aufs Militärgelände, wo der Fliegerclub seine Maschinen stehen hat. Dem Hansi ist keine Idee zu verwegen, deswegen ermunterte er Saleta: „Wenn du es machen willst, dann mach’ es.“

Männer und Multitasking

Den Grundstein legte Saleta 2014, als er in England das Zertifikat „Class 2 Medical“ erwarb. Das bescheinigt dem Schwerbehinderten die volle medizinische Tauglichkeit für eine Privatpilotenlizenz.

Nun war klar: Niemand mehr sollte den 39-Jährigen von seinem Weg abbringen. Ob er geahnt hat, dass der Weg unter die Wolken ein weiter und verdammt teurer ist? Vermutlich nicht, denn Saleta rechnete mit sieben Wochen und 12 000 Euro Kosten. „Am Ende waren es sieben Monate und 28 000 Euro“, berichtet er und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die erste Riesenhürde war der Funk. Jeder Pilot braucht ein Sprechfunkzeugnis. Wenn man sprachlich gehandicapt ist wie Saleta, wird es noch schwieriger. 2015 suchte er eine Stimm- und Gesangspädagogin auf und schrieb sich an der Munich Flight Academy ein. Im August 2016 hatte er die erste Hürde genommen – er hielt das von der Bundesnetzagentur bewilligte Zertifikat in Händen.

Damit war er immer noch himmelweit vom Pilotenschein entfernt. Im März 2016 ging Saleta nach England, genauer gesagt in die Flugschule Aerobility im Südwesten des Landes. Dabei handelt es sich um eine Charity-Organisation, die Menschen mit jedweder Behinderung das Erlebnis Fliegen vermitteln will.

Doch statt ins Cockpit führte Saletas Weg zunächst einmal an den Schreibtisch: Pauken war angesagt. „Ich habe neun Bücher mehr oder minder auswendig gelernt, jedes mit 300 bis 500 Seiten.“

Dann ging es endlich raus. Und Saleta erlebte sein blaues Wunder: „Fliegen, das ist nicht nur das reine Bedienen von Steuerknüppel und Gashebel. Fliegen, das ist höchste Form des Multitaskings“, erzählt er. Er musste lernen, gleichzeitig das Flugzeug zu steuern, die Bordsysteme zu bedienen, die Augen auf der Karte zu haben und immer wieder Kurs, Zeiten und Wegmarken zu berechnen.

Und das nicht nur bei Tempo 200, sondern auch im am dichtest besiedelten Luftraum der Welt. Saleta musste sich den Himmel mit unzähligen Flugzeugen auf dem Weg nach Heathrow und Gatwick teilen. „Mit meinem Chefausbilder Mike Owen habe ich jeden Tag meine körperlichen Grenzen nach vorne verschoben. Unzählige Male wollte ich aufgeben.“

Aber Saleta schlug sich wacker: Am 15. August 2016 – in Deutschland ein Feiertag – absolvierte er seinen ersten Alleinflug quer über das Inselreich mit Zwischenstopps in Northampton und Birmingham. „Das war das schönste Erlebnis in meinem Leben“, versichert er. Trotz Sprachbehinderung kann er sich immer mit dem Tower verständigen. „Englisch fällt mir leichter.“

Es folgten weitere Prüfungen, nicht zuletzt in Theorie. Und dann war der große Tag gekommen: Am 29. Oktober bekam er sein Abschlusszeugnis – die Lizenz zum Fliegen.

Doch für Saleta sollte es noch höher hinausgehen. Ein Gehandicapter, der ein Ziel erreicht hat, an dem jährlich hunderte gesunde Bewerber scheitern – dafür wurde Saleta im November in Heathrow vor 500 hochkarätigen Gästen aus der Luftfahrt zum „Aviator of the year“ gekürt – als wohl weltweit einziger Pilot mit einer umfassenden körperlichen Behinderung, aber ohne eine einzige Auflage und Beschränkung.

Diskriminierung: Firmen zahlen Strafe

Und wie hat er die knapp 30 000 Euro finanziert? Saleta hatte edle Spender. Ein nicht unerheblicher Teil stammt aber aus Diskriminierungszahlungen von Unternehmen, die sich geweigert hatten, den schwerbehinderten Erdinger trotz seiner Qualifikationen einzustellen. Als Saleta das erzählt, huscht ein schelmisches Grinsen über sein Gesicht.

Er hat es – wieder einmal – allen gezeigt. Jetzt will er beim Erdinger Fliegerclub anheuern – um regelmäßig seinen Traum leben zu können. Er wird es schaffen. Bestimmt.

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