Die Hemmschwelle sinkt: Immer wieder werden Polizeibeamte in der Region angegriffen. Auch im Landkreis Erding.
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Die Hemmschwelle sinkt: Immer wieder werden Polizeibeamte in der Region angegriffen. Auch im Landkreis Erding. Symbolbild

Gewalt gegen Ordnungshüter nimmt generell zu – Licht und Schatten im Landkreis Erding

Polizisten als Zielscheibe

  • Wolfgang Krzizok
    VonWolfgang Krzizok
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Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt in Bayern zu. Im Landkreis Erding sind die Zahlen allerdings leicht rückläufig. Wir sprachen mit den Experten.

Landkreis – Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt in Bayern zu. „Die Schwelle, Polizistinnen und Polizisten anzugreifen und zu verletzen, wird offenbar bei einigen von Jahr zu Jahr niedriger“, sagte Innenminister Joachim Herrmann bei der Präsentation der aktuellen Zahlen. Im Raum Erding ist die Entwicklung allerdings nicht so negativ. „Für den Landkreis gab es im Jahr 2020 115 Fälle zu verzeichnen. Das bedeutet einen leichten Rückgang der Übergriffe auf Einsatzkräfte“, berichtet Florian Leitner, Stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Insgesamt wurden dabei 44 Kollegen verletzt.“ Das bedeute wiederum eine leichte Steigerung.

Florian Leitner, Hauptkommissar und Vize-Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP

Den Rückgang der Gewalttaten gegen Beamte der Inspektion Erding erklärt Polizeidirektor Rainer Kroschwald mit der „Einschränkung des öffentlichen Lebens wegen Corona. Dadurch konnten viele Veranstaltungen nicht in gewohntem Umfang stattfinden.“ Diskotheken und Bars waren geschlossen beziehungsweise sind es noch. Umso erstaunlicher findet es Erdings Polizeichef, dass nur ein leichter Rückgang um circa 19 Prozent zu verzeichnen gewesen sei.

Zu Beginn der Corona-Krise habe ein Großteil der Bevölkerung Verständnis für die Einschränkungen gezeigt. Im Frühjahr 2021 hätten dagegen „die langfristigen Beschränkungen des Freizeitverhaltens zu vermehrtem Unverständnis und zu einer Zunahme der Aggressionen“ geführt. Dies habe meist bei größeren Menschenansammlungen in verbale Beleidigungen gemündet. „In 40 Fällen wurden die eingesetzten Kräfte darüber hinaus bedroht, oder körperlich angegriffen“, berichtet Kroschwald. „Insbesondere angetrunkene, männliche Jugendliche oder Heranwachsende scheinen in der jeweiligen Situation jeglichen Respekt gegenüber Polizeieinsatzkräften vermissen zu lassen.“

24 Polizisten 2020 in Erding leicht verletzt

Bei der PI Erding gebe es nur wenige Einsatzkräfte, welche noch nicht beleidigt, oder angegriffen worden seien, stellt Kroschwald fest. „Im Jahr 2020 waren 110 Kollegen zum Teil mehrfach von verbaler oder körperlicher Gewalt betroffen“, sagt er. „Zu unserem Bedauern mussten wir 24 Einsatzkräfte als leicht verletzt registrieren.“

Rainer Kroschwald, Polizeidirektor und Leiter der Polizeiinspektion Erding.

Mit seinem Einsatzbereich ist der Leiter der PI Dorfen, Erster Polizeihauptkommissar Harald Kratzel, zufrieden. „Ich habe sehr viel mit den Menschen gesprochen und habe gute Erfahrungen gemacht“, betont er. Über allgemein steigenden Aggressionen gegenüber Polizisten sagt er: „Der Umgang des Bürgers mit der Polizei hat sich geändert: Früher hat man einfach pariert, wenn ein Polizist was gesagt hat.“ Heute werde das staatliche Handeln auch mal hinterfragt, und er ist sich sicher: „Die nächste Generation wird noch selbstbewusster. Aber wir sind geschult und wissen damit umzugehen.“

Konkret habe es 2020 in seinem Dienstbereich 20 Mal Gewalt gegen Polizisten gegeben, allerdings seien es keine schwerwiegenden Fälle gewesen, sondern nur leichte Gerangel. Da habe er schon „andere Hausnummern“ erlebt. „Vor zwei oder drei Jahren waren auch mal Messer im Spiel.“ Über 20 Jahre sei er „aktiv draußen“ gewesen, erzählt Kratzel. „Natürlich bin ich da auch beleidigt worden oder es gab Handgreiflichkeiten. Aber das gehört zum Dienst.“ Denn, wann werde die Polizei gerufen? „Im Regelfall, weil der eine mit dem anderen nicht kann, und eventuell sind Drogen oder Alkohol im Spiel.“ Er sehe sich als Polizist eher in der Rolle des Schiedsrichters, „und einer ist mit der Entschpeidung immer nicht einverstanden“.

Mittelfinger auf den Hintern tätowiert

Natürlich gebe es Beleidigungen, „da muss man trotzdem ruhig bleiben“, betont Kratzel. Das Kurioseste, das er erlebt habe, war, als ein Mann seine Hose runterließ, den Polizisten seinen nackten Hintern mit einem darauf tätowierten ausgestreckten Mittelfinger zeigte. „Früher hat dich die Uniform geschützt, heute stellt sie dich in den Mittelpunkt“, resümiert Dorfens Polizeichef. „Ich möchte trotzdem in keiner anderen Zeit leben.“

Harald Kratzel, Erster Polizeihauptkommissar und Leiter der Inspektion Dorfen

Die Beamten der Polizeiinspektion am Flughafen waren während der Corona-Pandemie besonders gefordert, speziell was das Beachten der Maskenpflicht betrifft. „Obwohl es durch regelmäßige Änderungen der Vorschriftenlage zu sichtlichen Irritationen bei den Fluggästen kam, verhielten sich diese nahezu immer vorbildlich und bei Verstößen einsichtig“, berichtet Polizeihauptkommissar Michael Pemler. In einigen Fällen sei es zu beleidigenden Äußerungen und nur vereinzelt zu körperlichen Übergriffen gekommen. In einem Fall wurde ein Polizist angespuckt. Friedlich sei es an den Testzentren in den Terminalbereichen während der 93-tägigen Betriebszeit zugegangen. Rund 200 000 Passagiere wurden getestet, über 1400 Polizeibeamte waren im Einsatz. An der Inspektion Flughafen könne eine coronabedingte Steigerung der Gewalt nicht bejaht werden. Das Verhalten einzelner Personen sei dennoch absolut inadäquat.

Polizeigewerkschafter Leitner bestätigt das: „Das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit als ,Freund und Helfer‘, so wie wir uns verstehen, gerät offenbar in leichte Schieflage.“ Günter Gietl, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord betont: „Angriffe auf Polizeibeamte sind absolut inakzeptabel. Wer für Recht und Ordnung einsteht, verdient den Respekt der Gesellschaft und darf nicht in Ausübung seines Dienstes selbst Opfer von Straftaten werden.“

Wolfgang Krzizok

Zahlen 2020:

Bayern: 8587 Gewaltvorfälle (+ 7,9 %, Höchststand), 2809 bei Angriffen verletzte Polizisten (+ 8,2 %);
Polizeipräsidium Oberbayern Nord: 837 Fälle (Höchststand);
Landkreis Erding: 115 Fälle (2019: 130), 44 verletzte Polizisten (36).

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