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Prozess gegen Barkeeper

Freispruch nach angeblichem Missbrauch

War die 16-Jährige wehrlos? Hatte die Betrunkene in den Sex mit einem Barkeeper eingewilligt? Diese Fragen waren nicht zu klären. Der 29-Jährige wurde freigesprochen.

Erding/Landshut – Nach neun Monaten Untersuchungshaft und fünf Verhandlungstagen vor der Jugendkammer des Landgerichts ist ein 29-jähriger Afghane wieder frei. Ihm war vorgeworfen worden, eine widerstandsunfähige 16-jährige Erdingerin in einer Bar sexuell missbraucht zu haben.

Ob die Grenze zur Widerstandsunfähigkeit bei der Mutter eines kleinen Sohnes tatsächlich überschritten gewesen sei, lasse sich nicht mehr feststellen, so Vorsitzender Richter Oliver Dopheide in der Urteilsbegründung. Es sei keinesfalls so, dass man der inzwischen 17-Jährigen nicht glaube, so der Richter, aber ihre Aussage zur Widerstandsunfähigkeit sei nicht eindeutig genug. Mit einer für eine Verurteilung ausreichenden Sicherheit lasse sich das aber nicht mehr feststellen. Daher müsse ein Freispruch erfolgen. Die Jugendkammer gestand dem 29-Jährigen auch eine Entschädigung für die erlittene Untersuchungshaft zu.

Das sei keine moralische Billigung, so machte Dopheide dem 29-Jährigen klar. Im übrigen habe der Angeklagte Glück gehabt: Drei Wochen nach dem Vorfall habe es eine Gesetzesänderung gegeben, nach der nicht nur absolute, sondern auch eingeschränkte Widerstandsunfähigkeit für eine Verurteilung ausgereicht hätte.

Beide Beteiligten stark alkoholisiert

Die 16-Jährige – beim Jugendamt als Ausreißerin und bei der Polizei wegen Widerstandshandlungen bekannt – hatte sich in der Nacht zum 22. Oktober mit zwei männlichen Bekannten in einer Erdinger Bar aufgehalten und erhebliche Mengen Alkohol getrunken. Als sie gegen 6.30 Uhr mit ihren Begleitern das Lokal verließ, um mit einem Taxi nach Hause zu fahren, brach sie plötzlich zusammen und verlor das Bewusstsein.

Laut der von Staatsanwalt Gerald Siegl vertretenen Anklage hätten sie dann die zwei Männer ins Lokal zurückgebracht und auf eine Couch gelegt. Während sich die Begleiter zum Rauchen vor die Tür begeben hätten, soll ihr der 29-jährige Barkeeper Hose und Unterhose ausgezogen und den Geschlechtsverkehr durchgeführt haben.

Der 29-Jährige hatte zum Prozessauftakt zunächst vom Schweigerecht Gebrauch gemacht, später aber den Sex mit der Jugendlichen eingeräumt. Er sei total besoffen gewesen (die spätere Rückrechnung ergab 1,6 Promille). Er entschuldigte sich, relativierte allerdings die Widerstandsunfähigkeit der jungen Frau: Als sie auf der Couch gelegen habe, habe sie geweint, „da habe ich sie in den Arm genommen und mitgeweint. Wir haben uns geküsst und dann habe ich sie ausgezogen.“ Schon am vorausgegangenen Abend habe ihn die 16-Jährige angemacht und vom „Schnackseln“ geredet.

16-Jährige im „Halbdelirium“

Außerdem sei die junge Frau im Laufe der Nacht immer freizügiger geworden, habe auf den Tischen getanzt, ihren BH ausgezogen und in seine Richtung geworfen. Das wurde später von anderen Gästen bestätigt. Sie habe ihm zudem ausdrücklich gesagt, dass sie mit ihm Sex haben wolle, so der Angeklagte.

Die Vernehmung des Opfers ging wie die Plädoyers unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne. Laut Vorsitzendem Richter Dopheide hatte es sich um eine komplizierte Beweisaufnahme und rechtliche Situation gehandelt. Es hätten sich mehrere Probleme aufgetan: Einerseits, dass der vermeintliche Missbrauch mit Aus- und Anziehen nach den Angaben der beiden Begleiter nur eine Zigarettenlänge, also rund fünf Minuten, gedauert haben soll.

Die Zeugen hätten auch verschiedene Angaben zum Zustand des Opfers gemacht. Die 17-Jährige sprach von einem „Halbdelirium“. Der psychiatrische Sachverständige nannte dies später einen „fluktuierenden Zustand“. Wesentlich mehr falle aber ins Gewicht, dass die damals 16-Jährige ihren Begleitern gegenüber geäußert hatte, „ich habe nur so getan als ob ich bewusstlos wäre“.

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