Räuberische Erpressung vor Gericht

Ein Messerstecher und zwei Anheizer

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Räuberische Erpressung lautet der Vorwurf. Die Geschichte dahinter ist kompliziert. Wurde ein 16-Jähriger zu der Tat angestachelt? Darüber muss das Landgericht Landshut entscheiden.

Erding/Landshut– Eine Vergewaltigung mit versuchter Tötung hat vor einem Jahr Erding schockiert. Der Täter ist mittlerweile zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Gestern wurde bekannt: Fünf Monate vor der Vergewaltigung war Murat A. auch an einer anderen Straftat beteiligt. Die räuberische Erpressung wird nun vor dem Landgericht Landshut verhandelt.

Angeklagt waren ursprünglich drei junge Männer aus dem Landkreis. Murat A. saß allerdings nicht mit im Sitzungssaal. Das Verfahren gegen den „anderweitig Verfolgten“, so der Vorsitzende Richter Oliver Dopheide, wurde eingestellt. Die Tat wiegt auch weit weniger schwer als die Vergewaltigung in Erding, die eine 40-Jährige fast nicht überlebt hätte.

Dennoch: Der Geschädigte erlitt bei dem Vorfall Mitte April 2016 am S-Bahnhof Erding Schnittverletzungen und musste danach wegen weiterer Blessuren zwei Wochen lang das Bett hüten sowie anschließend vier Wochen lang Krücken benutzen.

Der 21-jährige Münchner war an diesem Abend ziemlich betrunken gewesen. Das schilderte Pascal J. gestern selbst vor Gericht. Er habe nach einem Pub-Besuch alleine auf die S-Bahn gewartet.

Unter Einsatz eines Messers hätten die Angeklagten von J. die Herausgabe seines iPhone 6 und seines Geldbeutels gefordert, erklärte Staatsanwalt Gerald Siegel bei der Verlesung der Anklageschrift. Der Münchner beugte sich den Fremden jedoch nicht. Bei der folgenden Rangelei mit dem jüngsten der Angeklagten, einem damals noch 16-Jährigen aus dem südlichen Landkreis, stürzten beide ins Gleisbett.

Das Opfer brach sich den großen Zeh und verletzte sich an beiden Knien. Juristisch von größerem Interesse waren jedoch die Schnittverletzungen. Der Jugendliche, der nach eigener Schilderung selbst volltrunken war, hatte nämlich „eine Art Messer“, wie sich der Geschädigte ausdrückte: die Klinge eines Obstmessers, die der Jugendliche waagrecht in ein Holzstück eingefügt hatte.

Die Klinge stehe nur ein paar Millimeter aus dem Griff heraus, erklärte Gerichtsmedizinerin Dr. Bettina Zinka vor Gericht. „Es ist die Frage, inwieweit damit überhaupt schwerwiegende Verletzungen hervorgerufen werden können.“ Die Schnitte an Wange, Hals und Kinn seien „ritzerartig“ gewesen.

Überwachungsvideos vom Bahnsteig zeigen die Auseinandersetzung. Die drei Beschuldigten umringten den auf einer Bank sitzenden Münchner. Irgendwann sprang er auf. Der Jüngste der Täter attackierte J. Dieser wehrte sich – auch mit dem Hinweis, dass er Kampfsport beherrsche. Er schubste seinen Angreifer ins Gleisbett.

Als dieser wieder nachsetzte nahm J. den schmächtigen Jugendlichen in den Schwitzkasten. Und dann folgte der Moment, bei dem gestern ein Raunen durch den Sitzungssaal ging: Murat A. – mehr als einen Kopf größer als die ineinander verkeilten Kontrahenten – schubste beide zusammen ins Gleisbett.

Der junge Mann mit dem Messer hat sich mehrfach bei dem Geschädigten entschuldigt und ihm im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs 2500 Euro bezahlt. „Von ihm ist wenigstens etwas gekommen“, sagte J. Von Murat A. und dem dritten Angeklagten – alle Beschuldigten sind türkischstämmig – jedoch nicht.

Um die Rolle der Mitangeklagten geht es nun Richter Dopheide, dem Staatsanwalt und den beteiligten Rechtsanwälten. „Der Jüngere hat von beiden Druck bekommen. Ich hatte den Eindruck, dass er die Tat gar nicht begehen wollte“, sagte J. dazu aus.

Der Jugendliche geriet damals erst etwas später in den Fokus der Ermittler. Kurz bevor die herbeigerufenen Polizisten eintrafen, war er mit der S-Bahn davongefahren. Es liegt also kein Alkoholtest vor, der seine angebliche Trunkenheit belegen würde. Die beiden anderen, Murat A. und ein 25-Jähriger, waren jedoch nüchtern.

Der 25-jährige Erdinger und der mittlerweile 18-Jährige mit dem Messer sagten gestern übereinstimmend aus, dass sie sich zuvor nicht gekannt hatten und sich nur zufällig am S-Bahnhof getroffen hätten. Die beiden Älteren – beide mehrfach vorbestraft – hätten den Betrunkenen nur zur Bahn bringen wollen.

„Die haben sich irgendwie unterhalten“, sagte der mitangeklagte 25-Jährige über die Situation. Genaueres will er nicht gehört haben. Das Überwachungsvideo zeigt ihn jedoch in Griffweite zu dem Geschädigten. Ansonsten saß der bullige Taxi- und Mietwagenfahrer mit undurchdringlicher Miene auf der Anklagebank. Am Mittwoch geht die Verhandlung weiter.

Rubriklistenbild: © dpa

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