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Zyniker, Eierwerfer, Helfer: Christian Springer zog mit seiner Leidenschaft das Erdinger Publikum in den Bann.

Christian Springer in der Stadthalle

Die rastlose Ratlosigkeit

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Erding - Es wurde schon mehr geklatscht in der Erdinger Stadthalle. Aber Christian Springer hatte etwas zu erzählen. Deshalb lauschten seine Zuhörer gebannt. Zur Belohnung verriet er Erding ein Geheimnis.

Sekt für alle, und das schon vor der Vorstellung? Während die Stadthallen-Mitarbeiter so die Gäste für ihre Geduld belohnen, basteln seine Techniker am Funkmikro, und Christian Springer schwitzt. Er befürchte, so gesteht er der Heimatzeitung, sein neues Programm „Trotzdem“ vor einem Standmikro aufsagen zu müssen. Das wäre schade gewesen, denn dann hätte er auch seinen doppelten Eierwurf auf Franz-Josef Strauß nicht vorspielen können, für den er in den 1980ern einen Tag hinter Gitter musste.

Aber nach halbstündiger Verzögerung ist das Mikro-Problem gelöst und der Kabarettist so dankbar, „dass ich diesmal nicht um Spenden für den Verein Orienthelfer bitte, sondern für die Technik hier“. Und danach legt Springer los. Ohne Punkt und Komma. Für das, was er zu erzählen hat, reicht seine Kunstfigur Fonsi nicht mehr. Der 51-Jährige wohnt zwar noch immer in Berg am Laim, reist aber immer wieder nach Damaskus oder in andere Flüchtlingslager rund um Syrien. Dort erlebt er die Tragödien jener Menschen, die „nichts lieber täten, als daheim wieder allles aufzubauen, was in Schutt und Asche liegt“. Deshalb habe er Ministerpräsident Seehofer einen 80-seitigen Brief geschrieben, dessen Politik ihn ratlos mache. Und deshalb wirkt er nun auch auf der Erdinger Bühne immer etwas gehetzt. Dieser Wahnsinn – er weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Die Zuhörer in Erding verfolgen das gebannt. Niemand will ihn unterbrechen, nicht mal durch Applaus.

Flüchtlinge? Das ist alles Verwandtschaft

Das heißt aber nicht, dass die Gäste träge wären. Auf Wunsch Springers intonieren sie die Deutschland-Hymne so laut, dass man kurz vergisst, dass die Stadthalle nur halbvoll ist. Das sei übrigens eine Melodie, die Joseph Haydn einst einem kroatischen Volkslied entliehen habe, erzählt Springer. Er wird im Laufe des Abends noch viele Beispiele bringen, wie multikulti Deutschland schon immer gewesen sei. Und vor allem Bayern, dieser Schmelztiegel aus Kelten, Bajuwaren, Langobarden und Römern. Springers Rat: „Wenn die Flüchtlinge kommen, seid nett zu ihnen. Ist alles Verwandtschaft.“

Was ist wichtig für die Integration? „Klar, sie sollen Deutsch lernen. Aber ich finde, auch die Deutschen sollten Deutsch können“, sagt er und erzählt „von meinem Flüchtling, der mich jetzt versteht. Das Problem ist, dass er jetzt anfängt, Fragen zu stellen“. Zum Beispiel, warum Christen ihr Fleisch zur Fastenzeit in Maultaschen verstecken („Kann Euer Gott nicht durch Nudeln schauen?“).

Springer streut solche Harmlosigkeiten ins Programm, um im nächsten Moment zum Zyniker zu werden. Das größte Problem für Flüchtlinge sei, dass sie nicht schwimmen können. „Noch nie sind so viele Menschen ertrunken“, sagt er. Offenbar sei das aber manchen ganz recht so. Nicht, dass es zu viele übers Meer schaffen bis zu uns. „Und wenn er dann nach oben kommt, schaut der Syrer vom Klodeckel raus und bittet um einen Fön.“

Springer schmettert dies hinaus, um jene Behauptung ad absurdum zu führen, der Staat könne sich die Aufnahme der Kriegsopfer nicht leisten. Dass da auch die Wirtschaftsweisen anderer Meinung sind, auch das hat Springer an Seehofer geschrieben. Dabei ist sein Vertrauen in bayerische Ministerpräsidenten aufgebraucht. Das liegt auch an einer Wahlveranstaltung in den 1980er Jahren. „Ich war Student. Es ging um Wackersdorf und alles Mögliche“, erklärt Springer, warum er auf dem Nockherberg vor 2000 CSUlern zwei Eier Richtung Strauß schleuderte. „Das eine landete auf dem Tisch von Gerold Tandler, das andere auf einem Treppenabsatz“, erzählt der Kabarettist. Trotzdem habe ihn Strauß verklagt. Der Landesvater habe behauptet, er sei zweimal getroffen und verletzt worden. Atteste könne er nachreichen. Das Ergebnis: 5000 Mark Geldstrafe und die Ansage der Staatsregierung, dass Springer in Bayern keinen Universitätsabschluss machen dürfe. Das habe ihm ein Professor gesteckt, sagte Springer, „und das erzähle ich heute zum ersten Mal“. Auch wenn er den Abschluss ohnehin wohl nicht geschafft hätte („Der Biergarten war zu nah“), bleibt für Springer die Erkenntnis: „Wer wegen so was schon lügt, was macht der erst, wenn es um Atomwaffen geht?“

Der Landesvater als Totalschaden

Danach nimmt er sich weitere Landesväter vor – auch künftige. Bei Markus Söder fällt ihm allerdings wenig Inhaltliches ein: „eine Null, die aus Versehen 1,94 Meter groß geworden ist“. Dem Vorwurf, er würde das Amt des Ministerpräsidenten beschädigen, entgegnet Springer so: „Stellen Sie sich vor, sie haben einen Totalschaden am Auto und sagen: ,Bröseln S‘ mir ja nicht auf die Fußmatte!“

Am Ende donnernder Applaus. Der Kabarettist dankt höflich und setzt sich ins Foyer. Es gilt den 80-Seiten-Seehofer-Brief an den Mann zu bringen. Und da wäre ja noch die Spende für die Orienthelfer. Springers Rastlosigkeit endet nicht auf der Bühne.

Dieter Priglmeir

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