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Im Fokus von RTL: die St. Nikolaus-Schule.

St. Nikolaus-Schule

RTL-Reporter mit versteckter Kamera in Förderschule

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Drei Tage lang filmte eine angebliche Praktikantin die Arbeit in der St. Nikolaus-Schule. Die Betreuer der behinderten Kinder fühlen sich hintergangen und blicken mit Sorge auf den nächsten Sendetermin von „Team Wallraff“.

Erding – Der Schock sitzt tief in der St. Nikolaus-Schule. Getarnt als Praktikantin schleicht sich eine Reporterin in die Einrichtung für geistig und mehrfach behinderte Kinder ein. Die junge Frau – da sind sich die Verantwortlichen inzwischen sicher – filmt heimlich mit einer Kamerabrille. Monate später kommt ein Fragenkatalog vom RTL-Tochterunternehmen InfoNetwork. Schnell reimen sich Schulleiter Georg Bauer und seine Mitarbeiter zusammen: Die angebliche Studentin der Erziehungswissenschaften ist eine Enthüllungsjournalistin der RTL-Sendung „Team Wallraff“.

Was wird gezeigt? RTL schweigt

Die nächste Ausstrahlung ist am Montagabend. Ob ein Beitrag mit Szenen aus Erding gezeigt wird, ob er die Arbeit der St. Nikolaus-Schule verreißt oder nicht – die mit versteckter Kamera gefilmten Mitarbeiter wissen es nicht. Sind sie erkennbar? Oder als überforderte Pädagogen dargestellt? Mit der Angst davor leben sie seit Wochen.

Der Einrichtungsverbund Steinhöring, zu dem die Schule gehört, hat eine Medienrechtskanzlei aus Berlin eingeschaltet. „Wir sehen die Persönlichkeitsrechte der Schüler und Mitarbeiter eingeschränkt“, sagt Gesamtleiterin Dr. Gertrud Hanslmeier-Prockl. Auch wenn ihre Bilder verpixelt werden, seien gerade behinderte Menschen durch ihre besonderen Körperhaltungen weiter gut erkennbar. Eltern behalten sich rechtliche Schritte vor.

Sie wisse von drei Behinderteneinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, die ebenfalls Besuch von „Team Wallraff“ hatten. Warum gerade die St. Nikolaus-Schule Ziel dieser Undercover-Recherche wurde, darüber wird in Erding gerätselt. Sie wisse nichts von Beschwerden, sagt Hanslmeier-Prockl „Wir sind ratlos, warum wir im Fokus stehen.“ RTL schweigt über Inhalte der Sendung.

Nun geht der Einrichtungsverbund mit seinen 1600 Betreuungsplätzen an die Öffentlichkeit. Er hat am Freitag alle Eltern und gesetzlichen Betreuer mit Angehörigen an einem der fünf Standorte in den Kreisen Ebersberg und Erding schriftlich informiert.

Die RTL-Fragen hat der Sozialträger laut Hanslmeier-Prockl nicht direkt beantwortet. Schon gar nicht habe man sich auf ein Interview eingelassen – „weil wir nicht davon ausgehen, dass fair mit uns umgegangen wird“, sagt die Sozialpädagogin. „Das ist ein Format, das auf Sensation aus ist. Die Fragestellungen sind für uns absurd. Sie unterstellen, dass pädagogische Mängel vorliegen.“ Das Gegenteil sei der Fall. Der Personalschlüssel sei eingehalten, sagt die Gesamtleiterin. Das habe auch die Regierung von Oberbayern bestätigt. Alle Stellen seien besetzt gewesen. In einer Klasse mit zehn Kindern seien in der Regel drei pädagogische Mitarbeiter.

In der Betreuung behinderter Menschen komme es immer wieder zu unschönen Situationen, sagt Elternbeiratsvorsitzende Andrea Rauscher. Sie selbst müsse ihre behinderte Tochter auch zum Trinken bringen, manchmal sogar zwingen. Sonst erleide das Mädchen wegen der Medikamente eine Vergiftung.

Eine ähnliche Szene – das Festhalten eines behinderten Schülers – könnte der ungebetene Gast gefilmt haben. Das befürchten Pädagogen, die damals im Klassenzimmer waren. „Das kann man auch im falschen Licht darstellen“, meint Rauscher. Sie habe ihre Tochter seit elf Jahren hier, erzählt sie, „und es gab nie eine Beschwerde von Eltern“, dass Kinder grundsätzlich schlecht behandelt würden.

Den Schulleiter und seine Mitarbeiter ärgert, dass die Reporterin durch ihr „auffälliges Verhalten“ Unruhe in der Klasse der Berufsschulstufe provoziert habe. „Sie hat durch unentwegtes Nachfragen gestört“, erzählt Bauer. Daher habe einmal eine Mitarbeiterin die Praktikantin „angeschrien, dass sie endlich ruhig sein soll“. Das aus dem Kontext gerissen, könne ein negatives Bild ergeben, vermutet der 59-Jährige, der die Schule seit zehn Jahren leitet.

„Verunsicherung ist sehr groß“

Drei Tage war „Stefanie Sott“, wie sich die junge Frau nannte, kurz nach Schuljahresbeginn im September 2016 im Haus. Ihr vereinbartes zweiwöchiges Praktikum kürzte sie per E-Mail ab: Sie werde aus persönlichen Gründen nicht mehr kommen. Das Schreiben von InfoNetwork traf laut Hanslmeier-Prockl am 19. Januar ein. Darin stehen Fragen zur Personalsituation und zu konkreten pädagogischen Szenen.

„Seitdem ist die Verunsicherung sehr groß“, erzählt Bauer. Die Mitarbeiter erinnern sich an die Kurzzeit-Praktikantin. Einer identifiziert sie auf einem Foto im Internet als die Undercover-Reporterin Caro Lobig, die bereits für „Team Wallraff“ tätig war. Das Schreiben von InfoNetwork nennt den 2. Februar als Frist zur Beantwortung der Fragen. Daher blickt die Schule besorgt auf den nächsten Sendetermin von „Team Wallraff“ am Montag. 20. Februar, um 21.15 Uhr.

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