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Er hatte auch eine kritische Meinung von seiner Heimatstadt: Rudolf L. Reiter. Foto: PrivatEinen Künstler wie mich wird es in zehn,20 Jahren gar nicht mehr geben.“Rudolf L. Reiter

Trauer um Rudolf L. Reiter

Erdings bekanntester Künstler ist tot

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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In der Erdinger Kulturlandschaft klafft ab sofort eine große Lücke: Künstler Rudolf L. Reiter ist in der Nacht auf Mittwoch verstorben. Obwohl sich seine Werke weltweit verbreitet haben, war die Herzogstadt stets sein Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Sein letztes großes Werk kann er nun nicht mehr persönlich zu Ende bringen.

Erding – In der Erdinger Kulturlandschaft klafft ab sofort eine große Lücke: Künstler Rudolf L. Reiter ist in der Nacht auf Mittwoch verstorben. Obwohl sich seine Werke weltweit verbreitet haben, war die Herzogstadt stets sein Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Sein letztes großes Werk kann er nun nicht mehr persönlich zu Ende bringen.

Reiter ist in Erding geboren und aufgewachsen. Für längere Zeit hat er die Herzogstadt trotz seines internationalen Renommees nie verlassen. Einer der berühmtesten Künstler der Stadtgeschichte wurde am 24. Juni 1944 im Haus seiner Eltern Anna Aulehner und Ludwig Reiter geboren. Der Vater war Maschinensetzer, die Mutter Näherin. Über den Beruf seines Vaters fand Sohn Rudolf, jüngstes von drei Kindern, Zugang zur Kunst. Denn Ludwig Reiter druckte Kataloge und Kunstmagazine und hatte zeichnerisches Talent – auch wenn er nie künstlerisch tätig war.

Rudolf L. Reiter besucht die Grundschule am Grünen Markt, nur einen Steinwurf vom Elternhaus entfernt. Nach der Volksschule wird er Setzer und Drucker in München. Bis 1968 ist er als Lehrlingsausbilder tätig, danach arbeitet er im Schulbuchverlag HIG. Dem Druckwesen bleibt er nicht lange treu, er wechselt in die Verwaltung des Fliegerhorsts, damals noch in der Hand der amerikanischen Besatzungsmacht.

Mit 14 beginnt er zu malen

Trotz seiner väterlichen Vorprägung ist Reiter überzeugt, seine künstlerische Ader von der Mutter zu haben. Von ihr glaubt er auch seine Schwermut zu haben, die ihn trotz seiner künstlerischen Erfolge immer wieder befällt. Am Tod seiner Frau Hilde Amalie 2009 zerbricht er fast. Seine innere Distanziertheit macht es ihm aber schon als Kind schwer, mit Gleichaltrigen auszukommen. Ein großes Vorbild Reiters ist Caspar David Friedrich. „Um den Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang unterlassen“, schrieb dieser einmal.

Schon mit 14 beginnt Reiter mit der Malerei, bald erstellt er erste künstlerische Arbeiten – und das, obwohl er nie eine künstlerische Ausbildung absolviert hat. Er ist mit wenigen Ausnahmen Autodidakt. Zu seiner ersten Ausstellung 1965 verhilft ihm der gebürtige Erdinger Karl Maria Doll. In dessen Kunst- und Musikladen an der Münchener Straße stellt Reiter seine Exponatte, vor allem Öl auf Papier, Zeichnungen und Aquarelle, aus.

Erdings 2. Bürgermeister und Kulturbeauftragter Ludwig Kirmair sieht Reiter in Bezug auf dessen Frühwerk auf einer Linie mit weiteren bekannten Erdinger Malern wie Hiasl Maier oder Franz Xaver Stahl. Wie diese habe er etwa viele Mooslandschaften gemalt. „Er hatte seine Eigenheiten, zum Beispiel seine Kleidung“, blickt Kirmair zurück und sagt: „Das gehört aber auch zu einem Künstler dazu.“ Reiter sei „einer der großen Maler“ gewesen.

In Paris lernt Reiter 1966 die Typografische Gesellschaft und deren Künstler kennen – „eine immense Inspiration für mich Provinzler“, sagt er. 1968 will er nur noch Künstler sein. Die Werke stellt er in seinem Atelier am Rätschenbach aus. 1976 kommt eine Galerie an der Färbergasse hinzu. Hilde Reiter gibt ihren Beruf auf, um die Kunst ihres Mannes zu managen. 1999 erfolgt der Neubau des Wohn- und Galeriegebäudes sowie das Atelierhauses am Rätschenbach.

Reiter und seine Heimatstadt Erding bleiben untrennbar. Auch wenn er mit Kritik an ihr nicht geizt. Die Kunst werde hier zu wenig qualifiziert, sagt er im Februar dieses Jahres unserer Zeitung. Eigentlich zu einem erfreulichen Anlass, denn sein 180 mal 120 Zentimeter großes Ölgemälde „Panta Rhei“ wird vom Deutschen Bundestag angekauft. Aber Reiter teilt damals auch aus. Im Erdinger Frauenkircherl könne jeder ausstellen. Da werde nicht geschaut, ist das Kunst oder „wollen die selbst gestrickte Socken oder Ersatzteile für Motorräder ausstellen“. Er habe sich einmal den Scherz erlauben wollen, dort Bilder mit Hakenkreuzen zu präsentieren. „Bis zur Eröffnung hätte das keiner gemerkt“, ist sich Reiter sicher.

Gleichzeitig dankt er aber OB Max Gotz für die Unterstützung seines Kunstprojekts „Mit der Seele sehen“, das sein letztes bleiben wird. Die Idee dahinter: Nur wo Kunst drin ist, kann man diese auch aufnehmen. Drei blickdicht verpackte Leinwände hängen an der Leinwand im Museum Erding, das eine Sammlung mit einem Querschnitt aus Reiters künstlerischem Schaffen dauerhaft präsentiert. Eine der drei Leinwände ist von Reiter bemalt. Der Betrachter soll beim Anblick spüren, hinter welchem sich das Kunstwerk verbirgt. Spontane Empfindung soll er auf einem Fragebogen notieren und anonym einer verschlossenen Box anvertrauen. Erst nach Beendigung einer dreijährigen Reise durch Deutschland sollen alle drei Leinwände 2021 zurück nach Erding kommen. Dann sollte eigentlich die Box geöffnet werden und eine der drei Leinwände von Reiter mit „aufgesogenen Reiseerinnerungen“ bemalt werden.

„Sein letztes, unvollendetes Kunstwerk“

„Es wird sein letztes, unvollendetes Kunstwerk sein“, sagt Erdings Museumsleiter Harald Krause. Zuletzt waren die Leinwände in Kallmünz, die nächsten Stationen sind nun verlegt worden. Zu Ende gebracht werden soll die Reise aber – ein Herzenswunsch Reiters, berichtet sein einziges Kind, Tochter Victoria (42). Mit ihrem Mann Hamit Ataseven hat sie ihrem Vater die Enkelkinder Meryem (11) und Ferdi (13) geschenkt. Das Paar betreibt in Erding das Lokal „Habe d´Ehre“ an der Liegnitzerstraße.

„Die Familie ging ihm über alles“, sagt die Tochter. Am Tod seiner Frau Hilde, geborene Obermeier, die er 1968 am im Café am Kleinen Platz kennengelernt und zwei Jahre später geheiratet hat, habe er bis zuletzt gelitten.

„Er war ein schwieriger Mensch“, sagt Victoria Reiter. Als sie als Jugendliche ausging, wurde sie vom Papa mehrmals angerufen. „Es war nicht leicht“, so die Tochter. Doch die schwierige Persönlichkeit habe ihr Vater wohl auch gebraucht. „Anders hätte er sein Lebenswerk wohl nicht vollenden können“, sagt Victoria Reiter.

„Einen Künstler wie mich wird es in zehn, 20 Jahren gar nicht mehr geben“, prognostiziert Reiter im Februar gegenüber unserer Zeitung. Mit digital verarbeiteter Kunst hat er es gar nicht. So etwas könne man doch beliebig vervielfachen.

Gesundheitliche Rückschläge

Vor gesundheitlichen Rückschlägen ist aber selbst ein Mann mit ganz eigenem Kopf nicht gefeit. 2015 bekommt Reiter eine neue Herzklappe. Später erleidet er ein Nierenversagen, ist auf Dialyse angewiesen. Er erleidet fünf Herzstillstände, kommt ins Klinikum Erding, wird ins künstliche Koma versetzt. Er wacht wieder auf, kommt vor rund einer Woche in die Klinik Wartenberg. „Er war geistig wieder fit, wollte wieder auf die Füße kommen“, berichtet seine Tochter. Seinen 75. Geburtstag am Montag bekommt er vollauf mit. Doch Reiter ist schwach. Das Krankenhauspersonal misst sein Fieber, nur eine halbe Stunde später – gegen Mitternacht von Dienstag auf Mittwoch – schläft er friedlich und für immer ein.

„Wir verlieren einen großen Künstler und außergewöhnlichen Menschen, dessen Schaffen sowohl in seinem Heimatlandkreis als auch in der ganzen Welt Spuren hinterlassen hat“, sagt Landrat Martin Bayerstorfer. „Sein Lebenswerk stellte sich mit jedem Schritt als sinnvoller Abschnitt seines Lebensweges dar, den er folgerichtig und zielstrebig mit seinem künstlerischen Schaffen gegangen ist.“

Auf seinem Grabstein will Reiter stehen haben: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen.“ Das dürfte bei seinem Schaffen, seiner internationalen Werkpräsenz etwa in China oder den USA, seinen Auszeichnungen (Steubenmedaille für Deutsch-Amerikanischen Kulturaustausch, Ehrenmitglied der Hamsungesellschaft Hamaroy/Norwegen, Kulturpreisträger des Landkreises Erding) ein alles andere als einfaches Unterfangen werden. Reiter habe mit seinen Werken das Jenseitige mit dem Diesseitigen verknüpft, sagt Krause. „Jetzt blickt er von der anderen Seite auf seine Kunst.“ mas

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