Nichts los: Während der Ausgangssperre können Spirous Orfanidis, Tekin Karakazik und Ümit Yalcin nur warten (v. l.).
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Nichts los: Während der Ausgangssperre können Spirous Orfanidis, Tekin Karakazik und Ümit Yalcin nur warten (v. l.).

Wie die Taxifahrer in Erding unter dem Corona-Lockdown leiden – Ein Besuch an Heiligabend

Rush Hour vor der Ausgangssperre

  • vonMayls Majurani
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Die Stille Nacht war heuer auch in der Erdinger Taxizentrale ungewöhnlich still. Während der Ausgangssperre klingelte das Telefon nur wenige mal.

Erding – Heiligabend, 21.25 Uhr in der Erdinger Altstadt: Der Kleine Platz ist menschenleer, das Telefon in der Taxizentrale ungewöhnlich still. Seit einer guten halben Stunde besteht die Ausgangssperre, seit rund zehn Minuten stehen fünf Taxen an der Langen Zeile, eins ist noch unterwegs. Alltag in Corona-Zeiten.

„Zwischen 20 und 21 Uhr hatten wir eine kleine Rush Hour“, erzählt Taxiunternehmer Tekin Karakazik. Zehn Aufträge seien in der letzten Stunde vor der nächtlichen Ausgangssperre eingegangen. „Die Leute halten sich wirklich strikt an die Regeln. Jeden Abend um Punkt 21 Uhr brechen die Taxibestellungen ab, und die Straßen sind leer“, sagt der Dorfener weiter. Dann klingelt das Telefon. „Eine Person, Krankenhaus“, wiederholt Karakazik in den Hörer. „Ich bin in fünf Minuten da.“

Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr leidet die Taxibranche. Die Schließung der Gastronomie und Nachtlokale traf sie hart, sie verlor ihr umsatzstärkstes Standbein.

Weihnachten ohne die übliche Telefonauslastung: Tekin Karakazik musste in der Erdinger Taxizentrale an der Nagelschmiedgasse an Heiligabend in knapp drei Stunden nur zweimal den Hörer heben. Vor einem Jahr sei das noch ganz anders gewesen, erzählte er.

Der „Funker“, der die Telefone beantwortet und die Reihenfolge der Taxis im Blick behält, sitzt nicht in der Zentrale. Dafür ist die Auftragslage zu dünn. Den Job übernehmen die Fahrer selbst. Im Sommer normalisierte sich das Leben ein wenig, und auch die Taxler begannen, wieder vorsichtig von besseren Zeiten zu träumen. Doch der zweite Lockdown und die nächtliche Ausgangssperre machen jetzt noch größere Probleme.

40 Minuten später ist Karakazik wieder zurück. „Ging in den Landkreis Ebersberg“, berichtet er über seine erste Fahrt während der Ausgangssperre. „Ich hab’ den Herrn zuhause abgeliefert und von seiner Frau eine Flasche Sekt geschenkt bekommen“, freut er sich. Es sind die wenigen guten Seiten der Pandemie. „Ich hab’ manchmal schon das Gefühl, dass die Leute freundlicher geworden sind.“ Dann lacht der 42-Jährige und sagt: „Vielleicht liegt’s aber auch am Heiligen Abend.“

Ob er heute noch eine Fahrt bekommen wird? „Vor mir sind fünf Taxis dran. Ich glaube nicht.“ Bis 1 oder 2 Uhr früh will er bleiben. „Um 2.22 Uhr kommt die letzte S-Bahn“, weiß er. Manchmal würden dort Fahrgäste aussteigen, auch in Zeiten der Ausgangssperre. Danach sei nichts mehr los. Trotzdem bleiben jede Nacht zwei Taxen im Einsatz. Ein Notfall kann schließlich immer eintreffen. „Wenn wir gebraucht werden, müssen wir da sein. Da können wir nicht sagen, ,ich dachte, es passiert nichts, ich bin jetzt schon im Bett‘.“ Abgesehen von den beiden Taxis würden aber die wenigsten bis zur letzten S-Bahn bleiben. „Die Hoffnung wird von Minute zu Minute weniger“, sagt der Unternehmer.

Während des ersten Lockdowns begann die Taxivereinigung Erding, Besorgungsfahrten zu organisieren. „Das wurde auch angenommen“, erzählt Karakazik. Vor allem junge Menschen hätten sich an Wochenenden öfter mal Wein, Whiskey oder auch nur Bier von der Tankstelle bestellt. Jetzt ist allerdings auch der nächtliche Alkoholverkauf verboten.

22.15 Uhr. Das Telefon klingelt. Karakazik hebt ab, spricht, legt auf. Er beauftragt das erste Taxi in der Reihe. „Das war der zweite Anruf nach 21 Uhr“, sagt er. „Ich war nur 40 Minuten unterwegs.“ Letztes Jahr sei es anders gewesen. „Ich hatte einen Auftrag nach dem anderen. Da hatten wir schon ordentlich zu tun.“

Während des ersten Lockdowns musste Karakazik seine beiden Aushilfsfahrer freistellen. „Die hatten zum Glück noch Vollzeitjobs.“ Seitdem fährt er sein Erdinger Taxi alleine. Aushilfsfahrer habe mittlerweile so gut wie keiner der Unternehmer mehr. Und die Vollzeitfahrer seien alle in Kurzarbeit.

„Wir müssen irgendwie über die Runden kommen. Das Problem ist aber, dass wir nicht wissen, wie lange“, sagt der 42-Jährige. Ein Vorwurf soll das nicht sein. „Es ist nur schwierig. Für alle. Für uns vielleicht ein Stück mehr.“

22 Taxis gibt es bei der Taxivereinigung Erding. „Vier davon sind stillgelegt“, berichtet Karakazik. „Die haben die Wagen abgemeldet, weil es sich momentan nicht rentiert.“ Er ist sich sicher: Wenn das so weitergeht, werden einige Taxiunternehmer pleite gehen, bevor die Pandemie endet. Dennoch schöpft er Hoffnung: „Wir haben doch einen Impfstoff gefunden.“ Und er ergänzt mit einem Schmunzeln: „Das waren sogar zwei Deutschtürken, so was macht ein bisschen stolz.“ Jetzt eine schnelle Durchimpfung der Risikogruppen und -berufe – „dann wird es schon ein Stück normaler“, hofft Karakazik.

Dass Ausgangssperre und Lockdown am 11. Januar aufgehoben werden, glaubt er nicht. Aber er ist zuversichtlich: „Ich glaube, der kommende Sommer wird normaler als der letzte.“ Das gehe natürlich nur, wenn sich alle Menschen weiter an die Regeln halten und sich, wenn sie an der Reihe sind, impfen lassen.

„Wir sind am Ende angekommen, wir brauchen nur noch ein bisschen Geduld“, sagt Karakazik und schaut auf die Uhr: 23.45 Uhr. Seine Geduld für heute Nacht ist aufgebraucht. Im Einsatz sind mittlerweile nur noch vier Taxis, zwei haben sich frühzeitig verabschiedet. „Es kommt nichts mehr“, prophezeit er und macht Feierabend. „Ein Auftrag ist auch nicht schlecht. Ich hatte schon Nächte ohne Fahrt.“

Mayls Majurani

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