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Deutsch-ukrainische Schwierigkeiten: Gastgeber und Flüchtlinge häufig zu verschieden

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Von: Michaele Heske

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Kontaktbörse: Viele Flüchtlinge und ihre Gastgeber lernten sich am Münchner Hauptbahnhof kennen, hier ein Bild von Anfang März mit Caritas-Mitarbeitern und freiwilligen Helfern. Behörde vermittelt Unterkünfte Ende des Krieges nicht in Sicht
Kontaktbörse: Viele Flüchtlinge und ihre Gastgeber lernten sich am Münchner Hauptbahnhof kennen, hier ein Bild von Anfang März mit Caritas-Mitarbeitern und freiwilligen Helfern. © Sven Hoppe/dpa

Bei manchen Menschen, die ukrainische Flüchtlinge aufgenommen haben, ist die anfängliche Euphorie verflogen. Das Landratsamt hilft bei der Vermittlung von Unterkünften.

Erding/Dorfen – Hundert Tage und kein Ende: „Da habe ich aus dem Bauch raus gehandelt, nicht lange nachgedacht. Ich habe nur die Not der ukrainischen Flüchtlinge gesehen“, sagt eine Frau aus Dorfen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Als der Krieg in der Ukraine vor drei Monaten ausbrach, wollte sie helfen. Wie andere entschied sie sich spontan, eine ukrainische Familie aufzunehmen. Jetzt mehren sich die Probleme.

Dorfnerin berichtet: Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge wird immer mehr zum Problem

Die Familie, die sie aufgenommen hat, kam Mitte März in München an. Eine 47-jährige Mutter mit Tochter (15) und Sohn (8). Im zweiten Stock des Hauses wurde die Familie untergebracht. Sie haben zwei Zimmer. Bad und Küche teilen sie sich. „Die erste Zeit lief das Zusammenleben gut“, erzählt die 45-jährige Dorfenerin, die selbst zwei kleine Kinder hat und halbtags berufstätig ist.

Sie berichtet von ständigem Fahrdienst, vom täglichem Warten in Telefonschleifen, um Auskünfte zu bekommen. Die Ukrainer seien es von sich zu Hause gewohnt, dass Strom so gut wie nichts kostet. „Das Licht brennt Tag und Nacht, die Waschmaschine wird wegen zwei Blusen angeschmissen.“ Sie wisse, dass das keine böse Absicht sei, aber es nerve auf Dauer trotzdem. Auch, dass ihre Gäste so viele Lebensmittel wegwerfen. „Auf Dauer können sie nicht bleiben – wir haben eine ganz andere Mentalität.“

Über 1000 ukrainische Flüchtlinge im Landkreis Erding

Im Landkreis Erding sind aktuell 1074 ukrainische Kriegsflüchtlinge untergebracht, darunter 464 Kinder und Jugendliche. 655 Menschen sind bei Privatpersonen und 419 in Unterkünften des Landkreises untergebracht. „Sofern Personen im Landkreis Erding privat untergekommen sind und dort nicht mehr bleiben können, besteht die Möglichkeit, sich an das Asylmanagement im Landratsamt zu wenden“, sagt Behördensprecherin Claudia Fiebrandt-Kirmeyer.

Hier werde dann geprüft, ob in einer Asylunterkunft ein passender Platz frei ist. „Sofern eine Unterbringung möglich ist, können die Flüchtlinge untergebracht werden – deshalb suchen wir weiterhin Unterkünfte.“

Das sei eine enorme Erleichterung für Betroffene und ihre Unterstützer, findet Josef Kronseder von der Flüchtlingshilfe Dorfen. „Die Geflüchteten können vom privaten in das staatliche System übergehen. Viele Kinder sind ja schon in Willkommensklassen, fühlen sich wohl und wollen nicht wieder abgeschoben werden.“

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Ukrainische Flüchtlinge können häufig eigene Wohnungen beziehen

Seit 1. Juni werden Geflüchtete aus der Ukraine im Landkreis vom Jobcenter Aruso betreut. „Sie wechseln vom Asylbewerberleistungsgesetz in die Grundsicherung“, erklärt Aruso-Geschäftsführerin Monja Rohwer. So erhöht sich für die Flüchtlinge die Höhe des Regelsatzes, und es werden die tatsächlichen Kosten für die Unterkunft übernommen.

Auch das sei eine enorme Erleichterung, weiß Flüchtlingshelfer Kronseder. Denn nun sei es möglich, dass Geflüchtete aus der Ukraine eine eigene Wohnung anmieten können. Er wirbt bei den privaten Vermietern: „Bitte bei der Flüchtlingshilfe Erding oder Dorfen melden, wenn ein Haus oder eine Wohnung frei sind.“

Für einen Familienvater aus Erding wäre es das große Los, wenn seine ukrainischen Gäste eine eigene Wohnung fänden. Auch er will seinen Namen nicht nennen. „Da komme ich mir richtig schäbig vor. Ich sehe ja die Not der Frau mit ihren zwei Kindern, die wir spontan aufgenommen haben – aber ich bin froh, wenn sie ausziehen.“ Auch diese Wohngemeinschaft funktioniert nicht. „Es liegt an der Verständigung“, sagt er, „unsere Ukrainer wollen gar nicht Deutsch lernen. Ohne Sprache kein Job, ohne Job keine Wohnung.“

Ukrainische Flüchtlinge im Landkreis Erding: Sprache ist entscheidend für die Integration

Sprache ist aber der Schlüssel zur Integration. Es gibt derzeit im Landkreis bei der VHS und beim Dorfener Zentrum für Integration und Familie (DZIF) Sprach- und Integrationskursangebote über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Wir müssen uns um die Kinder kümmern, denn diese lernen noch spielend die deutsche Sprache“, meint Sosa Balderanou, Gemeinderätin in Taufkirchen, die sich stark für die Belange von Geflüchteten einsetzt.

Dabei sei es wichtig, dass die Buben und Mädchen aus der Ukraine in Vereine gehen, denn dort kämen sie schnell mit anderen Kindern in Kontakt. Sie selbst sei ein Beispiel für gelungene Integration: „Meine Eltern kamen aus Griechenland und wollten ursprünglich nicht auf Dauer in Taufkirchen bleiben – Bayern ist meine Heimat“, sagt die Kreisrätin mit griechischen Wurzeln.

Viele Kriegsflüchtlinge würden auf das Ende des Krieges warten, darauf hoffend, dass sie schnell wieder zurück können, sagt Kronseder. Ein frommer Wunsch, denn nach wie vor steht auch die Zivilbevölkerung unter Beschuss, die ukrainischen Städte werden weiterhin bombardiert. Die Infrastruktur ist zerstört, der Wiederaufbau wird lange dauern.

„Die ukrainischen Flüchtlinge haben eine Aufenthaltsgenehmigung für zwei Jahre. Wer in die Ukraine zurückgeht und dort nicht länger als sechs Monate bleibt, kann jederzeit zurückkommen. Wir werden eine Pendel-Migration erleben“, glaubt der Dorfener Flüchtlingshelfer.

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