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In der Blumenwiese ist im städtischen Parkfriedhof an der Itzlinger Straße der neue Bereich für anonyme und teilanonyme Bestattungen geschaffen worden.

Seit April gilt bei Bestattungen kein Sargzwang mehr – In der Praxis ändert sich aber nichts

Ein Leichentuch reicht nicht

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Bestattungen ohne Sarg sind jetzt auch in Bayern erlaubt. Doch in der Praxis ändert sich vorerst nichts. Was ist der Grund dafür?

Erding – Wenn in Erding ein Muslim stirbt, wird sein Leichnam meistens ins Ausland überführt. Vor allem Türkischstämmige „lassen sich in der Türkei beerdigen“, sagt Emre Keles, Religionsbeauftragter der Islamischen Gemeinschaft Erding. Ein Grund: Die muslimische Tradition sieht eine Bestattung im Leichentuch vor – ohne Sarg. Das war bis April in Bayern nicht erlaubt. Jetzt ist eine sarglose Bestattung zwar theoretisch möglich, praktisch gibt es sie in Erding aber immer noch nicht.

Gesetzesänderung war „überfällig“

Die in der Gesetzesnovelle vom 1. April festgelegte Aufhebung des Sargzwangs war laut Karl Albert Denk „längst überfällig“. Der Erdinger Bestatter kennt aus seiner täglichen Praxis die Frage von muslimischen Mitbürgern nach der Möglichkeit einer Bestattung ohne Sarg nur zu gut. „Der Wunsch kommt eigentlich jedes Mal“, sagt er.

Diese Bitte musste Denk immer wieder abschlagen. Und wird das trotz des neuen Gesetzes auch in Zukunft müssen. „In der Praxis ändert sich nichts“, bedauert Denk. Das Problem: Einer Bestattung muss grundsätzlich der jeweilige Friedhofspfleger zustimmen. Dieser wiederum ist an die örtliche Friedhofssatzung gebunden. Und diese schließt in fast allen bayerischen Kommunen auch nach der Gesetzesänderung eine Beisetzung im Leintuch ohne Sarg kategorisch aus.

Erst müssen die Satzungen geändert werden

So lange die Friedhofssatzung in der jeweiligen Kommune nicht angepasst wird, bleibt die vom Freistaat neu aufgelegte Bestattungsverordnung graue Theorie. Die Stadt München hat jüngst ihre Statuten um die Möglichkeit einer sarglosen Bestattung erweitert – und ist damit im größeren Umkreis eine der ersten Kommunen.

Für Erding ist bisher keine Anpassung greifbar. Er habe noch nichts von Plänen gehört, das Erdinger Regelwerk entsprechend anzugleichen, sagt Stadtsprecher Christian Wanninger auf Nachfrage unserer Zeitung.

Erst im Januar 2019 ist die aktuell gültige Friedhofssatzung in Erding angepasst worden. Damals waren am Parkfriedhof an der Itzlinger Straße nach einer Erweiterung neue Möglichkeiten geschaffen worden, etwa für eine anonyme oder teilanonyme Bestattung. Mit den neuen Optionen waren neue Regelungen in der Friedhofssatzung notwendig geworden.

Jetzt, gut zwei Jahre später, zögert man bisher mit einer weiteren Anpassung. Ganz so einfach sei das nämlich alles nicht, sagt Wanninger. Einer Bestattung ohne Sarg stünden „vermutlich technische Gründe entgegen“.

Bestatter Denk gibt ihm Recht: „Der Sarg hat als Hülle auch im Verwesungsprozess eine Funktion“, sagt er. Der Luftraum spiele dabei eine wichtige Rolle. In München versuche man, diesem Problem mit einem untergelegten Brett und mehreren Lagen Leichentüchern zu begegnen.

Islam: Verstorbener muss auf der Erde liegen

Aus islamischer Sicht sei es „wichtig, dass der Verstorbene direkt auf der Erde liegt, nicht im Sarg“, sagt der Erdinger Imam Keles und zitiert die Sure Taha Vers 55, in der es um die Erde geht: „Aus ihr haben wir euch erschaffen, und in sie bringen wir euch zurück.“ Bei einer traditionellen muslimischen Bestattung werde der Körper nach dem Tod rituell gewaschen und anschließend in weiße Tücher gewickelt. Im Grab werden die Verstorbenen auf die rechte Seite gebettet, mit Blick in Richtung Mekka. Muslimische Gelehrte empfehlen, erklärt Keles, Verstorbene dort zu beerdigen, wo sie sterben, sofern möglich.

Die meisten Muslime überführen die Toten ins Ausland

Zwar gebe es in Erding bereits muslimische Gräber, ein Großteil der Familien überführe ihre Verstorbenen aber ins Ausland. Umso mehr würde er es begrüßen, wenn nun auch vor Ort die Voraussetzungen für eine muslimische Bestattung geschaffen würden. „Ich finde es natürlich toll, wenn wir Muslime hier in Bayern nach unseren religiösen Vorschriften und Traditionen die Möglichkeit bekommen, unsere Beerdigungen durchzuführen“, sagt Keles.

Denk jedenfalls würde die Option auf muslimische Bestattungen begrüßen. Entsprechendes Wissen sei Teil der Ausbildung. „Wir sind geschult“, sagt der Erdinger, der sich als stellvertretendes Vorstandsmitglied im Bayerischen Bestatterverband engagiert. Aber erst seien die Kommunen gefragt. „Jetzt sind die Gemeinden dran, Theorie und Praxis zusammenzuführen.“

ujk

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