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Der Sempt-Pegel steigt wieder: Der Aderlass durch die Stadtwehr-Baustelle ist noch gut erkennbar.

Baustelle am Stadtwehr in Erding 

Sempt umgeleitet: Großes Fischsterben

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Erding - Experten sprechen von einer Umweltkatastrophe, die Fischer sind wütend: In der Sempt sind hunderte Fische, vor allem Jungtiere, verendet. Verursacher soll das Wasserwirtschaftsamt mit seiner Baustelle am Stadtwehr in Erding sein.

Horst Gattermann ist nicht nur ein erfahrener Fischer, sondern auch altgedienter Vorsitzender des Bezirksfischervereins Erding. Doch das ist ihm noch nie untergekommen: Zu Wochenbeginn ist der Pegel der Sempt ab dem Stadtwehr massiv abgefallen. „Da konnte man zum Teil mit Bergstiefeln trockenen Fußes von einem Ufer ans andere gelangen.“ Der Rückgang des Wassers hatte dramatische Folgen: „Hunderte Fische, vor allem Jungtiere sind tot. Es könnten noch weitere Verluste hinzukommen,“ sagt Gattermann. Dabei hatten er und seine Kollegen gerade gezüchtete Fische eingesetzt. „Da sind 20 Jahre Arbeit mit einem Schlag beim Teufel“, klagt Gattermann, den eigentlich nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Auf einer einzigen Stufe einer Fischtreppe bei Eichenkofen habe er 14 Kadaver gezählt. Auch sonst habe er viele tote Tiere gesehen.

Der Schuldige steht für die Fischer fest: das Wasserwirtschaftsamt München (WWA), das seit dieser Woche das Stadtwehr in der Erdinger Altstadt saniert (wir berichteten). Dabei wurde offensichtlich die Sempt erheblich gestaut und das Wasser über den Fehlbach umgeleitet.

WWA München hat sich noch nicht erklärt

Noch ist unklar, ob es sich um Absicht, ein Versehen, Fahrlässigkeit oder ein Versagen handelt. Die Behörde wollte sich gestern auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern und verwies auf Amtsleiterin Sylva Orlamünde. Die war am Mittwoch aber nicht erreichbar.

Der buchstäbliche Aderlass hatte weit reichende Folgen: Der Pegel fiel stark ab. Das Problem: Die Sempt hat bis zur Mündung in die Isar bei Moosburg so gut wie keinen Zulauf mehr. Der Fehlbach fließt nämlich nördlich von Erding nicht mehr in die Sempt zurück, sondern auf Eittinger Flur in den Mittleren Isarkanal.

Am Mittwochmorgen wurde das Ausmaß der Ableitung sicht- und riechbar. Gattermann berichtet von völlig trockenen Ufern – mit entsprechender Geruchsentwicklung. „Auch in der Sohle floss zeitweise viel zu wenig Wasser.“ Er schaltete die Fischerei-Fachberatung des Bezirks Oberbayern ein. Deren Chef Dr. Ulrich Wunner kam sofort nach Erding, um sich ein Bild zu machen. Seine erste Reaktion: „Das ist eine Katastrophe.“ Er fuhr die Sempt bis zur Mündung nach Moosburg ab. „Der Sempt wurde auf 20 Kilometer Länge viel zu viel Wasser entzogen. Das ist völlig inakzeptabel und nicht hinnehmbar.“ Zwei grobe Fehler wirft er dem Wasserwirtschaftsamt vor: „Die Verantwortlichen waren offensichtlich überfordert, wie viel Wasser sie ableiten können.“ Hinzu sei ein Querhindernis im Fluss gekommen. „Das wäre aber irgendwann überspült worden.“ Völlig vergessen worden sei, dass die Sempt im weiteren Verlauf kaum noch Wasser zugeführt bekommt. Er habe mit einigen an der Baustelle geredet, aber keine befriedigenden Antworten bekommen.

Auch Gattermann hat sich an eine Ingenieurin des Wasserwirtschaftamts gewandt. Im Gespräch mit unserer Zeitung zitiert er die Bauverantwortliche mit den Worten, dass da „bedauerlicherweise wohl was schiefgelaufen“ sei.

Das „Schiefgelaufene“ hat nach Überzeugung Wunners dramatische Folgen. Das Ende der Fahnenstange müsse noch nicht einmal erreicht sein. „Schon jetzt haben wir es hier ganz klar mit einer Umweltkatastrophe zu tun.“ Betroffen seien die drei Hauptfischarten in der Sempt: Groppen, Bachforellen und Äschen. Vor allem die Jungtiere habe es ganz bös erwischt, klagt der Experte. Er habe viele Tiere mit Notatmung gesehen.

Sofort habe der Fischerei-Fachberater das Wasserwirtschaftamt aufgefordert, schnellstens Wasser zulaufen zu lassen. „Aber erst am Nachmittag, Stunden später, ist der Pegel wieder gestiegen.“ Das hat in Wunners Augen „viel zu lange gedauert“.

Der Fall dürfte ein Politikum werden. Denn das Wasserwirtschaftsamt München untersteht dem Umweltministerium – und damit der Erdinger Stimmkreisabgeordneten Ulrike Scharf (CSU). Es handelt sich um die gleiche Behörde, die für Erding ein Hochwasserkonzept erstellt,.

Die Fischer wollen sich den Natur-Frevel nicht gefallen lassen. Seit Mittwochnachmittag ist ein Schreiben in Umlauf, in dem Gattermann den Mitgliedern mitteilt, dass die Sempt „durch das dilettantische Vorgehen“ des WWA und der Baufirma nahezu trockengelegt worden sei und bis auf Weiteres nicht befischt werden dürfe. Auch das Landratsamt sei informiert. Gattermann kündigt an, „den wirtschaftlichen Schaden, der durch diese Katastrophe entstanden ist, geltend zu machen“. Behördliche Unterstützung sei ihm bereits zugesichert worden.

Hans Moritz

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