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„Oft schicken Eltern ihre Söhne hierher“, sagt Psychologe Thomas Pölsterl. Er leitet die Prop-Beratungsstelle in Erding seit 2001 und berät Online-Süchtige.  

Serie: Digitalisierung im Landkreis 

Internet-Sucht: Zocken rund um die Uhr

Das Internet ist ein Segen, sagen einige Geschäftsleute. Aber es birgt auch eine Gefahr, nämlich süchtig zu werden: zum Beispiel nach Glücksspiel und Sportwetten. Psychotherapeut Thomas Pölsterl behandelt die Betroffenen.

Erding Der typische Online-Süchtige ist männlich, zwischen 18 und 26 Jahren, und will im Internet Kohle machen, sagt Thomas Pölsterl. Der 52-jährige Psychologe leitet seit vielen Jahren die Suchtberatungsstelle Prop in Erding. In seinem Beratungszimmer stehen ein Buddha und zwei Sessel, daneben hängt ein Wandteppich. Zu Pölsterl kommen Alkoholsüchtige, Drogenabhängige und etwa fünf Online-Süchtige im Jahr, die sich vor allem bei Sportwetten verzocken. „Auffallend ist, dass sie nicht isoliert leben, die meisten haben eine Beziehung und spielen im Fußballverein“, erzählt er.

Und trotzdem fehlt ihnen was im Leben: Nämlich das Geld – „obwohl sie mit 18 einen Vollzeitjob haben und am Wochenende arbeiten“, aber: „Manche sagen zu mir, wenn ich keine 300 Euro im Geldbeutel hab, dann kann ich nicht weggehen.“ Deshalb beginnen die jungen Männer mit den Sportwetten. „In einigen Fußballmannschaften wetten 12 von 20 Spielern“, sagt Pölsterl, aber nicht bei allen werde das Wetten problematisch. Doch wann ist jemand internetsüchtig?

Das sei genauso wie bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit: „Der Süchtige merkt es meist als letztes, dass er süchtig ist“, sagt Pölsterl. Problematisch werde ein Verhalten dann, wenn ein Schaden dabei entsteht. Das heißt: „Die Zeit, die ich zum Beispiel beim Zocken verbringe, fehlt mir woanders. Dann habe ich keine echten sozialen Kontakte mehr, mache keinen Sport mehr, gehe nicht mehr ins Kino, und mir macht nichts anderes mehr Spaß als zum Beispiel im Internet zu surfen.“ Das sei wie beim Alkoholiker, der habe auch keine Freude mehr am Leben, wenn er keinen Alkohol bekommt, sagt Pölsterl.

Keine Zeit mehr für die Freunde, weil Computerspielen wichtiger ist: In den vergangenen Jahren hätten sich viele Eltern bei der Prop-Beratungsstelle in Erding gemeldet. Sie machten sich Sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit vor dem Computer verbringen. Aber da sieht Pölsterl die Eltern in der Pflicht: „Sie müssen doch fähig sein zu sagen: Die Kiste ist jetzt aus.“

Aber je älter das Kind ist, desto schwieriger wird das – obwohl die Eltern oder Freunde die Sucht des Online-Abhängigen meist schon früher erkennen: „Oft schicken die Eltern ihre Söhne hierher“, sagt Pölsterl – vor allem, wenn sich die jungen Männer wegen der Sportwetten schon verschuldet haben: „Der Deal ist dann: Das Kind geht zur Beratung und die Eltern begleichen die Schulden.“

Alleine aus der Online-Sucht herauskommen? „Es ist sehr schwierig, aus diesem Automatismus selbst herauszukommen.“ Das Faszinierende für die Glücksspieler im Internet: „Mittlerweile kann man die ganze Woche 24 Stunden lang bei irgendwelchen Sportwetten mittippen“, so Pölsterl. „Die Betroffenen wollen mit Internetwetten schnell Geld verdienen, mit dem Handy können sie jederzeit zugreifen und in den Spielpausen wird’s nicht langweilig, weil sie da im Internet surfen können.“

Aber natürlich gebe es auch die klassischen Glücksspieler, die nichts mit dem Internet anfangen können: „Sie finden es spannend, in den Spielhallen zu sein: In der Parallelwelt, wo es kein Fenster, kein Tag und Nacht gibt und es entsprechend beduftet wird.“ Ihnen gehe es weniger ums Geld, sondern: „Sie wollen in eine andere Welt eintauchen und ihre Probleme hinter sich lassen.“

Das brauchen die internetsüchtigen Männer alles nicht. Ein weiteres Kuriosum der Sucht: „Frauen kommen überhaupt nicht zu mir“, sagt Pölsterl. Natürlich gebe es Frauen, die kaufsüchtig seien und im Internet shoppen oder stundenlang in Datingportalen hängen, aber: „Die gehen dann eher zu einem Psychotherapeuten, weil sie ein geringes Selbstwertgefühl haben oder depressiv sind.“

Egal, ob kaufsüchtig oder glücksspielsüchtig im Internet, in allen Fällen gilt: „Der Süchtige muss seine Sucht erkennen“, sagt Pölsterl: „Und wenn er das tut – dann ist das schon die halbe Miete.“

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