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„Auch Kinder haben eine Privatsphäre“: Katja Bröckl-Bergner aus Erding ist Expertin für Digitale Bildung und Social Media. 

Serie Digitalisierung: Interview mit Social-Media-Expertin Katja Bröckl-Bergner

„Das Recht am eigenen Bild hat schon ein Baby“

Die Kinder am Strand, die Kinder im Park, die Kinder im Garten: Viele Eltern posten Fotos ihrer Nachwuchses im Internet. Darüber sprachen wir mit Social-Media-Expertin Katja Bröckl-Bergner.

Erding– Das Interesse an sozialen Medien hat Katja Bröckl-Bergner (47) aus Erding nach der Elternzeit beim Wiedereinstieg in den Beruf in einer Werbeagentur in Erding entdeckt. Seit 2012 arbeitet sie als freiberufliche Expertin für Digitale Bildung und Social Media und führt an Schulen sowie für Geflüchtete, Senioren und Menschen mit Behinderung Kurse etwa zum Thema „Internet leicht erklärt“ durch, hält Vorträge über Cybermobbing oder Digitalen Nachlass und organisiert Projekte wie den Internetführerschein.

Wir sprachen mit der Jugendvertreterin des DAV Alpenkranzls Erding über ihre Arbeit, über Fotos in Sozialen Netzwerken und darüber, wie Eltern sich im Umgang mit Bildern ihrer Kinder im Netz richtig verhalten.

-Frau Bröckl-Bergner, viele Eltern veröffentlichen Fotos ihrer Kinder im Netz. Welche Risiken bringt das mit sich?

Katja Bröckl-Bergner: Auch wenn die Privatsphäre-Einstellungen auf privat eingestellt sind, gibt es keine 100-prozentige Sicherheit. Freunde können Fotos speichern und weiter im Netz teilen. Zudem wissen wir nicht, was die Technik in 20 bis 30 Jahren mit Bildern machen kann – Stichwort Gesichtserkennung oder Datenanalyse.

-Man sagt, wer Fotos einmal in sozialen Netzwerken verbreitet, verliert die Kontrolle über die weitere Nutzung. Stimmt das?

Bröckl-Bergner:Wie gesagt, 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Was einmal im Netz ist, kann nur schwer wieder gelöscht werden. Hier finde ich den Tipp, einen Google Alert auf den eigenen Namen und die der Kinder anzulegen, sehr gut. Man bekommt eine Meldung, sobald der Name im Netz auftaucht.

-Welche Konsequenzen drohen den Eltern?

Bröckl-Bergner:Viele vergessen: Auch Kinder haben eine Privatsphäre. Das Recht am eigenen Bild hat schon ein Baby. Eltern haben die Obhutspflicht und tragen die Verantwortung. Übrigens: In Frankreich, habe ich gelesen, können Kinder ihre Eltern auf Schadensersatz verklagen, wenn dort Bilder ohne ihre Zustimmung veröffentlicht werden.

-Welche Bilder sind problematisch?

Bröckl-Bergner : Die Bilder, die Eltern im Netz posten, dürfen bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Heftige Nacktfotos oder Unfallfotos gehen überhaupt nicht. Jugendamt oder Staatsanwaltschaft werden bei Gesetzesverstößen tätig. Ich bin der Meinung, dass Kinderbilder, die sehr private Situationen des Lebens und Aufwachsens zeigen, wie in der Badewanne, auf dem Töpfchen oder am Strand, nichts im Netz zu suchen haben. Wer dennoch seine Liebsten online zeigen möchte, der sollte auf seine Privatsphäre-Einstellungen achten. Peinliche und freizügige Bilder oder Videos braucht die Öffentlichkeit nicht zu sehen.

-Welche Maßnahmen können unternommen werden, dass zukünftig keine Kinderfotos mehr veröffentlicht werden?

Bröckl-Bergner :Das Thema muss meiner Meinung nach öffentlicher werden. Durch Kampagnen, die über die Mediennutzung aufklären, können Kinder besser geschützt werden, denn viele begreifen nicht, was Internet bedeutet, und wie gefährlich es eigentlich ist. Aufklärung ist für mich der Schlüssel: 1. Kinder haben eine Privatsphäre, 2. Was kann mit Kinderbildern im Netz alles passieren? Stichwort Missbrauch oder spätere peinliche Situationen.

-Sie sind Vertreterin der DAV-Sektionsjugend. Posten Sie regelmäßig Fotos von Jugendlichen im Netz? Wenn ja, brauchen Sie eine Einverständniserklärung?

Bröckl-Bergner: Ja, ich bin die Jugendvertreterin des DAV Alpenkranzls Erding. Unser Verein hat eine Webseite, eine Facebook-Seite, einen Blog und einen Instagram-Account (Alpenkranzlerjugend). Letzterer ist der Kommunikationskanal der Jugend. Hier werden Fotos rund um unsere Jugendarbeit gepostet. Dabei achte ich stets darauf, dass ich die Privatsphäre der Kinder und Jugendlichen respektiere und schütze. So poste ich etwa Gruppenfotos, Bilder mit einzelnen, gezoomten Kindern aber nicht. Gesichter müssen auch nicht immer zu sehen sein.

-Haben Sie selbst Kinder? Wenn ja, veröffentlichen Sie Fotos von ihnen?

Bröckl-Bergner: Ich habe drei Kinder, und ich poste auch Bilder von ihnen, das gebe ich zu. Dennoch überlege ich zuvor immer: Wäre ich mit solch einem Bild von mir im Netz einverstanden? Meine Kinder gehören zu meinem Leben, daher hüpfen sie manchmal gemeinsam mit mir in die digitale Welt. Das heißt, meine Kinder sind meistens mit mir gemeinsam auf einem Bild zu sehen. Eltern, die ihre Kinder wegen Klicks im Netz darstellen oder auch promoten, kann ich nicht verstehen.

-Was genau sind Ihre Aufgaben im Bereich Digitale Bildung?

Bröckl-Bergner: Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz unserer heutigen Zeit, neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Jugendliche lernen nicht durch Verbote und Bestrafung. Daher ist es mir sehr wichtig, dass sie verstehen, wie das Netz tickt. Was bedeuten Persönlichkeitsrechte oder Urheberschutz? Dass es eigentlich keine kostenlosen Angebote im Netz gibt, sondern wir immer mit unseren Daten bezahlen. Oder wie man digitale Geräte und das Internet als Handwerkszeug für den Schultag nützlich einsetzen kann. Für junge Menschen sind die 21st-Century-Skills wichtig. Dazu gehören Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken, um sie zu befähigen, unbekannte Hürden in einer ständig wandelnden (Arbeits)welt zu meistern. Ich bringe mein Wissen und meine Erfahrungen mit digitalen Projekten in Schulen. Auch ältere Menschen müssen bei der kompetenten Nutzung der neuen Medien unterstützt werden, damit sie nicht aus dem gesellschaftlichen Partizipationsprozessen ausgeschlossen werden. Vieles läuft vermehrt digital ab. Wissenschaftliche Forschungen belegen, dass lebenslanges Lernen eine Reihe von positiven Effekten, wie Senkung des Demenz- und des Mortalitätsrisikos, soziale Integration und damit einhergehend ein verbessertes Altersbild in der Gesellschaft hat. Das Internet kennt keine Altersgrenze. Ich möchte gerade diese Personengruppen, die Schwierigkeiten mit der Mediennutzung haben, im Umgang sowohl mit technischen Geräten, als auch mit Internetplattformen wie Facebook, Instagram und Co. vertrauter machen.

Das Gespräch führten Edona Bresilla und Lena Mittermeier.

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