Kraftwerk auf dem Dach: Herbert Maier ist stolz auf seine PV-Anlage. Als Elektroingenieur hat er sie einst selbst installiert.
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Kraftwerk auf dem Dach: Herbert Maier ist stolz auf seine PV-Anlage. Als Elektroingenieur hat er sie einst selbst installiert.

Nach Auslaufen der EEG-Förderung ist eine Einspeisung von Sonnenstrom nicht wirtschaftlich

Solar-Pioniere in der Zwickmühle

  • vonTimo Aichele
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Erding – Das 100 000-Dächer-Programm hat der Photovoltaik in Deutschland ab der Jahrtausendwende einen Riesenschub gebracht. Die Solar-Pioniere dürften von einem derartigen Erfolg des Sonnenstroms 20 Jahre später höchstens geträumt haben. Doch nun stehen gerade die PV-Anlagenbetreiber der ersten Stunde vor einem Dilemma. Die Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist 20 Jahre lang garantiert. Das heißt: Ende des Jahres fallen die ersten Anlagen aus der Förderung heraus. „Das Gemeine ist: Wenn Sie jetzt die alte Anlage verschrotten und eine neue installieren, dann ist das wirtschaftlich günstiger“, klagt Herbert Maier.

Das Problem werde seit Jahren diskutiert, aber der Gesetzgeber habe noch keine Novelle des EEG vorgelegt, kritisiert der Grünen-Stadtrat und Referent für Klimaschutz und Energie. Seine kleine PV-Anlage mit einer Leistung von drei Kilowatt-Peak auf dem Dach des Einfamilienhauses hat dem heute 61-Jährigen jährliche Einnahmen von etwa 1500 Euro eingebracht, rechnet er vor.

Maier weiß, dass er seine damaligen Investitionskosten mehr als hereingeholt hat. Doch ohne die garantierte EEG-Vergütung sei eine Einspeisung ab 2021 nicht rentabel. „Wenn ich jetzt den aktuellen Börsenstrom-Erlös von vier Cent erhalte, dann hätte ich jährliche Einnahmen von 120 Euro.“ Doch nach den Vorgaben des EEG müsste er dafür einen neuen Hightech-Stromzähler einbauen, der alle Viertelstunde misst und die Ergebnisse an den Netzbetreiber sendet. „Bei kleinen Anlagen ist die Gebühr für einen solchen Zähler höher als die zu erwartenden Einnahmen aus der Stromeinspeisung“, erläutert Maier – 540 Euro pro Jahr, im Vergleich zu zwölf Euro, die er bisher zahlt.

„Unsere Empfehlung ist daher: Umstieg auf möglichst hohen Selbstverbrauch“, sagt Klaus Steiner, Geschäftsführer der Stadtwerke Dorfen. Auch Christopher Ruthner, Geschäftsführer der Stadtwerke Erding, erklärt: „Im ganz überwiegenden Fall wird es sich lohnen, die Anlage auf Eigenverbrauch umzustellen.“ Ein Privathaushalt könne dann etwa 30 Prozent des erzeugten Sonnenstroms selber nutzen. Wenn ein Stromspeicher installiert wird, komme man sogar auf etwa 80 Prozent. Ein solcher Akku im Keller kostet allerdings einen niedrigen fünfstelligen Betrag.

Auf Eigenverbrauch setzt auch Maier. Einen Stromspeicher werde er wohl vorerst nicht installieren, meint der Solar-Pionier, der einer der Motoren des Vereins Energiewende im Kreis Erding ist. Mit seiner alten Anlage wären es etwa 900 Kilowattstunden Strom, die er dann nicht mehr für etwa 28 Cent einkaufen müsste. Doch das Ganze hat einen großen Haken: „Dann müsste ich 70 Prozent des eigenen Stroms vernichten. Das ist ökologischer Wahnsinn.“ Das wäre die Folge des reinen Eigenverbrauchs ohne Speicherung in einem teuren Akku und ohne Einspeisung zu unwirtschaftlichen Konditionen.

Zunächst geht es noch nicht um viele Anlagen: im Bereich der Stadtwerke Erding etwa 20, bei den Stadtwerken Dorfen etwa zehn, wie die Unternehmen auf Nachfrage mitteilen. „Irgendwann dann in fünf Jahren wird das Thema dann sehr groß werden“, erklärt Ruthner. Sein Unternehmen werde die betroffenen Kunden auf jeden Fall im September anschreiben und auf die Lage hinweisen.

„Wir wollen auch ein neues Regionalstrom-Produkt auflegen“, berichtet der Geschäftsführer. Die Stadtwerke Erding planten, eine Börse zu schaffen, auf der Kunden ökologisch erzeugten Strom anbieten und einspeisen können. Ohne eine solche spezielle lokale Lösung sei bei Kleinanlagen unter sieben Kilowatt-Peak „eine Direktvermarktung betriebswirtschaftlich nicht darstellbar“, erklärt sein Kollege von den Stadtwerken Dorfen.

Ruthner setzt auf Bewegung in Berlin. „Wir gehen schwer davon aus, dass der Gesetzgeber in den nächsten zwei bis drei Monaten an der Gesetzgebungsschraube drehen wird.“ Die Gesetzesnovelle werde im Herbst vorgelegt, ist Steiner überzeugt.

„Wir brauchen PV-Anlagen für die Energiewende“, erklärt er. Das habe aber auch eine andere Seite: „Diese Leute haben 20 Jahre lang eine Förderung bekommen, die recht üppig war. Das merken wir alle auf unserer Stromrechnung.“ Die Energiewende werde langfristig nur unter zwei Bedingungen funktionieren: mit großer Akzeptanz der ganzen Bevölkerung und, wenn es gelingt, die Erneuerbaren Energien in den Markt zu integrieren. „Mit einer Verlängerung von Fördertatbeständen tut man auch den Idealisten keinen Gefallen“, so Steiner.

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