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Direkt neben dem Erdinger Weißbräu an der Langen Zeile steht die Stadtapotheke (r.), hier ums Jahr 1880, bis heute. Allerdings ist sie um ein Grundstück nach Norden gerückt. Denn die Brauerei brauchte mehr Platz.

330 Jahre alt

Stadtapotheke Erding: Wo Carl Spitzweg Praktikant war

Vor 330 Jahren eröffnete die Landgerichtapotheke in der Langen Zeilen. Heute findet man sie ein Gebäude weiter nördlich unter dem Namen Stadtapotheke.

Erding Sie hat schon Kriege und Seuchen durchgemacht und viele bewegende Momente erlebt. Nun wird die Erdinger Stadtapotheke 330 Jahre alt. Mit den Inhabern Dr. Beate Braun und ihrem Ehemann Armin blicken wir zurück auf eine bewegte Geschichte.

Gegründet wurde Erdings erste Apotheke 1690 an der Langen Zeile, damals noch unter dem Namen Landgerichtsapotheke. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie auf Bestreben des Stadtrats in Stadtapotheke umbenannt. Nur einmal musste das Traditionshaus umziehen, nämlich genau ein Grundstück weiter, als Ende des 19. Jahrhunderts der benachbarte Erdinger Weißbräu erweitern wollte.

Seit 1895 in der Familie

Vom ersten Inhaber, dem Magistratsrat Johann Sicherer, über Sigmund Lober, dem in Erding eine Straße gewidmet ist, kam die Apotheke im Jahr 1895 in den Besitz von Christian Nöthig, dem Urgroßvater der heutigen Inhaberin. Nach dessen Tod führte seine Gattin Pauline das Haus und übergab es 1950 an ihren Enkel Walter Schweinberger.

Über 43 Jahre hinweg prägte der begeisterte Apotheker sein Geschäft und entwickelte zahlreiche Rezepturen wie den Erdinger Moosgeist, der auch heute noch zu den Verkaufsschlagern gehört.

Stadtapotheke: Die Moosgeister-Zentrale

Durch Schweinberger, Begründer der Erdinger Moosgeister, die am Faschingsdienstag seit den 1980er Jahren in der Langen Zeile ihr Unwesen treiben, wurde die Stadtapotheke zur Moosgeister-Zentrale. Nach dem Tod ihres Onkels übernahm Nichte Beate Braun mit ihrem Mann Armin 1993 die Apotheke und führt sie bis heute.

Familientradition: Dr. Beate, Nichte des legendären Walter Schweinberger, und ihr Mann Dr. Armin Braun übernahmen die Stadtapotheke 1993 – und führen sie seit bald 30 Jahren erfolgreich. Das Interieur ist lebendige Geschichte

Dr. Beate Braun stammt aus Burghausen, der Vater war Arzt, die Mutter Apothekerin, der Großvater betrieb die dortige Stadtapotheke. Ihren Mann Armin Braun, der aus Aachen kommt, lernte Beate Braun beim gemeinsamen Pharmaziestudium in Westberlin kennen. Ihren ersten Einsatz in Erding hatte die Apothekerin bei einer Sommervertretung im Jahr 1990. Nach ihrer Promotion zog die Familie nach Erding und übernahm 1993 die Stadtapotheke. 

„Wir waren damals Anfang 30 und wurden von den gleichaltrigen Geschäftsleuten an der Langen Zeile gleich gut aufgenommen“, erinnert sich Armin Braun. In der gut eingeführten Apotheke wurde das Personal übernommen, auch das traditionsreiche Mobiliar blieb erhalten.

„Wir haben aber gleich ein EDV-gestütztes Bestellsystem eingeführt, damals wurde ja noch alles telefonisch abgewickelt“, berichtet der 57-jährige Rheinländer. Obwohl die Apotheke noch das charmante Ambiente der früheren Jahrhunderte vermittelt, läuft die Arbeit im Hintergrund natürlich wie bei anderen modernen Apotheken ab. „Allerdings hat hier alles eine Geschichte“, sagt Braun und verweist auf zahlreiche Bilder und Sammelstücke.

Stadtapotheke wird sogar in einem Touristenführer genannt

Dieser geschichtsträchtigen Ausstattung verdankt es die Apotheke, dass sie sogar in einem Touristenführer genannt wird – als eine der wichtigen Sehenswürdigkeiten rund um München.

Mit dazu beigetragen hat auch ein berühmter Apothekerlehrling, der 1825 hier ein Praktikum absolvierte. Der Malerpoet Carl Spitzweg, der auch durch eine Kupferplatte an der Hauswand gewürdigt wird, nahm später die Stadtapotheke als Vorbild für sein Bild „Storchenapotheke“. Noch immer kommen Kunstfreunde auf der Suche nach der „Spitzweg-Apotheke“ nach Erding.

Bestseller: Selbstgemachter Hustensaft

Die prägende Fassade der Apotheke heute in der Erdinger Altstadt.

Der Geruch der Jahrhunderte ist auch heute noch zu verspüren, wenn man die historische Apotheke betritt. „In den Holzschubladen wurden früher die Kräuter lose aufbewahrt, die ätherischen Öle haben sich ins Holz gesogen“, verrät Armin Braun. 

Wie ihr Vorgänger Schweinberger legen auch seine Nachfolger großen Wert auf eigene Rezepturen. Neben dem altbewährten Moosgeist wird auch Gin selbst destilliert, das Etikett schmückt ein Bild des Erdinger Malers Benno Hauber. „Unsere Bestseller sind der selbst gemachte Hustensaft, aber auch die Creme für den Baby-Popo ist heiß begehrt“, verrät Dr. Beate Braun. Viel nachgefragt werden auch die „Schwedenkräuter“, die man zuhause selbst ansetzen oder bereits fertig präpariert erwerben kann.

Herstellung von Desinfektionsmitteln während der Corona-Pandemie

Nach den Engpässen durch die Corona-Krise lief auch die Herstellung von Desinfektionsmitteln auf Hochtouren. Grundsätzlich werde durch die Krise zwar der Versandhandel gestärkt, doch die Rolle des örtlichen Apothekers habe sich dadurch auch verändert, meint die Inhaberin. „Es ist jetzt viel mehr Beratung erforderlich, wir arbeiten fast wie bei der Telefonseelsorge“, erklärt sie. Es gelte jetzt, gemeinsam Lösungswege für den einzelnen Kunden zu finden, auch in Bezug auf die Naturheilkunde sei die fachliche Beratung durch den Apotheker wichtig. „Der Apotheker vor Ort steht immer bereit“, versichert Armin Braun.

Er ist immer noch begeistert von seinem Beruf und kann sich keinen anderen vorstellen. „Mit meinem Wissen um die biochemischen Abläufe, die Wirkung und Verarbeitung von Nahrung im Körper kann ich die Beratung optimal auf den einzelnen Patienten abstimmen“.

Kundenbeziehung steht bei inhabergeführten Apotheken im Vordergrund

Auch seine Gattin Beate liebt an ihrem Beruf die Nähe zum Kunden. „Es ist schön, wenn man helfen kann und von Menschen auch viel zurückbekommt.“ Wichtig sei es, das beim Studium gelernte Wissen einzusetzen, aber auch, sich fortzubilden. Anders als bei Filialapotheken, bei denen der betriebswirtschaftliche Aspekt im Vordergrund steht, sei die inhabergeführte Apotheke stärker auf die Kundenbeziehung ausgerichtet.

Was den Stadtapothekern die Lust an der Arbeit oft vergällt, sei die zunehmende Bürokratie, die großen Lieferengpässe von Medikamenten aus Asien, aber auch die Schwierigkeit, Personal zu bekommen. „Wir bieten Praktikumsplätze an und bilden auch aus, aber nach dem Studium zieht es die meisten Absolventen in die Pharmaindustrie“, bedauern sie.

Für ihre Nachfolge haben sie daher selbst gesorgt. Tochter Carolin (26) hat ihr Pharmaziestudium bereits beendet, und die Eltern hoffen, dass ihr Berufsweg sie in die Apotheke zieht. So würde die traditionsreiche Stadtapotheke weiterhin in Familienhand bleiben.

Gerda und Peter Gebel

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