Stolpersteine erinnern an die unschuldig Ermordeten im Nationalsozialismus. SymbolFoto: Marcus Schlaf
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Stolpersteine erinnern an die unschuldig Ermordeten im Nationalsozialismus.

Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Erdinger Stolpersteine gegen das Vergessen

  • Hans Moritz
    VonHans Moritz
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Goldene Tafeln im Boden sollen auch in Erding an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. 2022 geht’s los.

Erding – Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus findet in Erding seit geraumer Zeit intensive Beachtung. Zu verdanken ist das vor allem dem Historiker Giulio Salvati, der sich ohne Scheuklappen, aber auch ohne Belastungseifer der Hitler-Diktatur widmet. Derzeit ist seine Zwangsarbeiter-Ausstellung im Museum Erding zu sehen. Nun wagt sich Salvati gemeinsam mit Historikerkollegen an ein neues Thema: Auch in Erding sollen kleine, Gold schimmernde Mahnmale im Boden an die Opfer der NS-Zeit erinnern – die aus vielen anderen Städten bekannten Stolpersteine, die Namen und Lebensdaten der Ermordeten enthalten.

Das Projekt stellten Salvati, stellvertretende Museumsleiterin Elisabeth Boxberger und Katharina Keßler im Stadtrat vor – und ernteten fraktionsübergreifend Applaus. Keßler berichtete, dass man die Stolperstein-Idee seit 2019 forciere. Es sei immerhin das „größte dezentrale Kunstprojekt in Europa“. Die Stolpersteine verfolgten das Ziel, „genau dort der Opfer zu gedenken, wo sie ihren Alltag verbracht haben“, nämlich im öffentlichen Raum, etwa in der Nähe ihrer Häuser oder Arbeitsstätten. Erinnert werde an die ermordeten Juden und Zigeuner, die Opfer der Euthanasie und viele andere Gruppen, deren Leben von den Nazis als unwert abqualifiziert worden sei.

In Erding, hofft Keßler, „können wir 2022 den ersten Stein verlegen“. Die Stolpersteine stellen nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem Wofür – „wofür mussten diese Menschen sterben?“ Die Steine sollten nicht nur in Erding zum Nachdenken anregen, sondern auch in den Ortsteilen. „Unser Ziel ist, die Schicksale der Opfer bekannt zu machen.“ Und wer die Steine lesen will, „muss sich vorbeugen, also auch verbeugen“. Zugleich seien sie ein „Mahnmal gegen Rassismus und Antisemitismus heute“.

Boxberger berichtete von der Recherchearbeit, „bei der man von den Schicksalen immer wieder ergriffen ist“. Für Erding beabsichtige man, jeder Opfergruppe mit einer Person zu gedenken. Allerdings sei die Quellenlage schwierig, „viele Spuren haben sich mittlerweile verloren“, so die stellvertretende Leiterin des Museums Erding. Dabei habe man in vielen Archiven recherchiert, nicht zuletzt in dem der Stadt Erding. Aber auch Taufregister und Familienbücher habe man ausgewertet sowie unter anderem das Dokumentationszentrum in Dachau und die israelische Gedenkstätte Yad Vashem um Unterstützung gebeten.

Mit dem Auftritt im Stadtrat, so Boxberger, beginne man den Gang an die Öffentlichkeit. Geplant seien ein Runder Tisch sowie Projekte mit den Erdinger Schulen. „Wir können noch Mitstreiter gebrauchen“, warb sie um Unterstützung.

Salvati berichtete, es habe auch in Erding Euthanasie-Opfer gegeben, also Menschen, die nur aufgrund einer Behinderung ermordet wurden. Drei Fälle seien bekannt. Aber auch Erdinger Juden seien in den Konzentrationslagern getötet worden, ebenso Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter.

Einen Stolperstein, kündigte Salvati an, werde an Sophie und Leopold Einstein erinnern, die an der Langen Zeile gewohnt hätten. Sie seien 42- und 43-jährig im Ghetto Lublin und im KZ Theresienstadt getötet worden.

Für die Erinnerung an die Zwangsarbeit werde Pierino Riccio stehen, der im Lager Eichenkofen gelebt und unter anderem im Fliegerhorst gearbeitet habe.

Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) lobte, die Zwangsarbeit sei dank Salvati seit Wochen Gesprächsthema in Erding und finde eine „beachtliche Öffentlichkeit“.

Salvati freute sich nach der Sitzung: „Es ist wirklich sehr erstaunlich, wie schnell die Aufarbeitung in Erding Fahrt aufgenommen hat.“ Er hätte nie gedacht, dass es so einfach sei, das Interesse der Bürger auf die neueste Forschung zu lenken. Zuletzt hatten mehrere Veranstaltungen zur Erinnerung an die Zwangsarbeit stattgefunden, darunter eine Kundgebung in Erding, bei der die ausländischen Arbeitskräfte buchstäblich wieder ein Gesicht erhielten – auf stark vergrößerten Karteikarten aus der Nazi-Zeit.

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