TV-Blackout abgewendet: Handball-WM 2019 live im Free-TV

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Eine verschworene Gemeinschaft: Jeder Tag beginnt in den Praxisklassen mit einem gemeinsamen Frühstück. Dabei hat jeden tag ein anderer Schüler Tischdienst, so sollen die Kinder schon an Pflichtbewusstsein, Disziplin, Pünktlichkeit und Ordnung herangeführt werden.

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Für Schüler, die an der Regelschule nicht oder nicht mehr gut aufgehoben sind, gibt es an der Mittelschule am Lodererplatz in Erding eine zweite Chance. Eine einmalige Einrichtung im Landkreis Erding - und sogar darüber hinaus. 

Erding – Gemeinsames Frühstück im Klassenzimmer, zwischen den Unterrichtsstunden auch mal Stilberatung, Schmink- und Frisurentipps. Was sich im ersten Moment ziemlich ungewöhnlich anhört, ist in den Praxisklassen der Erdinger Mittelschule am Lodererplatz Alltag. Aber was steckt eigentlich hinter diesen Praxisklassen?

„Die gibt es im Landkreis Erding nur am Lodererplatz“, erzählt Nicola Edler-Golla. Sie ist als Pädagogin in der Klasse 9 P1 tätig, Klassenleiter ist Matthias Belmer. Die Klassenleitung in der 9 P2 hat Tanja Spermann, unterstützt wird sie von der Sozialpädagogin Martina Schmitt von der Brücke Erding. „Es ist eine wahnsinnig schöne Sache, die leider viel zu wenig bekannt ist“, ergänzt Spermann.

Seit einigen Jahren läuft das Projekt Praxisklasse bereits, und am Lodererplatz gibt es im dritten Jahr sogar zwei davon. Finanziert wird es von der EU aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und von der Stadt Erding. „Wir haben manchmal den Eindruck, dass sogar viele Schulen im Landkreis gar nicht wissen, dass es solche Klassen gibt.“ Mädchen und Buben von Moosburg bis Dorfen kommen zum Lodererplatz. „Die nächste Praxisklasse ist erst in Unterschleißheim“, erzählt Edler-Golla, die als ehemalige TV-Moderatorin auch stark am Auftreten der Schüler arbeitet.

Intensiver Kontaktzum Handwerk

Aufgenommen werden Kinder, „die in anderen Schulen hinten runter fallen, sei es wegen schlechter Noten, oder einfach aus Lernfrust“, erzählt die gebürtige Tegernseerin, die in München lebt. „Theorie-entlastet ist das Stichwort“, sagt Spermann. „Die Schüler haben weniger Theorie und müssen viele Praktika absolvieren mit dem Ziel, dass sie dann einen Ausbildungsplatz finden.“ Und so wird immer gewechselt: drei bis vier Wochen Unterricht, dann wieder ein bis zwei Wochen Praktikum.

In der Klasse 9 P1 sind es derzeit 13 Schüler, in der 9 P2 14 im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. „Mehr sollten es nicht sein, sonst kannst du nicht mehr individuell auf die Kinder eingehen“, betont Belmer.

Jeder Schultag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Die Schüler haben im Wechsel Tischdienst. „So werden sie an Pflichtbewusstsein, Disziplin, Pünktlichkeit und Ordnung herangeführt“, weiß der Lehrer. „Außerdem erfährt man viel, und die Burschen und Mädl wachsen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen.“

„Na, wie schaut’s mit den Praktikumsplätzen aus“?, fragt Klassenleiter Belmer in die Frühstücksrunde. Die meisten Schüler nicken, einer bittet den Lehrer: „Ich muss noch ein paar Bewerbungen schreiben, könnten Sie mir dann helfen?“ „Machen wir nach dem Unterricht drüben am Computer“, meint Belmer, während eine andere Schülerin zu Edler-Golla geht, sich hinstellt und fragt: „Und?“ Die Pädagogin mustert die Schülerin kurz und meint lächelnd: „Sieht viel besser aus als gestern. Schön, wie du die Haare hast, so gehst du nächste Woche zum Friseur-Praktikum.“

Bei Betriebsbesichtigungen und Praktika werde sehr viel Wert auf den Kontakt zum Handwerk gelegt. Was laut Belmer viele Unternehmen nicht wüssten: „Wenn Betriebe Schüler aus Praxisklassen übernehmen, erhalten sie eine EU-Förderung. Sie müssen nur einen Antrag stellen, dann bekommen die Firmen Geld aus dem Europäischen Sozialfonds.“

Während des Frühstücks spricht der Klassenlehrer noch ein anderes Thema an. „Denkt an die Schulregeln – keine Caps im Unterricht und kein Kaugummi“, sagt Belmer. „Das Äußere und das Auftreten sind später wichtig im Beruf.“ Und noch was gibt er den Schülern mit auf den Weg: „Es wäre schön, wenn ihr die Lehrer grüßen würdet.“ Denn auch auf die Umgangsformen werde später geachtet.

Aushängeschild für die Bildungsregion

Jetzt ist das Frühstück vorbei, der Tischdienst räumt auf, dann steht Unterricht auf dem Programm – allerdings kein normaler. Deutsch, Mathematik und Sachunterricht sind die drei zentralen Fächer, „wobei wir wenig Frontalunterricht machen, sondern individuell auf die Schüler eingehen“, erzählt Spermann. So werden die Inhalte im Fach Mathematik in enger Absprache mit der Berufsschule gelehrt. „Sachen, die die Schüler später im Beruf und auch im täglichen Leben brauchen, wie etwa Dreisatz, Prozentrechnung oder Flächenberechnung von Dreieck, Quadrat und Rechteck“, sagt die Klassleiterin.

Wichtige Inhalte des Sachunterrichtes sind zum Beispiel: Wie funktionieren Wahlen? Was ist die EU? Wie läuft der Geldverkehr ab? Was ist beim Online-Banking zu beachten? Wie füllt man Überweisungen richtig aus? „Es ist nach wie vor Schule, und es gibt auch Noten, aber der Schwerpunkt liegt ganz woanders, nämlich beim Sozialtraining“, erklären Belmer und Spermann.

Belmer gibt aber auch zu: „Es gelingt nicht immer. Manche Dinge sind auch demotivierend, und es kann passieren, dass plötzlich was eskaliert und sich ein Schüler zum Beispiel verweigert, aber dann finden wir im Team Lösungen“, erzählt er. „Kein Tag läuft wie der andere, keiner läuft wie geplant. Du brauchst viel Struktur, aber immer Flexibilität.“ Er lerne, die Kinder zu nehmen, wie sie sind. Aber trotz aller Widrigkeiten und Probleme, die es manchmal gibt, lautet sein Fazit: „Für unser Team ist es eine wahnsinnig erfüllende Aufgabe.“

Stolz auf die Praxisklassen ist auch Petra Leubner. „Wir sind in ganz Oberbayern die einzige Schule mit zwei Praxisklassen“, schwärmt die Rektorin der Mittelschule am Lodererplatz. „Und ich finde das super.“ Sie ist sehr stolz darauf, dass das Projekt an ihrer Schule läuft – und sehr erfolgreich läuft.

„Ich finde es eine gute Sache, denn hier können wir unseren Bildungs- und Erziehungsauftrag noch auf eine andere Art und Weise wahrnehmen“, sagt sie. „Und ich bin der Meinung, unsere Praxisklassen sind ein Aushängeschild für die Bildungsregion Erding.“ Ausdrücklich lobt Leubner auch die gute Zusammenarbeit mit dem Schulamt und dessen Leiterin Marion Bauer (siehe Interview).

Leubner stellt aber auch klar, „dass es nicht so ist, dass wir hier jeden nehmen“. Die Schüler können sich bewerben, und dann gibt es ein Einstellungsgespräch. „Die müssen sich schon beweisen.“ Die Rektorin will nichts beschönigen und bekennt freimütig: „Wir haben auch schon Schüler rausgeworfen, die sich unmöglich benommen haben.“ Aber: „Die meisten kapieren es, und das ist letztlich das Schöne.“

Ricardo (alle Namen geändert) etwa ist in Brasilien geboren, ging erst in Wartenberg zur Schule, war dann lange Zeit krank und hatte den Anschluss verpasst. „Für ihn ist die Praxisklasse die beste Entscheidung“, weiß Klassenleiter Belmer. Er hat sich um ein Praktikum als Justizwachtmeister beim Amtsgericht beworben. „Ich denke, das könnte mir gefallen“, sagt der 16-Jährige. Ein Mädchen erzählt, ihr ehemaliger Dorfener Lehrer habe ihr die Praxisklasse empfohlen, eine andere, dass eine Freundin die Praxisklasse besucht hatte. „Die hat es dann meiner Mama erzählt, die mich dann hier angemeldet hat.“

„Der Beruf sollSpaß machen“

Hannah möchte am liebsten den Beruf der Altenpflegerin ergreifen. „Das wollte ich schon immer werden, ich finde den Beruf sehr schön“, schwärmt die 15-Jährige. Nach dem Schulabschluss in Erding möchte sie auf die Altenpflegeschule in München gehen, danach eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin dranhängen. Aufgewachsen ist sie in Berlin, seit acht Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Dorfen. „Dorfen ist schön, ein bisschen kleiner als Berlin“, meint sie grinsend. Und wenn es nichts mit der Altenpflegerin wird? „Dann habe ich einen Plan B und werde Konditorin“, sagt sie selbstbewusst. Der frühe Arbeitsbeginn? Kein Problem. „Ich stehe jetzt auch jeden Tag zwischen vier und fünf Uhr früh auf.“ Ein eventueller Schichtbetrieb ist ihr auch egal. Sie weiß: „Der Beruf soll Spaß machen.“ „Hannah macht ganz bestimmt ihren Weg“, sagen Edler-Golla und Schmitt einstimmig. „Die weiß, was sie will.“

Und auch bei Inci haben sie keine Bedenken. „Ich will Kosmetikerin oder Friseurin werden“, erzählt das Mädchen begeistert. Sie habe sich schon immer für diese Themen interessiert. Im Internet sehe sie sich viele Schmink- und Frisurentipps an und versuche, diese gleich umzusetzen. Sehr zur Freude ihrer Klassenkameradinnen. Als nämlich der Unterricht vorbei ist, schreitet die 15-Jährige zur praktischen Tat, macht ihren Schulfreundinnen die Haare und schminkt sie. „Das sieht toll aus“, meint ein Mädchen, und selbst die Buben nicken anerkennend. „So bist du perfekt gestylt fürs nächste Vorstellungsgespräch für einen Praktikumsplatz“, sagt Edler Golla lächelnd.

Entwicklungen sind jeden Tag sichtbar

„Ich bin nächste Woche bei einem Friseur“, ruft Inci und strahlt übers ganze Gesicht. „Und ich bei einer Schreinerei“, ergänzt ein Schulkamerad. Einige haben aber noch keinen Praktikumsplatz. „Auf geht’s, rüber in den anderen Raum, Bewerbungen schreiben“, sagt Klassenleiter Belmer. Seine Kollegin, Sozialpädagogin Schmitt von der 9 P2, sitzt bereits drüben an einem der Computer und hilft einem Schüler.

Mindestens einmal im Jahr geht es für jeden Schüler zum Videocoaching. Edler-Golla strahlt übers ganze Gesicht: „Da bin ich ganz in meinem Element, schließlich habe ich jahrelang Live-Sendungen moderiert und denke, dass ich den Schülern durchaus wertvolle Tipps für ihre Bewerbungsgespräche mitgeben kann.“ Gemeinsam mit Kollegin Schmitt arbeitet sie mit den Schülern deren positive Eigenschaften heraus, damit diese dann im Vorstellungsgespräch optimal in den Vordergrund gerückt werden können. Anhand einer Analyse werden Stärken und Schwächen aufgezeigt, es wird an der Körpersprache gearbeitet und alles mit einer Kamera aufgezeichnet.

Mit diesem für die Schüler nicht ganz leichten Training soll erreicht werden, dass sie sich im Bewerbungsgespräch gut in Szene setzen können, sich in ihrer Haut wohl fühlen und einen guten Eindruck beim potenziellen Arbeitgeber hinterlassen. Die Aufzeichnungen sind nur für den jeweiligen Schüler gedacht und werden im Anschluss gelöscht.

„Bei vielen Schülern merkst du die Entwicklung jeden Tag“, erzählt Spermann. „Schön ist einfach, wenn du siehst, wenn die Mädchen und Buben ihre Ziele haben, dafür kämpfen und sagen: ,Ich will das werden’.“ Aber das Schönste für das Praxisklassen-Team ist, „wenn die Kinder ihren Schulabschluss schaffen und dann tatsächlich einen Ausbildungsplatz bekommen“.

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