+
So wurde Frauenarzt Prof. Dr. Michael B. nach seiner Flucht ins Landshuter Landgericht zurückgebracht. Wird er es nächste Woche als freier Mann verlassen. Der Ausgang des zweiten Prozesses ist völlig offen.

Totschlagsprozess gegen Erdinger Frauenarzt

Falsche Spur als größter Fehler?

Wird eine absichtlich falsch gelegte Spur Prof. Dr. Michael B. zum Verhängnis? Kurz vor der Urteilsverkündung im Totschlagsprozess von Pretzen musste das Verfahren noch einmal aufgenommen werden.

Erding/Landshut - m Prozess gegen den Erdinger Frauenarzt Prof. Dr. Michael B., der im Dezember 2013 seine Frau Brigitte getötet haben soll, hatte sich die Schwurgerichtskammer am Landgericht Landshut bereits auf die Urteilsverkündung am 21. Juli vorbereitet. Die Plädoyers waren gehalten. Doch nun musste noch ein Zusatztermin eingelegt werden, um Hilfsbeweisanträge der Verteidigung abzuarbeiten.

Einer drehte sich um einen Streit zwischen Brigitte B. und ihrem Bruder. Der war bekanntlich als Alternativtäter ins Spiel gebracht worden. Erörtert wurde auch ein Telefonat mit dem Sohn von Brigitte B. aus erster Ehe am Tattag um 12.36 Uhr, das völlig unauffällig verlaufen sein soll. Die 60-Jährige habe ihrem Sohn berichtet, dass sie ihren Mann gerade zur Tür bringe. Von einem Streit oder gar einer tätlichen Auseinandersetzung sei keine Rede gewesen. Drittens ging es um eine WhatsApp-Nachricht der Frau, ihr Mann möge ihr beim Einparken helfen.

Bei den neuerlichen Schlussanträgen nahm Staatsanwalt Christoph Ritter weitgehend auf sein bereits gehaltenes Plädoyer Bezug, wies dann noch ergänzend auf Widersprüche in den Aussagen des 57-Jährigen hin. So etwa bei seinen Zeitangaben für die Fahrradfahrt vom Haus in Pretzen zum Schrannenplatz in Erding: Aktuell habe B. angegeben, etwa um 12.45 Uhr weggefahren und dann an einer Schranke noch zwei Züge abgewartet zu haben. Das Argument der Verteidigung, dass das Zeitfenster von 13.37 Uhr (Ende Telefonat von Brigitte B. mit ihrem Sohn) und 13.55 Uhr (Ankunft in der Praxis) für die Tat viel zu eng sei, ließ der Anklagevertreter nicht gelten.

Der Streit könne innerhalb kürzester Zeit eskaliert sein. Die anschließenden Reinigungsarbeiten seien zunächst nur oberflächlich, erst am Abend dann noch gründlich erfolgt.

Dass es kein eindeutiges Motiv für die Tat gebe, gestand der Staatsanwalt zu, aber: „Der Alkoholismus der Ehefrau, das schlechte Verhältnis zur früheren Familie und Erbstreitigkeiten, das kann sich alles zur Eskalation zugespitzt haben“, so Ritter.

Ein von der Verteidigung ins Spiel gebrachter Fremdtäter komme nicht in Betracht: „Wer macht sich die Mühe, die Leiche zu drehen, den Tatort zu reinigen und Trugspuren zu legen? Dafür kommt nur jemand infrage, der sich im Haus auskennt.“

Last not least, so Staatsanwalt Ritter, mache es keinen Sinn, „wenn Prof. B. zunächst ein (alkoholbedingtes) Sturzgeschehen als Todesursache plausibel macht, und dann noch zusätzlich Hinweise auf einen Fremdtäter setzt wie etwa die geöffnete Terrassentür, durch die der Unbekannte geflüchtet sein könnte“.

Der Anklagevertreter ist überzeugt, den Hintergrund für dieses Manöver zu kennen: „Das war Plan B für den Fall, dass Zweifel am Sturzgeschehen aufkommen.“ Diese Trugspur sei aber der größte Fehler des 57-Jährigen gewesen: „Sie war der Hauptgrund für die Anordnung der Obduktion, ohne die das Tötungsdelikt nicht erkannt worden wäre.“

Verteidiger Maximilian Müller beharrte erneut darauf, dass das Tatzeitfenster nicht ausreichend sei: Zuerst hätte sich ein Streit entwickeln müssen, der Tötungsvorgang danach habe sich laut Rechtsmediziner mindestens 20 Minuten hingezogen. Anschließend sollten dann noch Reinigungsarbeiten durchgeführt und Trugspuren gelegt worden sein.

Anwalt Florian Opper kritisierte einmal mehr die Ermittlungsarbeit der Erdinger Kripo: „Die wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Das darf nicht zu Lasten unseres Mandanten gehen, wie es die Staatsanwaltschaft betreibt.“ Er verwies vor allem auch darauf, dass allein an der Getöteten vier ungeklärte DNA-Spuren gebe und dann noch eine weitere auf einem Handtuch, mit dem dem Opfer das Blut im Gesicht abgewischt worden sei.

Verteidiger Dr. Matthias Schütrumpf wies die Version des Anklagevertreters von einem Plan B zurück: „Unser Mandant hat sich in einer Ausnahmesituation befunden und ist panisch geworden.“ Gerade die ungeklärten DNA- und Blutspuren an der Terrassentür sprächen für einen Fremdtäter. Da käme wieder der Bruder der Getöteten infrage: „Wenn es an diesem Tag zu einem Zusammentreffen mit ihm gekommen ist, kann es wegen Geldstreitereien heftig geworden sein.“ Auf jeden Fall, so die Verteidigung, blieben viele Lücken in den Ermittlungen.“ Das Urteil wird am Freitag, 21. Juli, ab 9 Uhr verkündet.

Walter Schöttl

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Frauenhaus: Kreisräte wollen endlich mitreden
Nach der Kreistagssitzung am Montag sind die Fronten beim Thema Frauenhaus weiter verhärtet. Da hatte der Landrat nach seiner „Bekanntmachung“ dazu keine Diskussion …
Frauenhaus: Kreisräte wollen endlich mitreden
Zu teuer? Streit um Schüler-Kunst
Das nächste Projekt von Stadtteilkunst wird wieder von Schülern gestaltet. Diesmal werden die weiterführenden Schulen Exponate im öffentlichen Raum schaffen. Harry …
Zu teuer? Streit um Schüler-Kunst
Machtmensch Bayerstorfer hat sich völlig vergaloppiert
Der Streit ums Frauenhaus eskaliert: Jetzt wehrt sich sogar die Kirche gegen die harten Vorwürfe des Erdinger Landrats. Der ist übers Ziel hinausgeschossen, meint …
Machtmensch Bayerstorfer hat sich völlig vergaloppiert
Kirche auf Konfrontationskurs zum Landrat
Beim Sozialdienst katholischer Frauen und bei der Erzdiözese München-Freising ist man entsetzt über die schweren Vorwürfe, die Landrat Martin Bayerstorfer gegen den …
Kirche auf Konfrontationskurs zum Landrat

Kommentare