Totschlagsprozess 

Das Schauspieltalent des Prof. Dr. Michael B.

Das Gutachten des Psychologen stand im Mittelpunkt des 14. Verhandlungstags im Totschlagsprozess um den Frauenarzt Prof. Dr. Michael B.

Erding/Landshut – Das psychologische Gutachten für den ehemaligen Erdinger Frauenarzt Prof. Dr. Michael B. (57) brachte Sachverständiger Dr. Gregor Groß am 14. Verhandlungstag vor der Schwurgerichtskammer des Landshuter Landgerichts in einem Satz auf den Punkt: „Keinerlei Diagnose, alles im Normbereich, keine verminderte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit.“ Bei der Neuauflage des Totschlags-Indizienprozesses, in dem dem 57-Jährigen vorgeworfen wird, seine Ehefrau Brigitte B. (60) am 4. Dezember 2013 im Haus in Pretzen verprügelt und erstickt zu haben, brachten auch die Ergebnisse der psychiatrischen und psychologischen Explorationen keine neuen Erkenntnisse.

Groß berichtete, dass sich der Angeklagte ihm gegenüber zunächst vorsichtig geäußert habe, wobei er deutlich manipulative Züge und ein überkontrolliertes Verhalten an den Tag gelegt habe. Seine zweite Ehefrau „Biggi“ habe er idealisiert: Sie habe sich schützend vor ihn gestellt, die Ehe habe er als äußerst harmonisch beschrieben.

Von Zeugen sei die Gattin dominant geschildert worden, sie habe ihn auch in der Öffentlichkeit als „schwachen Menschen“ hingestellt. Besonders auffallend sei gewesen, so der Sachverständige, dass Prof. B. die Alkoholkrankheit seiner Frau völlig ausgeblendet habe. Dafür habe es eigentlich keinen Grund gegeben, zumal er sie vor beziehungsweise nach ihrem Tod unter anderem gegenüber Praxismitarbeiterinnen, Notarzt und Polizeibeamten als langjährige Pegeltrinkerin geschildert habe. Warum er im Prozess darauf beharrt habe, von ihrer Krankheit erst am Tag vor ihrem Tod durch das Ergebnis einer Blutuntersuchung erfahren zu haben, bleibe ungeklärt. „Vielleicht wollte er sie im Nachhinein in einem besseren Licht erscheinen lassen. Vielleicht war es auch die emotionale Belastung oder verfahrenstaktische Überlegungen.“

Kratzer und Rötungen

Wie schon zuvor Diplom-Psychologe Andreas Haßkerl, so bescheinigte auch Dr. Groß dem Frauenarzt durchaus schauspielerische Qualitäten. Das habe sich etwa gezeigt, wenn die Sprache auf seine tote Ehefrau gekommen sei: „Da hielt er es für sozial adäquat, Trauer zu zeigen.“ Seine Einlassung im Verlauf der Hauptverhandlung sei dagegen praktisch ohne Mimik über die Bühne gegangen, emotionale Betroffenheit sei nicht festzustellen gewesen.

Für wenig wahrscheinlich hielt es der Sachverständige auf entsprechende Nachfrage von Vorsitzendem Richter Ralph Reiter, dass der 57-Jährige die Selbstkontrolle verloren habe, als das „Denkmal Ehefrau“ Risse bekommen habe. Bei Prof. B., so der Gutachter, stehe eher die Tendenz Konfliktvermeidung im Vordergrund: „Er hat zehn Jahre vom Alkoholproblem gewusst und es in Kauf genommen.“

Die Ergebnisse der körperlichen Untersuchung des Frauenarztes nach seiner Festnahme am 5. Dezember berichtete Rechtsmediziner Dr. Florian Fischer. Auffällig gewesen sei eine bräunliche Blutantragung an einem Ohr, dazu Kratzer am linken Unterarm und am linken Daumen. Ob es sich dabei um Kampfspuren handle, müsse offen bleiben. Außerdem habe man Rötungen an der rechten Kniescheibe und am Schienbein festgestellt, die durchaus von der Putzaktion des 57-Jährigen stammen könnten, keinesfalls aber, wie im Prozess angeklungen sei, von einem Sturz mit dem Fahrrad. Ihm gegenüber habe Prof. B. keine Erklärungen zu den Verletzungen abgegeben.

Der Prozess wird am Dienstag, 6. Juni, fortgesetzt. Geplant ist das Obduktionsgutachten von Prof. Dr. Wolfgang Keil. Am Mittwoch werden erneut Beamte der Kripo Erding gehört, am Donnerstag soll Staatsanwalt Christoph Ritter plädieren. Am 26. Juni sind die Plädoyers der Nebenklage und der Verteidigung geplant, das Urteil soll voraussichtlich am folgenden Tag verkündet werden.

Walter Schöttl


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