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Erst das Hakenkreuz, dann der Ehrenring: der Erdinger Heimatforscher Eugen Press

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Von: Timo Aichele

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Journalist und Heimatforscher: Eugen Press um 1955 in der Redaktion des Erdinger Anzeiger ím Schwankl-Haus am Schrannenplatz in Erding.
Journalist und Heimatforscher: Eugen Press um 1955 in der Redaktion des Erdinger Anzeiger ím Schwankl-Haus am Schrannenplatz in Erding. © Museum Erding / Nachlass Eugen Press

Eugen Press war zwischen den 1950er und 1970er Jahren eine hoch angesehene Persönlichkeit in Erding. Der Heimatforscher und Journalist war in der Nazi-Diktatur wohl jedoch mehr als der „Mitläufer“, als der er 1949 verurteilt wurde.

Erding – Eugen Press gilt in Erding als Urvater der Heimathistorik. 1971 verlieh ihm der Landkreis für seine Verdienste den Ehrenring – eine Auszeichnung, die bisher nur 20 Menschen erhalten haben. Die Rolle des Journalisten in der NS-Zeit spielte dabei offensichtlich keine Rolle. Heimatforscher Georg Wiesmaier hat hier nun recherchiert. Denn bis heute wurde das dunkle Kapitel in der Öffentlichkeit nicht näher beleuchtet.

Bereits 1931 trat Press in die NSDAP ein, 1932 in die SA. In dieser Straßenkampf-Truppe der Nazis stieg er bis zum Hauptsturmführer auf. Das höchste Amt seiner mit Posten und Pöstchen gespickten Laufbahn in der NS-Diktatur war ab 1944 das des Adjutanten von Gauleiter und Ministerpräsident Paul Giesler.

Nachzulesen ist das und viel mehr in der Spruchkammer-Akte von Eugen Press. Jeder kann sie im Bayerischen Staatsarchiv einsehen. Diese Mühe gemacht hat sich Wiesmaier. „Ich bin darüber gestolpert, weil niemand so lange eingesperrt wurde, der nur Parteimitglied war“, erklärt der Dorfener, der sich durch das Studium von Originalquellen viel Wissen über die Nazi-Zeit im Landkreis Erding und deren Aufarbeitung nach 1945 angeeignet hat.

Der Erdinger/Dorfener Anzeiger hatte in einer Jubiläumsbeilage Ende 2020 über Press und Emanuel Schwankl geschrieben. Beide sind wichtige Figuren für die Heimatzeitung – sowohl vor als auch nach 1945. Auch im eigenen Interesse veröffentlicht die Redaktion zum heutigen Tag der Befreiung den neuesten Stand der Forschung.

Verleger Schwankl war im Zuge der Entnazifizierungsverfahren von Februar 1946 bis Oktober 1947 inhaftiert gewesen (siehe Artikel unten). Bei Press dauerte die Haft von Juni 1945 bis Januar 1948. Sowohl er als auch Schwankl wurden am Ende als „Mitläufer“ eingestuft, die zweitunterste der fünf Kategorien Hauptschuldiger, Aktivist, Minderbelasteter Mitläufer und Entlasteter.

Georg Wiesmaier hat in den Spruchkammerakten geforscht. 
Georg Wiesmaier hat in den Spruchkammerakten geforscht.  © Michaele Heske

Nach dem Studium der rund 100 Seiten starken Spruchkammer-Akte und der Lektüre diverser Zeitungsartikel von Eugen Press in der Nazi-Zeit kommt Wiesmaier heute zu einem anderen Schluss. „Da gibt es kein Vertun. Press war ein überzeugter Nationalsozialist“, sagt der pensionierte Lehrer und noch aktive Gewerkschafter, der der ältere Bruder des Fraunberger Bürgermeisters Hans Wiesmaier ist.

„Dieser Teil von Press’ Leben ist in Erding bisher tabuisiert. Alles, was ich über ihn lese, vermeidet sein Wirken in dieser Zeit“, sagt Georg Wiesmaier über Press. Ab Anfang der 1950er Jahre habe der als langjähriger Kreisheimatpfleger und Redaktionsleiter des Erdinger Anzeiger bis 1972 lange in der Öffentlichkeit gestanden. „Solche Leute müssen sich schon fragen lassen, wo sie damals gestanden sind.“

Heute ist es schwierig, Menschen aus dem direkten Umfeld von Eugen Press zu finden, die berichten können, wie er selbst nach 1945 seine Rolle in der Diktatur bewertete. Press starb 1979 und war nach Schlaganfällen in den letzten Lebensjahren nicht mehr auf der Höhe. Der heutige Kreisheimatpfleger Hartwig Sattelmair, obgleich selbst schon 82 Jahre alt, hatte nach eigener Aussage kaum Kontakt zum Vorvorgänger, weil er in den 70ern noch nicht in Erding lebte.

Sohn Werner Press lebt in Schleswig-Holstein. Er habe Erding 1975 wegen seiner Karriere als Physiker verlassen, berichtet der 1942 geborene emeritierte Professor. „Mit meinem älteren Bruder hat mein Vater mehr darüber gesprochen“, berichtet Werner Press auf Nachfrage. Bruder Volker ist allerdings bereits 1993 gestorben. Er war Geschichtsprofessor, das Interesse der Familie Press für Historisches teilt der Physiker Werner Press allerdings, er hat auch schon über Erdinger Themen Aufsätze veröffentlicht. „Ich habe von meinem Vater nichts Glorifizierendes über das Dritte Reich gehört“, verrät der Phsyiker. Wenn er etwas erzählt habe, dann wie er über die Jugendorganisation Wandervogel immer mehr in dieses deutsch-nationale Umfeld hineingeraten sei.

Harald Krause begrüßt die Aufarbeitung der Nazi-Zeit.
Harald Krause begrüßt die Aufarbeitung der Nazi-Zeit. © Peter Bauersachs

Gerade weil die Erinnerungen immer mehr verblassen, sagt Wiesmaier: „Ich beschränke mich auf das, was ich belegen kann.“ Also mit schriftlichen Quellen. Auf Erzählungen gebe er nichts. Der 68-Jährige beschäftigt sich seit zehn Jahren intensiver mit historischen Themen. Mit seinen Recherchen über den Dorfener Schriftsteller Josef Martin Bauer eckte er auch an.

In den Spruchkammerverfahren seien wie bei Gerichtsprozessen üblich jeweils möglichst be- oder entlastende Behauptungen aufgestellt worden. „Je höher die Angeklagten sozial standen, desto bessere Anwälte konnten sie sich leisten“, sagt Wiesmaier. Mit dem gesellschaftlichen Einfluss stiegen auch Zahl und Gewicht der „Persilscheine“, also entlastende Zeugenaussagen von Zeitgenossen.

Die Klageschrift im Erdinger Spruchkammerverfahren forderte für Press eine Verurteilung als „Aktivist“. Der „Spruch“, also das Urteil vom Juni 1948, lautet auf „Minderbelastet“. Die Hauptspruchkammer München-Land änderte das Urteil im März 1949 auf „Mitläufer“ ab.

Bei seinem eigenen, härteren historischen Urteil stützt sich Wiesmaier auf schriftliche Quellen. Bis zum Zusammenbruch des Regimes war der linientreue Publizist in der Partei und in der SA. In sieben Parteiorganisationen bekleidete er das Amt des Kreispressewarts und war zeitweilig Kreispresseamtsleiter. Weitere Mitgliedschaften sind aktenkundig. Ermittler Wille schreibt 1948 im Spruchkammerverfahren: „Eugen Press wird als überzeugter Nationalsozialist geschildert. Er war fleißiger Uniformträger und verkehrte viel in den Kreisen des hiesigen Kreisstabes.“

Auch das journalistische Wirken von Eugen Press in dessen frühen Erdinger Jahren nahm Wiesmaier unter die Lupe. Der Dorfener bestellte sich alte Zeitungsausgaben in den Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek und fand unter dem Namen Eugen Press oder dem Kürzel epe reinste Nazi-Propaganda (siehe Kasten). Mit seinem Fazit dieser Lektüre muss sich Wiesmaier nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen: „Eugen Press hat die NS-Ideologie bis 1945 aktiv unterstützt.“

Zeugnisse reinster Nazi-Propaganda

Eugen Press wurde 1909 in Mülheim-Ruhr geboren, 1937 kam er nach Erding, um die Redaktion des Nazi-Organs Erdinger Tagblatt zu leiten. Nach der Zusammenlegung dieser Zeitung mit dem Erdinger Anzeiger im Jahr 1938 war er auch hier Schriftleiter. Doch bereits im November 1939 bekam Press eine neue journalistische Aufgabe: Er wurde Kriegsberichter bei der Luftwaffe, wo er es bis zum Rang des Leutnants brachte. Für diese Tätigkeit sei Regime-Treue sicher wichtig gewesen, meint sein Sohn Werner Press heute.

Frühe Artikel von Eugen Press in den Erdinger Zeitungen sind geprägt von nationalsozialistischer Sprache. In einer „Bücherschau“ preist Press 1938 einen Roman, der spannend die „Brutalität des roten Untermenschentums“ schildere. Einen Tag vor der Reichstagswahl am 10. April 1938 fordert Press seine Leser auf, der „Stimme des Herzens“ zu folgen. „Langsam und stetig hat die Predigt des Führers von der Volksgemeinschaft eine Wandlung gebracht.“ Die Frage sei nur: „Bist du deutsch? (...) Und die Stimme des Blutes in uns, sie muss antworten, sie wird es vor aller Welt bekennen: Ja, ja und tausendmal ja!“

Am 9. November 1937 erinnert Press an den gescheiterten Hitlerputsch 14 Jahre zuvor. Der Gedenkmarsch zur Feldherrnhalle in München führe zur „heiligsten Stätte“ mit

„16 heiligen Gräbern“ derjenigen Gefolgsleute von Hitler, die damals starben. Trauern solle man um diese Märtyrer jedoch nicht, so Press: „Der Sieg der Bewegung hat sie alle für ewig in uns lebendig gemacht.“

Eine weitere „Bücherschau“ stellt ein Werk vor, das „den internationalen Pressehetzern die Maske entreißt“. Gemeint ist „das internationale Judentum, die Beherrscherin der Weltpresse. (...) Lügen, nichts als Lügen wollen den Brunnen des Völkerfriedens vergiften“.

Eugen Press - der Pionier der Heimatforschung

Erding – Die Arbeit von Eugen Press als Heimatforscher hat noch heute einen großen Nachhall. Er engagierte sich ab 1951 als Kreisheimatpfleger, war Gründer des Kreisvereins für Heimatschutz und Denkmalpflege im selben Jahr sowie 1952 bis 1958 Leiter des Städtischen Museums. Dazu habe er mit Artikeln im Erdinger Anzeiger „eine noch nie da gewesene Öffentlichkeit für Heimatgeschichte geschaffen“, sagt Harald Krause, der heutige Leiter des Museums Erding.

Das habe so weit geführt, dass jeder Bauarbeiter, der Geschichtsträchtiges ausgrub, oder weitere Bürger den Journalisten anriefen. Mit seinem VW Käfer fuhr Press dann sofort raus. Und wie im Fall des bedeutendsten archäologischen Funds, des Reihengräberfelds in Klettham 1965, sorgte er dafür, dass diese Schätze für die Nachwelt gesichert wurden. Und das „mit großem Fachverstand, seinem weiten Netzwerk in die gesamte Gesellschaft von Bundeswehr bis Politik und beträchtlichem Fleiß“, wie auch der heutige Kreisheimatpfleger Hartwig Sattelmair würdigt. Diese wertvolle Arbeit war es auch, aufgrund der Eugen Press 1971 der Ehrenring des Landkreises verliehen wurde.

Sein historisches Erbe wirkt nach. Press gründete den Kreisverein und hob die Schriftenreihe zur Erdinger Geschichte aus der Taufe. Im Museum Erding liegt ein Nachlass an historischen Funden, Dokumentationen und Fotos, der immer noch nicht aufgearbeitet ist. „Wir zehren noch heute von seiner Arbeit“, sagt Krause. Fast die Hälfte der ausgestellten Objekte in der archäologischen Abteilung des Museums gehe auf den Begründer der Sammlung zurück.

Krause ist selbst 44 Jahre alt und seit 2015 Museumsleiter. Der studierte Archäologe erinnert sich an einen Vortrag, den er 2008 im Stadtrat Erding gehalten hat. Darin habe er die Verdienste von Press um die Heimatforschung hervorgehoben. „Da ist ein gewisses Raunen durch den Sitzungssaal gegangen“, erzählt Krause. Erstmals habe er da Negatives über Press’ Rolle in der Nazi-Zeit gehört.

„Natürlich gehört das zur Geschichte der Person Eugen Press dazu“, erklärt Krause nun und gibt zu: Als Museumsleiter habe er hier selbst noch nicht nachgeforscht und auch nicht den Auftrag dafür gehabt. Daher sei es verdienstvoll vom Dorfener Heimatforscher Georg Wiesmaier, dass er sich dieser schwierigen Themen angenommen habe. „Ich stehe dem vollkommen offen gegenüber – gerne auch mit Herrn Wiesmaier zusammen“, erklärt Krause. Es sei wichtig, den Finger in die Wunde zu legen. „Dieser Finger muss aber wissenschaftlich desinfiziert sein.“

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