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Stress pur bedeutet für viele Kinder und deren Eltern der Übertritt nach der Grundschulzeit. Experten streiten, ob die Selektion zu früh erfolgt.

Übertritt nach der vierten Klasse 

Das große Zittern vor dem Grundschulabitur

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1268 Kinder haben einen Schritt in ihrem Leben geschafft, der vielen von ihnen und ihren Familien Angst, Schweiß und Tränen abverlangt hat – der Übertritt nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule. Wir haben mit Eltern übers gefürchtete Grundschulabitur gesprochen.

Erding – Es sind zwei Bruchzahlen, die das Leben vieler Familien im Erdinger Land in den vergangenen Monaten beschäftigt haben dürfte: Mit einem Notenschnitt von 2,33 und besser hat man die Qualifikation fürs Gymnasium geschafft. Wer schlechtestens 2,66 mit nach Hause bringt, darf auf die Realschule.

Mittlerweile sind die Würfel gefallen, Anfang des Monats gab’s die Übertrittszeugnisse. Vorige Woche fanden die Einschreibungen statt. 163 sind es am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding, genauso viele am Anne-Frank-Gymnasium, 141 am Gymnasium Dorfen, 103 an der Herzog-Tassilo-Realschule, 175 an der Mädchenrealschule Heilig Blut und 92 an der Realschule Taufkirchen. Seit klar ist, dass das G 9 zurückkehrt, steigen die Anmeldezahlen an den Gymnasien wieder – weil mehr Zeit ist und es anfangs keinen Nachmittagsunterricht (mehr) gibt.

Stress unter Kindern, Stress unter Eltern

Doch der Weg dorthin war für viele entbehrungsreich. Die Eltern, mit denen wir sprachen, wollen anonym bleiben, alte und neue Schule lesen schließlich mit. Eine Mutter spricht von einem regelrechten „Übergangswahnsinn“. Bereits in der zweiten Klasse sei ihr Bub nach Hause gekommen und wollte wissen, ob er auf Gymnasium oder die Realschule komme. Sie berichtet weiter, dass eine Zwei hui, eine Drei pfui sei. Ein andere erklärt: „Ab der fünften Klasse ist eine Drei keine schlechte Note mehr.“

Eine Mutter von drei Töchtern – die Jüngste wechselt im Herbst aufs Gymnasium – berichtet, dass zwei ihrer drei Mädels auf der Kippe gestanden seien. „Es war Stress bei den Kindern, und es war Stress unter den Eltern“, erinnert sie sich. Was sie als besonders unangenehm empfunden hat: die Rivalität bei Schülern, aber auch Erwachsenen. „Es gab immer nur ein Thema – wer schafft es aufs Gymnasium?“ Gegen Schuljahresende habe sie schon gar keine Lust mehr gehabt, auf Elternstammtische zu gehen. Einige besonders ehrgeizige Mamas hätten bezüglich der Leistungen ihrer Kinder schamlos übertrieben.

Besagte Mutter ist in Bremen zur Schule gegangen, und sie weiß um den nicht gerade gerade guten Ruf der Bildung an der Weser. „Aber was dort definitiv besser ist als in Bayern, ist die Orientierungsstufe in den Klassen fünf und sechs. Die Kinder mussten sich nicht so früh festlegen und waren länger beieinander.“ Für sie ist es unglaublich, dass schon Grundschüler zur Nachhilfe getrieben werden – und das nicht nur einmal in der Woche.

Der Elternwille ist entscheidend

Eine andere Mutter kritisiert die frühe Auslese ebenfalls. Potenziale müssten reifen können. „Die Noten im Übertrittszeugnis spiegeln nicht zwangsläufig Fähigkeiten und Intelligenz wider.“

So sieht das auch der Bayerische Elternverband. Dessen Vorsitzender Martin Löwe kritisiert die „allzu frühe Sortierung der Kinder in verschiedene Schularten“. Dies begünstige die Angst vieler Eltern, dass ihr Kind ohne Gymnasium keinen guten Start in Leben bekäme. Der Stress vor dem Übertritt sei definitiv zu hoch.

Das muss nicht sein, weist Kultusminister Bernd Sibler die Vorwürfe zurück. Die Wahl nach der vierten Klasse entscheide keineswegs endgültig über den weiteren Bildungsweg. So könne man nach der Mittelschule mit Quali bis zur allgemeinen Hochschulreife gelangen. „Es gilt das Motto: Jeder Abschluss bietet einen Anschluss“, so Sibler. Über 40 Prozent der Hochschulberechtigten kommen laut Ministerium nicht mehr vom Gymnasium, sondern über den Weg der beruflichen Bildung – vor allem Realschule und FOS/BOS. Sibler erinnert daran, dass der Notendurchschnitt vor dem Übertritt nicht zwingend bindend sei. „Die Entscheidung liegt bei den Eltern, wenn im Probeunterricht in Mathe und Deutsch schlechtestens die Note Vier erreicht wird.“

2017 wechselten laut Erdinger Schulamt 39 Prozent der Viertklässler (500) im Landkreis aufs Gymnasium, 35 Prozent (447) an die Realschule und 26 Prozent (334) an die Mittelschule.

Für Letztere setzt sich vor allem das Handwerk ein. Kreishandwerksmeister Rudolf Waxenberger prophezeit den Lehrlingen in diesem Sektor eine gute berufliche Zukunft mit nicht geringeren Einkünften und Karrierechancen als Studierte.

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