Packen gemeinsam an: Marianne Liebermaier, Elfriede Aiglstorfer, Brunhilde Mock und Hildegard Schubert (v. l.) sind vier von vielen Tafel-Helfern, die sich Woche für Woche ehrenamtlich engagieren. Dienstags wird das gespendete Gemüse eingeputzt, hier der Kopfsalat. Ausgabetag ist der Mittwoch.
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Packen gemeinsam an: Marianne Liebermaier, Elfriede Aiglstorfer, Brunhilde Mock und Hildegard Schubert (v. l.) sind vier von vielen Tafel-Helfern, die sich Woche für Woche ehrenamtlich engagieren. Dienstags wird das gespendete Gemüse eingeputzt, hier der Kopfsalat. Ausgabetag ist der Mittwoch.

Verein besteht seit 40 Jahren

Nachbarschaftshilfe Erding: Unterstützer in allen Notlagen

  • Gabi Zierz
    vonGabi Zierz
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Seit 40 Jahren kümmert sich die Nachbarschaftshilfe Erding um Notlagen der Bürger. Vor 15 Jahren unterstützt sie Bedürftige auch mit der Tafel. Zeit für Rückschau und Ausblick.

Erding – Im Wohnzimmer von Hella Marold war vor gut 40 Jahren die Geburtsstunde der Nachbarschaftshilfe (NBH) Erding. Die heute 78-Jährige hatte damals einige Mitstreiterinnen eingeladen, um ein Netzwerk für Mütter ohne Familienanschluss aufzubauen. Kein einfaches Unterfangen. 40 Jahre später ist die Nachbarschaftshilfe nicht mehr aus Erding wegzudenken. Der Verein, dessen Gründungsvorsitzende und Einsatzleiterin Hella Marold viele Jahre war, zählt heute 400 Mitglieder und engagiert sich auf vielfältige Weise für die Bürger. Ein Schwerpunkt liegt seit 15 Jahren in der Tafel, der Lebensmittelausgabe an Bedürftige.

Als „Super-Preuß“, wie Marold selbst sagt, noch dazu hochschwanger, sei es „sehr, sehr schwer gewesen, Kontakt zu finden“. Bei einem Treffen des 9-Uhr-Clubs hörte sie 1979 von der Nachbarschaftshilfe Ismaning – und war begeistert. So etwas wünschte sie sich in Erding auch. Wenige Monate später wurde der Verein aus der Taufe gehoben. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Pfarrerin Jutta Wachter-Claussen und Marolds Ehemann Martin, der seine Frau stets unterstützte.

Damals schon an Marolds Seite: Elisabeth Kain, Mutter von zwei Kindern. Die heute 71-Jährige war später selbst viele Jahre Vorsitzende, rief die Tafel ins Leben und engagiert sich heute noch als Kassierin im Verein. „Ohne Elisabeth wäre gar nichts gegangen“, sagt Hella Marold. Gemeinsam stellten die beiden ihre Idee bei Stadtpfarrer und Stadtoberhaupt vor – und stießen auf wenig Begeisterung. „Des macht die Caritas, des brauch ma ned“, habe Josef Mundigl gesagt. Auch Bürgermeister Gerd Vogt sei anfangs von der Notwendigkeit der NBH nicht überzeugt gewesen. Später allerdings habe er seine Meinung revidiert und stets ein offenes Ohr gehabt, so Kain.

Marold selbst stand nie gerne in der Öffentlichkeit: „Ich habe lieber Spenden gesammelt.“ Kain erinnert sich an die holprigen Anfänge: „Bei den ersten Spendenterminen sind wir uns vorgekommen wie zwei Schulmädchen.“

Ehrenamtlich und unbürokratisch wollte die Nachbarschaftshilfe Familien unterstützen, beispielsweise wenn Mütter krank werden und sich niemand um die Kinder und den Haushalt kümmern kann. Die Strukturen haben sich im Laufe der Zeit verändert. So werden nicht mehr alle Tätigkeiten im Haushalt und in der Seniorenhilfe ehrenamtlich verrichtet. Zum einen, weil viele Helfer selbst auf einen kleinen Zuverdienst angewiesen sind. Zum anderen, um nicht ausgenutzt zu werden. „Es war schon so, dass mancher meinte, er zahlt zwölf Mark Jahresbeitrag und bekommt kostenlos eine Putzfrau“, erinnert sich Marold. Und Kain stellt klar: „Der Dodel von Erding wollten wir nicht sein.“ Deshalb wurde schon vor Jahren ein fester Stundenlohn eingeführt.

Die Nachbarschaftshilfe hat viele Facetten. Es gibt Kindergruppen, Familienhilfe, Freizeitclubs für Menschen mit und ohne Behinderung, die Selbsthilfegruppe „Senioren helfen Senioren“ – und seit 15 Jahren die Tafel Erding. Sie war 2005 die 20. Einrichtung dieser Art in Bayern und ist mittlerweile der arbeitsintensivste Bereich der NBH in Erding.

Gleichzeitig sieht Kain darin eine nahe liegende Tätigkeit, „denn bei uns werden nicht nur Lebensmittel verteilt. Wir kümmern uns auch um andere Belange unserer Kunden.“ Wenn beispielsweise der Strom abgesperrt werde oder wenn Schriftverkehr mit Behörden erledigt werden müsse.

Unter Kains Federführung hatte der Verein auch bei der Tafel viel Aufbau- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Zunächst mussten Geschäfte gefunden werden, die Lebensmittel kostenlos abgeben. „Anfangs sind wir sogar angefeindet worden, weil viele glaubten, wie unterstützen damit Arbeitsunwillige“, erinnert sich Kain: „Aber mir ging es in erster Linie um Seniorinnen, die damals kaum gearbeitet haben und keine Rente hatten.“

In den ersten Jahren teilte sich die Tafel mit dem Stadttheater Erding Räume an der Roßmayrgasse. Eine beengte Situation, die heute allein aus hygienischen Gründen gar nicht mehr vorstellbar wäre. 2009 zog man an die Friedrichstraße in Klettham um – ins Gebäude des ehemaligen Gasthauses St. Prosper. Dort war man Nachbar des Kleiderladens der Arbeiterwohlfahrt. Seit November 2017 ist die Tafel im alten Postgebäude am Erdinger S-Bahnhof untergebracht. „Die Räume sind optimal“, sagt Petra Bauernfeind, seit 2012 NBH-Vorsitzende, zur zentralen Lage.

Frauen der ersten Stunde sind Elisabeth Kain und Gründungsvorsitzende Hella Marold. Kain führte die Nachbarschaftshilfe viele Jahre, ihre Nachfolgerin ist Petra Bauernfeind (v. l.). 

Am ersten Ausgabetag, es war der 5. Januar 2005, hatte die Tafel rund 60 Kunden. Mittlerweile kommen jeden Mittwoch 150 Abholer. Dahinter stehen viele Familien. Bauernfeind geht von bis zu 300 Menschen aus, die so Woche für Woche versorgt werden. Ihre Bedürftigkeit müssen die Tafel-Kunden nachweisen.

Anfangs holten die Helfer die gespendeten Lebensmittel in den Supermärkten mit ihren Privatautos ab. Später stellte ihnen das Ford-Autohaus Ewald einen kleinen Kastenwagen zur Verfügung, erzählt Kain. Mittlerweile sind die Ehrenamtlichen mit einem Kühlwagen unterwegs. Der Mercedes Vito schwächelt allerdings seit geraumer Zeit und ist stark reparaturbedürftig. Ein neuer Ford Transit ist bestellt und soll in wenigen Wochen ausgeliefert werden, kündigt Bauernfeind an. Das Fahrzeug kostet inklusive Kühlvorrichtung 42 000 Euro und wird vom Verein aus Spenden und Rücklagen finanziert.

Nicht nur die Tafel, auch die Nachbarschaftshilfe selbst ist in den vergangenen Jahren mehrfach umgezogen – zuerst aus Marolds Wohnzimmer ins evangelische Gemeindezentrum an der Dr.-Henkel-Straße. Dort konnte der Verein einmal die Woche für Sprechzeiten ein Büro nutzen.

Das erste eigenständige Büro wurde 1981 im rückwärtigen Teil der Bahnhofsgaststätte eingerichtet. Seit 1994 ist die NBH am Mühlgraben Zuhause. Dort verfügt sie nicht nur über ein Büro, in dem drei 450-Euro-Kräfte tätig sind, sondern auch über einen Gruppenraum mit Küchenzeile. Der Verein schätzt die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Vermieterfamilie Pointner, die steht’s ein offenes Ohr für ihre Belange habe, wie Kain und Bauernfeind betonen.

Die Vorsitzende hat schon das nächste Projekt im Blick: eine Wärmestube für Obdachlose und von Obdachlosigkeit Bedrohte. „Der Bedarf ist durchaus vorhanden. Es gibt mehr als man denkt“, sagt Bauernfeind. Sie will das Projekt gemeinsam mit der Flüchtlingshilfe Erding umsetzen. Die 50-Jährige weiß aus ihrer Erfahrung bei der Nachbarschaftshilfe: „Es funktioniert nicht, wenn man die Leute sich selbst überlässt.“

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