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In der Moschee in Erding ist der gescheiterte Putsch ein großes Thema. Am Sonntag kamen dort unter anderem (v. l.) Sena Carkci, Zeynep, Hiranur und Osman Uygun, Mehmet Altinisik, Nuretin Erdogan, Bilgihin Pala, Enise Uygun und Erva Basoglu zusammen.

Türkische Bürger in Erding

„So viele Unschuldige sind gestorben“

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Erding – Mit Trauer und Sorge verfolgen die Türken in Erding die Nachrichten vom gescheiterten Militär-Putsch. Auch die Sicht des Westens auf ihre zweite Heimat beunruhigt sie.

Schüsse in Ankara und Istanbul, Kampfjets über den Städten, fast 300 Tote, Demos, Hassrhetorik und Gewalt auf den Straßen: Die Nachrichten rund um den gescheiterten Militärputsch in der Türkei sind beunruhigend – vor allem für die vielen Bürger türkischer Abstammung. Freitagabend schreckte eine SMS den Vorstand der Islamischen Gemeinschaft in Erding auf. Vorsitzender Osman Uygun leitete eine Sitzung in der Moschee im ehemaligen Stadttheater. Schnell eilten die Männer zum Fernseher in der Cafeteria der Moschee.

„Wir konnten das nicht glauben“, erzählt Uygun. „Dass so etwas 2016 noch passieren kann“, sagt er kopfschüttelnd. Schließlich sei die Türkei ja so modern geworden. In ihm kamen auch Bilder aus der eigenen Kindheit hoch. Den Putsch 1980 erlebte er als Zehnjähriger in Fatsa am Schwarzen Meer. „Überall waren Hubschrauber“, erinnert sich der Erdinger, der bereits seit 20 Jahren hier lebt.

Freitagnacht herrschte in der Erdinger Moschee anfangs noch Misstrauen, ob man den Meldungen über den Putsch trauen kann. Schließlich berichtete der türkische Staatssender TRT nicht darüber. Als klar war, dass dessen Funkhaus besetzt worden war, wuchs auch die Sorge um das Land und die Angehörigen dort. Bilgihin Pala erzählt, dass sein Bruder Yunus gerade mit der Familie auf Urlaub in der Türkei ist. Ihnen gehe es aber gut, berichtet der Taxifahrer, der bereits seit 40 Jahren in Erding lebt, erleichtert. Und auch aus den anderen Familien der Erdinger Türken seien noch keine persönlichen Betroffenheiten gemeldet worden.

„Wir sind sehr traurig. So viele Unschuldige sind gestorben“, sagt Nuretin Erdogan. Erst will der Erdinger seinen Nachnamen nicht verraten, mit dem Staatspräsidenten habe er ja nichts zu tun. Die Meinungen über die Regierungspartei würden auch in der Islamischen Gemeinschaft in Erding auseinandergehen, erzählt Pala. „Ich persönlich bin nicht für die AKP“, sagt er. Allerdings habe sich die Türkei auch in den 14 Jahren der AKP-Regierung zum Positiven verändert, meint er in perfektem Deutsch.

„Das ist auch ein großer Imageschaden für die Türkei“, sagt Mehmet Altinisik. Der 2. Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft ist wie Pala deutscher Staatsbürger und hat eine ähnliche Meinung wie er. „Das war ein Attentat auf die Demokratie, egal wie man zu Erdogan steht“, sagt der Erdinger. Die Berichterstattung in deutschen Medien „macht mich schon ein bisschen traurig“, sagt er. Es werde ebenso viel Negatives über den Staatspräsidenten berichtet wie über den Putsch. Die Militärs hätten sich aber gegen eine gewählte Regierung gerichtet.

Anders als in Deutschland oft dargestellt, sehen die türkischstämmigen Gläubigen in der Moschee die Demokratie in der Türkei auf dem Vormarsch. Zum Beispiel könnten Kurden wieder ihre Sprache sprechen und ihre Lieder singen, meint Pala. Auch hätten bis vor wenigen Jahren Studentinnen an türkischen Universitäten kein Kopftuch tragen dürfen. „Das wird im Westen aber umgedreht und als Islamisierung bezeichnet“, kritisiert Altinisik.

Die Kinder in der Gemeinde interessieren sich für diese Debatte noch nicht so sehr. „Ich habe Angst gehabt, dass meiner Familie in der Türkei etwas passiert“, erzählt Zeynep Uygun. Die Taten der Putschisten findet die Zehnjährige „blöd und gemein“, da ist sie sich mit ihren Freundinnen einig. Sie hatten sich am Sonntag in der Moschee zum Mevlüt-Fest für ein Neugeborenes getroffen.

Timo Aichele

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