Vier Koffer für Sotschi

Erding - 3000 Kilometer trennen Erding von Sotschi. Doch gestern war Olympia ganz nah. Die Wintersportler holten im Fliegerhorst ihre Kleidung ab. Vermutlich zum letzten Mal.

69 Kleidungsstücke einfach mal in den Einkaufswagen legen und ohne zu zahlen nach Hause gehen. Was sich anhört wie der Traum jeder Shopping-Queen war gestern im Erdinger Fliegerhorst ganz normal. Deutschlands Olympioniken holten ihre Jacken. Ihre Hosen, Hemden, Socken. Ihre Mützen, Stiefel, Pullis, Sweater und Shirts. Vier Koffer voll Sotschi-Fieber.

„Es ist immer schön, hier zu sein. Denn das bedeutet, man hat es geschafft“, sagt Tobias Angerer und schiebt seinen Wagen Richtung Ausgang. Die Erleichterung ist ihm deutlich anzuhören. Der Langläufer hat gerade noch so die Norm geknackt. Am Sonntag kam er in Polen auf Platz sechs - damit war das Ticket gebucht. Angerer war 2002 in Salt Lake City schon dabei, seit 2006 werden die deutschen Starter in Erding eingekleidet.

Vor acht Jahren (die Spiele fanden in Turin statt) war Premiere am Fliegerhorst, auch 2010 (Vancouver) holten die Olympioniken in der Herzogstadt ihre Kleidung. „Es ist ein schöner Stress, den wir hier haben“, sagt Soldat Ludwig Zistl. „Wir genießen das, alle sind unglaublich nett.“ 40 Soldaten und zivile Angestellte waren gestern von 8 bis 16 Uhr im Einsatz. Sie tauschten um, erklärten, gaben Komplimente.

Wahrscheinlich wird es das letzte Mal sein, dass die deutschen Gold-Hoffnungen ihre Bogner-Jacken, heuer unverschämt grell und krachert, in der Herzogstadt abholen. 2018 sind die nächsten Spiele, für den Fliegerhorst womöglich zu spät.

Daran mochte gestern aber keiner denken. Eine entspannte Atmospähre, viele lachende Gesichter, Fotos mit gehobenem Daumen fürs Facebook-Profil. Ansonsten fühlte man fühlte sich durch die langen Warteschlangen und Einkaufswägen (dick mit dem Hagebau-Logo gekennzeichnet) ein wenig an einen Baumarkt erinnert. Einen Baumarkt, in dem ein Winterschlussverkauf für Spitzensportler steigt. „Und was gibt’s hier?“ „Trainingshosen. Bitte einmal anprobieren.“ Gesagt, getan. Die Herren zogen ihre Ware an Ort und Stelle an. Und präsentierten Oberschenkel, breit wie Baumstämme. Paradebeispiel: Bob-Anschieber und Olympiasieger Kevin Kuske. Eine Muskelmaschine. Die schweren Taschen und Koffer stapelte er locker auf seinen Wagen. Ein Mann, der alles tragen kann. Auch die gscheckerte Krawatte, die er weit unten in seiner Tasche verstaut.

Neben den Bob-Fahrern, Langläufern (auch Axel Teichmann kleidete sich ein) waren die Eiskunstläufer und Skicross-Fahrer da. Auf einen warteten die 95 Journalisten aber vergeblich: Felix Neureuther. Von 14 bis 16 Uhr hatten sich die alpinen Herren eigentlich angesagt. „Der Termin musste kurzfristig abgesagt werden“, hieß es von offizieller Seite. Seine Sachen wird er dennoch rechtzeitig bekommen. 250 Paletten Kleidung und Schuhe, dazu 85 laufende Meter Hängeware - der Stoff für Träume von über 150 deutschen Athleten.

Von Alexander Kaindl

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