Ein Skelett aus der frühen Bronzezeit legten Archäologen im geplanten Industriegebiet in Erding-West frei. Dort kann nun gebaut werden.
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Ein Skelett aus der frühen Bronzezeit legten Archäologen im geplanten Industriegebiet in Erding-West frei. Dort kann nun gebaut werden.

Archäologen heben spektakuläre Funde – Kritik an Umgang mit „kulturellem Allgemeingut“

Von der Jungsteinzeit bis zu den Römern

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Diverse archäologische Grabungen mit teils sehr spannenden Funden gab es 2020 in Erding.

Erding – Archäologisch bleibt Erding ein heißes Eisen mit einem hohen Erkenntniswert für die Wissenschaft. Das zeigen die Ergebnisse diverser Grabungen 2020, über die Harald Krause, Leiter des Museums Erdings und Vorsitzender des Archäologischen Vereins Erding (AVE), berichtet. Vor allem in den großen Baugebieten wurden wertvolle Zeugen einer 4000-jährigen Geschichte buchstäblich ausgebraben.

Ein hölzerner Brunnenkasten, etwa 1800 Jahre alt, wurde im Baugebiet Poststadel gefunden.

Als „spektakulär“ bezeichnet Krause die Grabungen im zukünftigen Industriegebiet in Erding West. „Die Firma SingulArch konnte hier Siedlungsspuren wie Hausgrundrisse, Abfallgruben, Grabenwerke sowie Gräberfelder aus einer Zeitspanne von knapp 6000 Jahren freilegen – von der Jungsteinzeit bis hin zu den Römern“, berichtet Krause. Dabei habe man in diesem Bereich bislang nichts von Bodendenkmälern gewusst. „Bemerkenswert ist hier ein großer Friedhof mit über 40 Bestattungen, der den Übergang von der Glockenbecherkultur hin zur Frühbronzezeit, also zwischen zirka 2400 und 2100 vor Christus, markiert“, teilt Krause mit.

„Nicht minder außergewöhnlich“ hätten sich die Grabungen im zukünftigen Neubaugebiet am Poststadel/B 388 gestaltet, die parallel zu den Erschließungsarbeiten stattgefunden hätten. „Neben einem frühmittelalterlichen Friedhof, der bereits 2019 von der Firma Anzenberger & Leicht ausgegraben worden war, kamen überraschend mehrere römische Brunnen zutage – mit bester Holzerhaltung unter Grundwassereinfluss“, freut sich der AVE-Chef. Wie alt das Holz sei, müsse noch untersucht werden. „Die Brunnen dürften jedoch der darin gefundenen Keramik nach zu urteilen im Zeitraum zwischen 100 bis 230 nach Christus geschlagen worden sein. Sie lassen ein bislang unentdecktes römisches Gehöft, eine so genannte Villa Rustica, im unmittelbaren Nahbereich am Fuße des Rotkreuzbergs vermuten.“

Fußbodenheizung in der Römer-Zeit

Fortgesetzt wurden 2020 auch die Grabungen der 2019 entdeckten „Kaiser-Therme“ im Zuge der Erweiterung einer Kiesgrube des Unternehmers und Stadtrates Josef Kaiser im Norden von Langengeisling. Dabei handelt es sich um Fundamente römischer Tuffsteingebäude, die teils sogar über eine Fußbodenheizung verfügt hätten. Die Archäologen glauben hier an einen römischen Bauernhof („Villa Rustica“) mit einem eigenen kleinen Thermengebäude. Krause berichtet, dass die Funde aus Metall und Keramik derzeit im Landesamt für Denkmalpflege konserviert würden, ehe sie dem Eigentümer übergeben werden.

Spuren einer römischen Villa mit Therme wurden in einer Kiesgrube von Josef Kaiser bei Langengeisling freigelegt.

Das ist Kaiser, und der ist über die Entdeckung nicht nur glücklich. Denn die Kosten müssen die Grundeigentümer tragen. Seine öffentlich geäußerte Kritik greift Krause auf. „Dieser Fall steht beispielhaft für den Unmut, der sich bei unzähligen Bauherren in Bayern seit der Privatisierung der Grabungstätigkeit in den 1990er Jahren breitmacht – egal ob von privater, kommunaler oder unternehmerischer Seite.“ Ein fehlender staatlicher Entschädigungsfond mache der Akzeptanz von Archäologie und Bodendenkmalpflege zunehmend zu schaffen – und stelle deren Sinnhaftigkeit infrage.

Krause verlangt, dass „nach vorne gedacht“ werde. „Die Verhältnismäßigkeit muss überprüft und mittel- bis langfristig Abhilfe geschaffen werden. Eine Novellierung des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes von 1973 tut hier dringend Not. Und dies nicht nur mit Blick auf die teilweise immensen Grabungskosten, sondern auch mit Blick auf den Fundverbleib und das Eigentum.“ Denn aus seiner Sicht handelt es sich um „kulturelles Allgemeingut“. Andere Bundesländer seien hier weiter.

Corona bremst Vereinsleben aus

Darüber hinaus listet Krause zahlreiche weitere bauvorgreifende archäologische Untersuchungen auf, etwa in Oberding, Zustorf, Langenpreising und nahezu allen Erdinger Ortsteilen. Die ehrenamtlichen Mitglieder des Archäologischen Arbeitskreises am Museum Erding sowie des AVE hätten die Firmen unterstützt, um die Grabungskosten für die Bauherren zu reduzieren. Koordiniert werden diese Arbeiten von Wilhelm Wagner, Stadtheimatpfleger Archäologie.

AVE-Mitglied Marc Miltz habe seine Doktorarbeit über den „Königshof von Altenerding“ mittlerweile abgeschlossen und dafür die Bestnote erhalten. Geplant sei eine Veröffentlichung als Doppelband. Weiter bilanziert Krause, dass im Rahmen des Forschungsprojekts „Erding im ersten Jahrtausend“ Vorhaben fortgesetzt und neu begonnen worden seien.

Corona bremse auch das archäologische Vereinsleben und die Aktivitäten seiner mittlerweile über 200 Mitglieder aus. Viele Veranstaltungen hätten abgesagt werden müssen, darunter der Neujahrsempfang, der in diesen Tagen stattgefunden hätte. Deswegen gebe es für heuer kein Jahresprogramm.

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