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„Tod der Zeitung? Warum handwerklich guter Journalismus heute wichtiger denn je ist“ lautete der Titel des Vortrags, den Redaktionsleiter Hans Moritz (M.) beim Handwerkerempfang im Schrannensaal hielt.

Vortrag beim Handwerkerempfang in Erding

Journalisten: Informieren statt belehren

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Wie können Medien verspieltes Vertrauen zurückgewinnen? Darüber sprach Hans Moritz, Redaktionsleiter des Erdinger/Dorfener Anzeiger, beim Handwerkerempfang im Schrannensaal der Sparkasse. Wir zitieren in Auszügen.

Erding - „Eine Medienkrise haben wir ebenso wenig wie eine Nachrichtenkrise. Im Gegenteil. Es gab keine Zeit, in der mehr Nachrichten und mehr Medien auf dem Markt waren als heute. Aber aus der unglaublichen Vielfalt aller möglichen Botschaften im Netz zu schließen, der klassische Journalistenberuf sei obsolet, wäre grundverkehrt.

Im Gegenteil: Je mehr Nachrichten den Menschen zugänglich sind, desto wichtiger sind die Torhüter, die sich in den Nachrichtenstrom stellen und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, die das Wahre herausschälen und das Falsche aussortieren.

Im Internet stellt sich jeder sein Nachrichtenpaket selbst zusammen. Jede Timeline bei Facebook oder Twitter ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Das hat seine guten Seiten, denn jeder Nutzer bekommt nur die Nachrichten, die ihn interessieren.

Aber darin steckt auch ein Risiko: Wer aus dem Blick verliert, was sonst noch auf der Welt passiert, wer nur noch das belegt bekommt, was er selbst glaubt, wird nie seine Denke kritisch hinterfragen. Irgendwann kennt er keine anderen Sichtweisen mehr.

Immer wichtiger wird ein kritischer Medienkonsum. Der Nutzer muss sich informieren, aus welcher Quelle er sich gerade bedient, erst recht in Zeiten, in denen erste Nachrichten computergeneriert sind und jeder im Netz seine Botschaften platzieren kann.

Das ist die Chance der Medien, ihre Namen und Marken müssen ein Leuchtturm sein, der signalisiert: Diese Nachrichten stammen nicht aus dem virtuellen Nirwana, sondern aus einer Werkstatt, in der Menschen arbeiten, die ihr Handwerk gelernt haben.

Wir haben keine Medien- und keine Nachrichtenkrise, sehr wohl aber eine Zeitungskrise. Deren Auflagen sinken, gerade für jüngere Menschen ist die Zeitung als Nachrichtenquelle zunehmend entbehrlich.

Dennoch wird die Zeitung nicht sterben. Gerade in einer Zeit der ständigen Breaking News und der Nachrichtenticker tut es gut, mit einer Zeitung einen Rahmen um ein Ereignis oder eine Entwicklung zu haben. So schnell das Internet ist, hier sehen alle Meldungen gleich aus, die aktuellste verdrängt die davor vom oberen Bildschirm. Bei einer Zeitung hingegen ist sofort zu erkennen, welcher Bericht wichtig und welcher nachrangig ist.

In jüngerer Vergangenheit hat sich der Journalismus nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In den Monaten nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 hat die Mehrzahl der Medienschaffenden Angela Merkels ,Wir schaffen das‘ ungeprüft übernommen. Man werde es den Menschen schon erklären, dass die Integration einer Million Flüchtlinge doch kein Problem ist.

Dabei haben wir den Punkt übersehen, ab dem viele Menschen wirklich besorgt waren.

Da ist viel Vertrauen verloren gegangen. Umso mehr müssen wir uns heute mehr denn je auf unser Handwerk besinnen – die Information der Leser, Hörer oder Zuschauer. Von Belehrung war nie die Rede. Deswegen muss wieder viel stärker gelten: Wir beschreiben was ist, nicht was wir als Autoren haben wollen. Wir hören wieder stärker auf das, was der Leser sagt, greifen es auf und recherchieren es. Wir machen uns wieder bewusst, wer unsere ,Auftraggeber‘ sind, nämlich vorrangig interessierte Bürger und nicht Politiker und Verbandsvertreter, die in den Medien ein Vehikel sehen, um ihre Botschaften zu transportieren.

Vielleicht war nach dem Herbst 2015 die Wucht des Aufpralls mit unseren Lesern auch deshalb so groß, weil sich die Beziehung zwischen den Medien und ihren Nutzern in einem schleichenden Prozess auf nahezu revolutionäre Weise verändert hat. Nachrichten, das war bis vor gar nicht so langer Zeit ausschließlich das Geschäft von uns Journalisten. Eine Nachricht war erst dann eine Nachricht, wenn wir sie auf den Markt gebracht haben.

In Zeiten des Internets haben die Medien dieses Monopol verloren. Damit sind wir noch stärker als früher dazu gezwungen, jede Nachricht zu überprüfen und zu hinterfragen. Denn wer Falsches verbreitet, flog früher vielleicht nicht auf, heute kann er sich der Häme und des Spotts in den Kommentarspalten sicher sein – und zwar in Sekundenschnelle.

Journalisten dürfen aber niemals den radikalen und rauen Ton im Netz übernehmen. Hier finden nicht zuletzt Minderheiten einen unglaublich stark schwingenden Resonanzboden. Für einige ganz kleine Lichter ist das Internet die stark angestrahlte Bühne, die ihnen den großen Auftritt ermöglicht.

Vergessen wir aber bei aller berechtigten Kritik nicht, dass wir in einem Land leben, in dem sich jeder aus einer Vielzahl an Quellen informieren und seine Meinung frei und ohne Angst äußern darf. Schätzen wir es auch, dass die Medien überwiegend und gewissenhaft ihre Wächterfunktion wahrnehmen.“

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