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Was macht Corona mit den Familien?

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Von: Alexandra Anderka

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Mit digitalen Angeboten durch die Corona-Pandemie: Auch das Katholische Bildungswerk Erding setzt auf Online-Kurse. Hier hält Heidi Schels einen Vortrag für Eltern. Er wurde sehr gut angenommen.
Mit digitalen Angeboten durch die Corona-Pandemie: Auch das Katholische Bildungswerk Erding setzt auf Online-Kurse. Hier hält Heidi Schels einen Vortrag für Eltern. Er wurde sehr gut angenommen. © KBW Erding

Hans Otto Seitschek, Geschäftsführer des KBW und Zentrums der Familie in Erding, spricht im Interview über die Herausforderungen der Pandemie und was uns danach erwartet.

Erding – Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich in der Corona-Krise als robust erwiesen und ist in den ersten Monaten nach Ausbruch der Pandemie sogar noch gewachsen, hat eine Bertelsmann-Studie 2020 ergeben. Doch zugleich macht die Ausnahmesituation soziale Unterschiede sichtbarer und verschärft die Probleme bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Wir haben mit Prof. Dr. Hans Otto Seitschek gesprochen. Wir wollten von dem 46-jährigen Philosophen und vierfachen Familienvater, der zugleich Theologe und Geschäftsführer des Katholischen Bildungswerks und Zentrums der Familie in Erding ist, wissen, welche Erfahrungen er während der Krise in Bezug auf die Familien im Landkreis gemacht hat.

Philosoph und Theologe ist KBW-Geschäfftsführer Hans Otto Seitschek.
Philosoph und Theologe ist KBW-Geschäfftsführer Hans Otto Seitschek. © Privat

Herr Seitschek, wie geht es den Familien im Landkreis?

Familien, besonders junge Familien, haben während der Pandemie gehörige Herausforderungen zu stemmen. Zum Beispiel das Homeschooling: Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ist man davon ausgegangen, dass alle Familien technisch so gut ausgestattet sind, um dem Distanzunterricht problemlos zu folgen. Auch die enge Bezogenheit auf sich selbst, als Familie, wird nicht von allen gleich gut bewältigt. Da kommt es schon zu Spannungen.

Wie haben Sie das bemerkt?

Trotz der Einschränkungen haben viele junge Familien unsere Online-Bildungsangebote im Zentrum der Familie sehr gerne angenommen. Selbst die körpernahe Babymassage hat über Skype funktioniert. Auch das klassische Eltern-Kind-Programm konnte in Teilen online stattfinden. Wir haben gemerkt, dass junge Eltern, vor allem, wenn sie gerade das erste Kind bekommen haben, darüber klagen, so auf den häuslichen Bereich beschränkt zu sein und danach dürsten, sich mit anderen jungen Familien auszutauschen und eine gute gemeinsame Zeit zu verbringen, in welcher Form auch immer. Ich hoffe sehr, dass wir unsere Kurse bald wieder draußen in Präsenz stattfinden lassen können. Das Eltern-Kind-Programm beispielsweise hat vergangenen Sommer draußen sehr gut geklappt.

Haben alle Familien, das Bedürfnis nach Kontakt mit anderen?

Nein, es gibt auch Familien, die aufgrund von Corona verunsichert sind und sich kaum trauen, sich zu treffen, auch die muss man abholen.

Wie machen Sie das?

Hier versuchen wir, Familien, die unser Angebot zögerlich oder verunsichert nutzen, zu stärken und Sicherheit zu geben, dass sie in unseren Veranstaltungen gut aufgehoben sind und nicht isoliert sein müssen.

Verstärkt die Pandemie die soziale Ungerechtigkeit?

Ja, durchaus. Neben den bereits erwähnten Unterschieden bei der technischen Ausstattung sind auch die technischen Kenntnisse, die für das Homeschooling nötig sind, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wir stellen hier schon eine soziale Diskrepanz fest. Bei einigen Schülern wird die Distanz beim Distanzunterricht doch sehr groß. Ein weiterer Punkt ist die Wohnsituation: Wenn eine Familie mit mehreren Kindern monatelang auf engen Wohnraum beschränkt ist, wächst der innerfamiliäre Druck doch merklich an.

Wie hilft hier das Zentrum der Familie?

Wir bieten verschiedene Veranstaltungen in Präsenz an, wie FenKid-Kurse oder fit-dank-Baby, sofern es die Pandemie zulässt und wir unsere Hygienekonzepte anwenden können, um die Familien aus ihrer Isolation zu holen. Darüberhinaus schulen wir auf digitaler Ebene, damit die Familien hier nicht ins Hintertreffen geraten und auch während des Lockdowns Bildungsimpulse erhalten können. Eltern und Kinder müssen gut geschult sein. Das ist ein ganz wichtiger Schlüssel.

Wie sieht es mit der Rollenverteilung während der Pandemie aus? Zeigt sich hier wieder das alte Rollenbild, wo sich eher die Mutter um Kinder und Haushalt kümmert?

Da machen wir wechselnde Erfahrungen. Ich sehe schon die Gefahr, dass die Rolle der Mutter wieder sehr klassisch gesehen wird – gerade, wenn sie aufgrund der familiären Situation nicht Vollzeit tätig ist. Väter haben oft ein engmaschiges Homeoffice oder arbeiten gar nicht von zuhause und können sich dadurch schlechter einbringen.

Arbeitsplätze können wegen der Krise verloren gehen. Sind da Frauen auch stärker betroffen?

Ja, Frauen haben da ein ungleich höheres Risiko, gerade, wenn sie nur wenige Stunden geringfügig beschäftigt sind. Aber auch die Kurzarbeit ist nicht das Allheilmittel. Gerade für Frauen, die vielleicht nur Teilzeit arbeiten, wird es oft nicht leicht sein, nach der Pandemie wieder an das volle Arbeitspensum anzuknüpfen.

Kinder und Jugendliche leiden aktuell in vielerlei Hinsicht. Ihre Freiräume, Entwicklungsmöglichkeiten und sozialen Beziehungen sind eingeengt. Was können Eltern tun, um ihren Kindern zu helfen?

Auf die entscheidenden Tugenden bauen, die vor der Pandemie auch schon wichtig waren: immer ein offenes Ohr haben, aktiv zuhören, miteinander reden, akute Probleme erkennen und sofort ansprechen. Bei Bedarf sollte man auch Hilfe von außen dazu holen.

Jugendliche beklagen, ihnen sei ein Jahr beste Zeit gestohlen worden.

Ganz so weit würde ich nicht gehen. Andere Generationen hatten auch schon mit Einschränkungen zu kämpfen. Ich denke da an meine Eltern, die in Kindheit und Jugend noch den Krieg erlebt haben. Der Effekt des Nachholens wird bestimmt kommen. Doch nach einiger Zeit wird sich im Rückblick vieles ausgleichen. Es gibt ja auch positive Seiten. Manchen Jugendlichen tut es gut, mehr Zeit für sich zu haben, und sich auf sich zu besinnen und über Wünsche und Zukunftspläne nachzudenken oder die Natur zu genießen. Was die jüngeren Kinder anbelangt, habe ich festgestellt, dass sie es gerade sehr genießen, wenn sich die ganze Familie um den Mittagstisch versammeln kann. Sie erleben das Zusammenrücken der Familie als positiv, es gibt ihnen Geborgenheit.

Also geben Sie Entwarnung?

Nicht ganz. Auf die Bildung bezogen hat sich einiges angestaut. Manche Studierenden sind jetzt im dritten Semester, haben beinahe schon ihre halbe Studienzeit hinter sich, die Uni aber noch kaum von innen gesehen. Da wird man nach Lösungen suchen müssen, Versäumtes nachzuholen, aber auch eine gewisse Nachsicht walten lassen und Alternativen finden müssen, zum Beispiel mit Blockseminaren. Diese Toleranz dürfen wir uns erlauben. Denn die Pandemie hat uns klar vor Augen geführt: Digitalunterricht kann keinen Präsenzun-terricht ersetzen, er ist immer noch die fruchtbarste Situation, Wissen zu vermitteln.

Dennoch ist Digitalunterricht besser als Arbeitsaufträge zu erteilen.

Definitiv und wir haben da gezwungenermaßen einen riesen Schritt in die richtige Richtung getan. Auch im Katholischen Bildungswerk Erding wird die Säule des digitalen Bildungsangebotes bestehen bleiben. Wenn die Pandemie weitgehend überwunden ist, wird die Säule wohl etwas schmäler werden, aber gerade für ältere Leute, die nicht mehr so mobil sind, sind Online-Angebote ein großer Gewinn.

Apropos ältere Leute: Was hat das vergangene Jahr mit Oma und Opa gemacht?

Oft waren gerade die Großeltern eine große Stütze im familiären Alltag. Auch hier schlägt das Distanzhalten stark zu Buche. Beide Seiten vermissen einander sehr, und ein sicherer Kontakt, nach einem Schnelltest beispielsweise, ist meines Erachtens das Beste, um lebenswichtige Begegnungen wenigstens in Teilen zu ermöglichen.

Am Anfang der Pandemie hat sich die deutsche Gesellschaft sehr solidarisch gezeigt. Was ist daraus geworden?

Ja, die allgemeine Solidarität hat sich leider ein wenig abgeschleift. Jetzt konzentriert man sich oft mehr auf die eigene Familie. Die ganz große Solidaritätswelle ist weg. Das ist sehr schade, vor allem für die, die immer noch ganz Großes leisten, wie Pflegekräfte, Rettungskräfte, Ärzte, Polizisten und viele mehr. Dennoch denke ich, dass wir nach wie vor mehr auf andere Menschen in unserer Umgebung schauen, als vor der Pandemie.

Wird sich die Situation der Familie nach der Pandemie verändert haben?

Tatsächlich arbeite ich gerade an einer Post-Pandemie-Perspektive. Was das Homeoffice anbelangt, glaube ich, dass es zu einem bestimmten Teil bleiben wird, jedoch auf der anderen Seite auch das Großraumbüro wieder mehr in den Vordergrund rückt, da man gerade jetzt merkt, wie wichtig der Austausch und die Synergien zwischen den Kollegen sind. Fest steht: Gesellschaftliche Veränderungen brauchen lange. Das Beharrungsvermögen einer Gesellschaft ist in der Regel sehr groß, deshalb denke ich, dass nach der Pandemie doch viele Strukturen und Gewohnheiten wieder zurückkehren werden.

Das Interview führte Alexandra Anderka.

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