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„Alkoholiker sind . . .“ – Mit einem Großplakat am Bahnhof macht Prop e.V. auf sein 20-jähriges Bestehen aufmerksam. Auf den gelben Zetteln haben die Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle viele Berufe angegeben – weil sich die Sucht durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Hilfe finden Abhängige bei (v. l.) Suchtherapeut Stefan Nanasi, Sabine Kretschmer (Fachleitung/Betreutes Einzelwohnen), Suchttherapeutin Sarah Konietzko, Fachkraft Philipp Bayer, Suchttherapeutin Susanne Greska (kniend), Prop-Leiter Thomas Pölsterl, Sozialpädagogin Barbara Gerke, Verwaltungskraft Rita Mannal und Mitarbeiter Winterstötter. Nicht auf dem Bild: Eveline Darius und Dorina Barta.

20 Jahre Prop-Beratungsstelle 

Wegbegleiter für ein suchtfreies Leben

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Erding - Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins: Zehn Liter reinen Alkohol konsumiert jeder Deutsche im Jahr. Wege aus der Abhängigkeit zeigt die Beratungsstelle Prop in Erding auf. Mehr als 60 Prozent ihrer Patienten sind alkoholabhängig. Heuer feiert Prop 20-jähriges Bestehen.

Mit einem Brunch in seinen Räumen an der Landshuter Straße 9 in Erding bedankte sich der Prop-Shop, wie er im Volksmund heißt, gestern bei allen Unterstützern, Förderern, Kooperationspartnern und Mitarbeitern für die seit 20 Jahren währende Zusammenarbeit.

Seit Mai 1996 ist Prop eine eigenständige Suchtberatungs- und Behandlungsstelle. Die Anfänge liegen jedoch weiter zurück, sagte Prop-Leiter Thomas Pölsterl: „Anfang der 1970er Jahre war die Nation hoffnungslos überfordert von einer Drogensubkultur mit Cannabis, LSD und Heroin.“ So gründete sich Prop, das 1970 erste Einrichtungen in München und Aiglsdorf eröffnete. 1972 folgte eine Beratungsstelle in Freising. Prop ist übrigens die Abkürzung für das englische Wort Proposal (Vorschlag).

Da es noch keine Jugendzentren gab, eröffneten die Prop-Mitarbeiter in Freising eine Teestube. Die Jugendlichen benannten diese nach der damals beliebten SWR-Radio-Sendung Pop-Shop in Prop-Shop um.

Nach 1975 wurde die Bundesrepublik Heroinland Nummer eins, so Pölsterl. Münchner fuhren nach Aufhausen in die damals berühmt-berüchtigte Diskothek Titanic, um sich mit Stoff einzudecken. 1979 boten Freisinger Mitarbeiter in den Räumen des Jugendtreffs Picnic in Erding Außensprechstunden an. Die Räume waren zu wenig schalldicht, also wich man ins Kreiskrankenhaus aus. 1985 eröffnete die Prop-Außenstelle an der Roßmayrgasse. 1996 wurde die Außenstelle an der Schlachthausstraße eine eigenständige Beratungsstelle und vom Bezirk Oberbayern finanziert.

Die Suchthilfe professionalisierte und spezialisierte sich, so Pölsterl. Die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle des Prop e.V. startete mit drei Mitarbeitern – einer Psychologin und zwei Sozialpädagogen. Von Anfang an war der Anteil an Alkoholproblematischen, wie Pölsterl die Patienten nennt, mit 47 Prozent recht hoch. Über 50-Jährige wurden damals aber noch kaum erreicht. Heute liegt ihr Anteil bei 26 Prozent. Der Anteil Alkoholproblematischer hat auf über 60 Prozent zugenommen.

„Opiate spielen an der Beratungsstelle mit sieben Prozent kaum mehr eine Rolle. Cannabis ist dagegen weiter mit 20 Prozent bedeutendes Problemfeld“, so Pölsterl.

Er legt Wert auf ein wissenschaftliches Fundament der Beratungsarbeit. So hat Prop beispielsweise an der Studie elderly (Beratung älterer Alkoholkranker) oder der Versorgungsstudie Glücksspielsüchtiger teilgenommen.

Wie wichtig die Arbeit von Prop ist, zeigt die Zahl der jährlich Behandelten. Sie hat sich seit 1996 verdoppelt und liegt bei 650 Patienten im Jahr. Das vielfältige Behandlungs- und Betreuungsangebot stemmt ein elfköpfiges Team aus Ärzten, Psychotherapeuten, Suchttherapeuten und Sozialarbeitern. Was Pölsterl besonders freut: „Die Anerkennung durch alle Kostenträger, jüngst auch für die ambulante Rehabilitation von Glücksspielern sowie Zertifizierung nach DIN-ISO dokumentieren die hohe Qualität der integrierten Suchthilfeangebote aus Beratung, Rehabilitation, Betreutem Wohnen und Frühintervention unter einem Dach.“ Zu den spezialisierten Angeboten zählen die MPU-Vorbereitung, Raucherberatung, Programme zum kontrollierten Trinken und für ältere Suchtkranke, die suchtpsychiatrische Sprechstunde oder die Arbeitgeberberatung.

Nach Pölsterls Rückblick unterhielt Dr. Michael Kragler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, die Festgäste mit einem kurzweiligen Vortrag über die Kulturgeschichte des Alkohols.

Den Abend gestaltete Prop mit aktuellen und ehemaligen Patienten beim gemeinsamen Fußballschauen. Vielleicht ein gutes Omen. Denn zur Eröffnung vor 20 Jahren hatte die Beratungsstelle ein Benefizspiel ausgerichtet – und Deutschland wurde im Wembley-Stadion Fußball-Europameister.

Gabi Zierz

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