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Wege aus der existenziellen Not

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Egal, wie sie rechnen: Viele Menschen haben zu wenig Geld zum Leben. Die Caritas hilft beim Weg aus der Schuldenfalle.
Egal, wie sie rechnen: Viele Menschen haben zu wenig Geld zum Leben. Die Caritas hilft beim Weg aus der Schuldenfalle. © dpa

Erding - Die Caritas Erding ist erste Anlaufstelle für alle, die sich in Notlagen befinden. Hunderten von Menschen hat der Sozialverband im vergangenen Jahr helfen können.

Die Armut ist weiblich: Es gibt viele alleinerziehende Mütter oder auch Witwen, die sich vor allem um die Erziehung der Kinder gekümmert haben und nun am Existenzminimum leben. Das ist bekannt. Was viele nicht wissen: Immer mehr Männer driften in die Schuldenfalle und sind von Obdachlosigkeit bedroht.

Einmal arm, immer arm? Das ist eine reale Bedrohung. Die Caritas Erding steht sozialschwachen Familien im Landkreis bei, unterstützt Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Viele von ihnen schaffen es dadurch, im Leben wieder Fuß zu fassen.

Jeden Cent umdrehen, kein Geld fürs Kino oder das Schwimmbad: „Und keine Kugel Eis für die Tochter“, schildert Brigitte Fischer, Sozialpädagogin bei der Caritas, das Dilemma einer jungen Frau. Es gibt viele Menschen im Landkreis, die kaum Geld zum Leben haben, die ohne finanzielle Unterstützung ihren Alltag kaum bewältigen können. Und das, obwohl viele davon arbeiten und alles tun, um dieser Abwärtsspirale zu entkommen.

„Erste Anlaufstelle für alle, die sich in Notlagen befinden und nicht mehr weiter wissen, ist die Caritas Erding“, sagt Kreisgeschäftsführerin Barbara Gaab. Fanden 2020 insgesamt 437 Beratungen statt, so waren es bis Anfang Oktober 2021 bereits 603. „Die Pandemie hat viele Menschen im Landkreis in eine Notlage gebracht oder eine existenzielle Krise noch verschlimmert“, weiß Gaab. Darunter sind immer mehr Männer. Das Geschäft am Flughafen oder in der Gastronomie kommt immer wieder ins Stocken, Kurzarbeit ist die Folge. Zudem wurden viele Zeitverträge seit Beginn der Pandemie gekündigt. Geschiedene Männer, die Unterhalt für die Familie zahlen müssen, kommen schnell an ihre finanzielle Grenzen.

Andere kommen mit der Krisensituation nicht zurecht, psychische Probleme verstärken sich. Fischer, die die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit inne hat, berichtet von einem aktuellen Fall. Herr P. zog vor zehn Jahren mit seiner Familie in den Landkreis. Nach der Scheidung ging es abwärts. Der 39-Jährige verkraftete die Trennung von Frau und Kindern nicht. Als Lagerist war es ihm zudem nur schwer möglich, gleichzeitig Unterhalt zu zahlen und eine kleine Wohnung anzumieten. Sein Auto ging kaputt, seine Ex-Frau brauchte eine neue Waschmaschine. Er spekulierte mit der Miete. Wenige Monate später bekam er wegen Mietschulden die Kündigung. Er zog zu einem Kumpel, der ihn nach wenigen Wochen vor die Türe setzte.

„Männer holen sich noch später Hilfe als Frauen“, beklagt Fischer. Das liege einerseits am Selbstbild, weil Männer nicht als Versager dastehen wollen. „Andererseits ist Armut nach wie vor stark schambehaftet – und stigmatisiert.“ Ein alleinstehender älterer Mann aus Erding etwa verlor seine Anstellung wegen psychischer Probleme. Er fiel in ein tiefes Loch, hatte keine Kraft mehr, versteckte sich zuhause. Gegen seine Depressionen, meinte er, helfe nur noch die Flasche.

Die Anträge für das Arbeitslosengeld, das ihm zustehen würde, überforderten ihn. Er machte einige Anläufe, die Agentur für Arbeit forderte indes immer weitere Unterlagen. Schließlich gab er auf und bekommt so kein Geld.

Haben die betreffenden Personen multiple Probleme – beispielsweise Sucht, Schulden und Wohnungslosigkeit – begleitet Fischer sie bei der Suche nach einer geeigneten ambulanten oder stationären Maßnahme. Auch Alfons Kühnstetter, Leiter der Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas, verweist auf das erbliche Armutsrisiko von Menschen, die aufgrund einer Erkrankung „aus dem Arbeitsleben herausfallen“. 850 Menschen im Landkreis seien im vergangenen Jahr beraten und betreut worden, darunter 202 Angehörige.

Armut wiederum mache krank, da sind sich die Mitarbeiter der Caritas einig. Versagensängste, Stigmatisierung und soziale Isolation sind die Folge. Das führe schnell zu Depressionen. Dieser Kreislauf prägt die Menschen – egal, welchen Alters oder Geschlechts. „Einmal arm, immer arm – das wollen wir nicht akzeptieren“, sagt Fischer kämpferisch.

Licht in die Herzen: Das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger unterstützt unverschuldet in Not geratene Bürger im Landkreis und die Arbeit der Caritas Erding. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11.

MICHAELE HESKE

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