René Beukert auf dem Gersthof in Erding am Mietacker
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Ausgleich, Beschäftigung und Nähe zur Natur suchen die Kleinstbauern auf dem Gersthof in Erding. Hier hat auch René Beukert eine Parzelle gemietet.

Am Gersthof in Erding: Ein Besuch auf dem Acker

Das Glück zwischen Radieserl, Karotten und Spinat: Gemüseanbau ist Trend

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Gemüse selbst zu ziehen, ist wieder angesagt. Nicht erst seit Corona. Es wird gesät, gerecht und gezupft. Wer Platznot hat, mietet sich Ackerfläche wie am Gersthof. Die Kleinstbauern suchen Entspannung, Naturkontakt und einen Grund rauszukommen.

  • Eigenanbau von Gemüse wird immer beliebter - als Folge eines veränderten Bewusstseins
  • Mietparzellen auf Ackerflächen sind heuer so gefragt wie noch nie
  • 31 Pächter am Gersthof in Erding direkt neben der Therme

Erding – Marie-Luise Wolters steht in festen Wanderschuhen auf dem lehmigen Ackerboden. Mit einer Mistgabel sticht sie vornübergebeugt immer wieder kräftig in die Erde, dreht das Werkzeug und lockert den Boden. „Wenn man hier draußen auf dem Acker ist, vergisst man alles“, sagt die 80-Jährige, „das ist fast wie Meditation. Die Arbeit beschert mir ein gutes Nervenkostüm und hält mich fit.“

So viele Pächter wie noch nie

Die Erdingerin hat einen Streifen Ackerland gemietet, um dort ihr eigenes Bio-Gemüse anzubauen. Sie ist eine Pächterin am Gersthof in Altenerding. Dort hat Bauer Klaus Gerst 31 Parzellen direkt neben der Therme vermietet – so viele wie nie zuvor, vergangenes Jahr waren es noch 25.

Der Trend zur Kleinstlandwirtschaft als Hobby wächst. Dabei gilt: Je städtischer das Umfeld, desto beliebter die Pachtangebote. Rund um München gibt es mehr als 1500 solcher Krautgärten.

Parzellen zu 45 oder 90 Quadratmetern Acker

Der Gersthof vermietet seit sieben Jahren unter dem Stichwort „Mein Beet“ Feld-Parzellen zu 45 oder 90 Quadratmetern. Für 180 oder 300 Euro pro Jahr dürfen die Mieter nach Herzenslust Gemüse säen, ziehen und ernten – jedes Jahr an einer anderen Stelle, um den ökologisch wertvollen Boden nicht auszulaugen. Bauer Gerst stellt einen Wassertank bereit und bepflanzt ein Drittel der Fläche für die Pächter.

Das Garteln hält fit und gesund, sagt Marie-Luise Wolters. Die 80-Jährige ist mehrmals pro Woche auf „ihrem“ Acker.

Aufgekommen sei der Trend zum so genannten Urban Gardening erst vor ein paar Jahren, sagt Petra Eberl-Koch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Erding. „Bis vor 15 Jahren war eigenes Garteln bei der Jugend nicht mehr so angesehen, sondern galt als altmodisch und verpönt“, erzählt sie. Die Vorteile von Tiefkühlkost und Konserven, die daraus entstehende Zeitersparnis und die unkomplizierte Vorratshaltung – all das hatte die Leute seit der Nachkriegszeit immer weiter vom Eigenanbau weggetrieben, meint Eberl-Koch.

Neues Bewusstsein für Ökologie und die eigene Gesundheit

Jetzt aber sei ein neues Bewusstsein im Kommen, sagt die Fachlehrerin für Ernährung. Verbraucher würden zunehmend auf die Ökobilanz von Produkten achten, wollten nichts essen, das zuvor erst den Erdball halb umrunden musste. Und man setze sich intensiver mit der Ernährung auseinander, wolle gesund essen, sei sensibler für Unverträglichkeiten und Schadstoffe geworden.

Nirgends kann man sich der Qualität des Gemüses sicherer sein als auf dem eigenen Beet. Die steigende Nachfrage nach Mietgärten wurde durch die Pandemie noch befeuert. Die Menschen haben Zeit und sind heuer viel daheim, planen keine ausgiebigen Reisen. „Das Angebot, was man sonst machen kann, ist wegen Corona im Moment nicht so reichhaltig“, sagt Wolters. Umso dankbarer sei sie um ihren Garten.

„Schmeckt ganz anderes als Bio-Gemüse aus dem Supermarkt“

Die 80-Jährige richtet sich auf, um gleich darauf in die Knie zu gehen und die Erdbrocken mit der Hand zu lösen. Später wird sie die ersten Pflanzen der Saison säen. Karotten, Petersilie und viel Spinat, den sie so gerne isst. „Das Gemüse, das hier gewachsen ist, schmeckt einfach wunderbar“, sagt Wolters, „ganz anders als Bio-Gemüse aus dem Supermarkt“.

Das liege am mineralstoffhaltigen Lehmboden, erklärt Landwirt Gerst. „Da brauchst du gar nicht mehr als zum Beispiel Blumenkohl und eine Sättigungsbeilage für eine gute Mahlzeit, das Gemüse ist nahrhaft genug.“

„Der Garten, das ist meine Zeit“

Ein paar Parzellen weiter bearbeitet Stilla Bayerschmidt den Boden mit einer langstieligen Harke. Die 49-jährige Erdingerin ist von Anfang an am Gersthof mit dabei. „Ich bin begeistert“, sagt sie, „so etwas wollte ich schon immer“. Zuhause in ihrem Reihenhausgarten fehlen ihr für den Gemüseanbau der Platz und die Muße, sagt sie. „Der Garten, das ist meine Zeit“, so die zweifache Mama. Das kenne sie schon von ihrer eigenen Mutter so, einer „tollen Gärtnerin“, erzählt Bayerschmidt. „Wenn früher mal etwas nicht so glatt gelaufen ist in der Familie, ist meine Mama raus in den Garten gegangen. Dort ging es ihr gleich wieder gut.“

Die Mieter suchen hier Bewegung, Entspannung und Ausgleich, meint Bauer Gerst. „Das Gärtnern ist eine Lebensart“, sagt er und zitiert einen Spruch des indischen Philosophen Tagore: „Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“. „Draußen nimmst du alles auf – das sich verändernde Licht jeden Tag, das Wachsen und Werden, die ganze Schöpfung“, sagt Gerst. Wer das ein paar Jahre mache, lerne ganz von selbst – fürs Leben und für die Natur.

Im Winter wird per Excel-Tabelle die nächste Saison geplant

Bayerschmidt kennt sich mittlerweile sehr gut aus. Die gelernte Hotelfachfrau wälzt schon im Winter Fachliteratur und plant in Exceltabellen ihre Saatfolge für die kommende Saison. Dann zieht sie die ersten Pflänzchen aus Samen hoch. Rund 60 Töpfchen mit kleinen Setzlingen stehen derzeit bei ihr zuhause rum. Nach und nach dürfen diese dann ins Freiland. Auch an die Diven unter den Gemüsepflanzen und historische Sorten traut sie sich ran. „Klar gibt es immer wieder Reinfälle“, sagt sie, „aber ich versuche mich“. Das mache einen Teil des Reizes aus.

Am hintersten Beet säen René (49) und Kathrin Beukert (45) Radieschen. Sie stammen aus den neuen Bundesländern und sind beide in der Landwirtschaft aufgewachsen. Jetzt, da ihre eigenen Kinder erwachsen sind, wollen sie mit dem Gemüseanbau an ihre Kindheit anknüpfen. Sie sind das erste Jahr dabei. Auch in der Wohnung der Erdinger stehen selbst gezogene Tomaten- und Gurkenpflanzen und warten auf wärmere Nächte.

Die Pächter kommen und gehen, wann sie wollen

Die Pächter kommen und gehen, wann sie wollen. Je nach Laune, Wetter und Gemüsearten täglich oder auch nur zweimal in der Woche. So lernen sich die Kleinstfarmer über die Saison gegenseitig gut kennen. Die 80-jährige Marie-Luise Wolters genießt diese Gemeinschaft – gerade in Corona-Zeiten – sehr. „Das ist auch eine sehr schöne soziale Sache“, sagt sie.

Der Ertrag aus den Flächen ist nicht nur für die alleinstehende ältere Dame im Herbst zu üppig, um das frische Gemüse zu verbrauchen. Auch die Beukerts und die vierköpfige Familie von Stilla Bayerschmidt können nicht alles selbst essen. Mit dem Eigenanbau geht darum auch eine wiederentdeckte Vorratshaltung einher. „Das Einwecken und Haltbarmachen von Gemüse gewinnt wieder an Bedeutung“, sagt Eberl-Koch. Altes Wissen werde wieder mehr geschätzt. Das sei erfreulich.

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