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Wenn die Seele leidet

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Von: Gabi Zierz

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Sind für psychisch Kranke da (v. l.): Kunsttherapeut Avi Gover, Stellvertretende Fachdienstleitung Elke Rippstein und Fachdienstleiter Alfons Kühnstetter.
Sind für psychisch Kranke da (v. l.): Kunsttherapeut Avi Gover, Stellvertretende Fachdienstleitung Elke Rippstein und Fachdienstleiter Alfons Kühnstetter. © Bauersachs Peter

Sie sind zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird: die Mitarbeiter der Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas Erding.

Erding – Jedes Jahr kümmern sich die Mitarbeiter der Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas Erding um Hunderte Bürger, die seelisch angeschlagen oder psychisch schwer erkrankt sind. Sie hören zu, helfen bei Anträgen und vermitteln weitreichendere Unterstützung. Und das zügig, jedoch gerade in Corona-Zeiten keine leichte Aufgabe.

„Je schneller Hilfe verfügbar ist, umso aussichtsreicher ist die Genesung“, sagt Alfons Kühnstetter. Der 59-jährige Sozialpädagoge und systemische Coach ist seit mehr als 16 Jahren Fachdienstleiter der Sozialpsychiatrischen Dienste in Erding. Mit ihm engagieren sich zwölf Mitarbeiter hier bei der Caritas. Büro und Tageszentrum befinden sich an der Münchener Straße 44. Wenn die Patienten nicht dorthin kommen können, machen die Mitarbeiter Hausbesuche.

Es gibt auch Beratungs- und Gruppenangebote. „Die Menschen rufen an, wenn sie alleine nicht mehr weiter wissen. Da ist vorher viel passiert“, weiß Kühnstetter. Viele koste es große Überwindung, sich professionelle Hilfe zu holen. „Sie schämen sich und geben sich selbst die Schuld für ihre Erkrankung.“

Wenn der Nebenjob durch den Lockdown wegfällt

Maria H. hat die Unterstützung angenommen. Die 42-Jährige kämpft seit zehn Jahren mit psychischen Problemen, bezieht eine Erwerbsminderungsrente und hat einen Nebenjob in der Gastronomie. Dann kam der Lockdown. „Für sie stellte Corona ein akutes Problem dar, weil der Mini-Job wegfiel“, erzählt Kühnstetter. Es wurde auch kein Kurzarbeitergeld bezahlt.

Maria H. meldete sich bei der Caritas. Gemeinsam stellte man einen Antrag auf Grundsicherung, damit sie finanziell einigermaßen über die Runden kommt – eine große Erleichterung für die 42-Jährige. Regelmäßig kommt sie seither zu den Beratungsterminen, um sich zu stabilisieren in dieser belastenden Situation. Sobald die Gastronomie wieder öffnen darf, kann sie in ihren Mini-Job zurück. „Schwer psychisch Kranke können in bestimmtem Rahmen durchaus gute Leistungen bringen“, betont Kühnstetter.

Darauf hofft auch Markus S. Der 24-Jährige ist seit Kurzem in einer Reha-Einrichtung. Seine Ziele: im Leben selbstständiger zu werden und eine Arbeitsstelle. Seine besorgten Eltern hatten sich bei der Caritas gemeldet. Markus war schon als Kind kontaktscheu, zog sich immer mehr zurück. Zwei Ausbildungsversuche hat er nach der Mittleren Reife abgebrochen, weil er sich nicht in der Lage sah, den Anforderungen gerecht zu werden. „Jede kleine Kritik war für ihn eine Katastrophe“, sagt Kühnstetter. Ein Facharzt diagnostizierte eine schizophrene Psychose. Die Caritas half Markus dabei, den Reha-Platz zu finden, und klärte mit ihm gemeinsam die Formalitäten ab.

Corona macht alles komplizierter

Viele psychisch Kranke können die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr erfüllen. Ihnen gibt das Tageszentrum Prisma eine Struktur. Dort kommen sie regelmäßig auf eine Tasse Kaffee oder ein Mittagessen – zum Selbstkostenpreis – vorbei, spielen gemeinsam Karten, ratschen.

Seit Corona aber ist alles anders. „Von Mitte März bis Ende Mai war das Tageszentrum geschlossen“, erzählt Kühnstetter. Telefonisch versuchte das Team, mit den Klienten Kontakt zu halten. Viele waren froh darüber. „Wir können bisher leider kein offenes Haus anbieten“, bedauert der 59-Jährige. Jetzt muss man sich fürs Mittagessen, das zweimal pro Woche gemeinsam zubereitet wird, anmelden. Spontane Besuche sind nicht mehr möglich. Es gibt zwei feste Gruppen. „Einige Klienten tun sich mit dieser Struktur ganz, ganz schwer“, sagt Kühnstetter.

Sein Team unterstützt Menschen mit verschiedensten Störungsbildern. Sie leiden an Depressionen, bipolaren Störungen, wahnhaften Wahrnehmungen, Angst- und Zwangsstörungen oder an Traumata, die durch Gewalterfahrungen oder sexuellen Missbrauch ausgelöst wurden. Die Beratung ist kostenfrei.

Die Sozialpsychiatrischen Dienste werden zu 80 Prozent vom Bezirk Oberbayern finanziert, 20 Prozent der Ausgaben trägt die Caritas aus Eigenmitteln, kirchlichen Zuschüssen und Spenden – wie aus dem Leserhilfswerk Licht in die Herzen des Erdinger/Dorfener Anzeiger.

Gabi Zierz

Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger unterstützt die Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas und unverschuldet in Not geratene Bürger im Landkreis. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es bitte ebenfalls auf der Überweisung.

Krisendienst bald rund um die Uhr

Seit 2016 gibt es im Landkreis Erding den Krisendienst Psychiatrie, für den die Caritas täglich zwischen 8 bis 16 Uhr zwei Mitarbeiter zur Verfügung stellt. Über die zentrale Telefonnummer (01 80) 6 55 30 00 erhalten Menschen in seelischen Notlagen, aber auch Mitbetroffene und Angehörige eine qualifizierte Beratung. „Das ist für Menschen, die akut Hilfe brauchen, eine deutliche Verbesserung“, sagt Fachdienstleiter Alfons Kühnstetter. Das können Menschen sein, die trotz ihrer Erkrankung zwei, drei Jahre gut zurechtgekommen sind. „Und dann passiert was, wofür die Kraft nicht mehr ausreicht“, erzählt Kühnstetter. Er und seine Mitstreiter helfen dann, Weichen zu stellen, um die Krise zu überwinden.

Im Jahr 2019 wurden 251 Landkreis-Bürger telefonisch vom Krisendienst beraten. In 47 Fällen erfolgte im Anschluss daran eine persönliche Beratung vor Ort. Heuer nahmen bisher 231 Anrufer diese Hilfe in Anspruch, bei 71 besonders Betroffenen kam das Team anschließend Zuhause vorbei. „Das Einsatzteam soll bis Mitte 2021 rund um die Uhr zur Verfügung stehen“, kündigt Kühnstetter an. Bislang ist das bis 21 Uhr der Fall. Ab Mai soll auch die Nacht abgedeckt sein. zie

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