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Die Zuflucht der geschlagenen Frauen

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Mindestens zwei Telefone hat Angela Rupp immer griffbereit. Rund um die Uhr ist das Frauenhaus erreichtbar.  Foto: Fläxl
Mindestens zwei Telefone hat Angela Rupp immer griffbereit. Rund um die Uhr ist das Frauenhaus erreichtbar. Foto: Fläxl

Landkreis - Die letzte Zuflucht für Opfer von häuslicher Gewalt ist das Frauenhaus des Landkreises. Dort sind sie endlich sicher vor Prügeln und Terror. Die Leiterin und zwei Bewohnerinnen erzählen.

Ein Kleinkind weint. Laut dringt Schluchzen durch eine helle Tür in den Flur des Frauenhauses. In dem Zimmer hinter der Tür sind eine Geschäftsfrau und ihr Bub untergebracht. Vor drei Stunden waren sie noch zu Hause, vor zwei Stunden noch bei der Polizei. Gewalt ist in der Familie an der Tagesordnung. Jetzt sind die Beiden endlich sicher. Im Haus hängen überall Willkommensschilder.

„Die Frau ist über die Interventionsstelle zu uns gekommen“, erklärt Angela Rupp, die Leiterin des Frauenhauses im Landkreis Erding. Die Stelle wird von Polizisten informiert, wenn sie von einem Einsatz bei häuslicher Gewalt zurückkommen. Gibt die Frau ihre Erlaubnis, geben die Beamten ihre Telefonnummer an Stefanie Sturm, Mitarbeitwerin in der Interventionsstelle, weiter. Sie nimmt Kontakt mit dem Opfer auf. „Oft brauchen die Frauen nur Rat“, sagt Rupp. Einige wollen aber fort und haben keine sichere Zuflucht. Dann schließen sich Sturm und Rupp kurz, Zimmer im Frauenhaus stehen bereit.

Ein paar Türen weiter sitzen dort Magdalena Huber und Anna Kaufmann (Namen geändert) und plaudern. Sie sind seit Monaten im Frauenhaus und „zwei Ratschkatln“, sagt Huber grinsend. Davon abgesehen könnten sie nicht ungleicher sein. Anna Kaufmann arbeitete bis zur Rente in einer Bank, sie hat eine Tochter und vier Enkel im Teenageralter. Die 68-Jährige ist gebildet und weiß sich zu helfen. Auf die Straße traut sie sich aber nur noch mit dem Schirm in der Hand. Denn die Angst, ihrem Mann zu begegnen, ist so groß, dass sich die zurückhaltende Brünette nur über eine Kreuzung wagt, wenn sie weiß, sie hat etwas zum Zurückschlagen griffbereit.

Ihr Ehemann hatte sie gewürgt und verprügelt, wenn er getrunken hatte, sie mit dem Tod bedroht, als sie ihn verlassen wollte. Zuerst flüchtete sich Kaufmann zu ihrer Tochter. „Aber das Häuschen ist klein“, sagt sie und lächelt gequält. Sie wollte ihrer Tochter nicht zur Last fallen. Und ihr Ehemann kennt die Adresse.

Neben Kaufmann am Tisch sitzt Magdalena Huber. Sie ist 19 Jahre alt, ihre Tochter 16 Monate. Mit ihrem Freund und dem Baby, dachte sie, könnte sie eine glückliche Familie sein, fernab vom Elternhaus. Von dort kannte sie vor allem Prügel und Demütigungen. Ihr Vater schlug sie, ihre Mutter spottete dazu. Als sie aber mit mehr blauen Flecken, als sie unter Kleidung und Make-up verstecken konnte, in die Schule kam, ließ ihre Lehrerin keine Ausreden mehr gelten. „Sie hat so lang nachgebort, bis ich alles erzählt habe“, sagt Huber, von den Prügeln vom Vater und den Schlägen von ihrem Freund.

Seitdem ist viel passiert. Sie ist ins Frauenhaus gezogen, hat ihren Schulabschluss nachgeholt und wartet jetzt darauf, mit der Kleinen einen Platz in einer Mutter-Kind-Einrichtung zu bekommen. „Das Kind hat Entwicklungsdefizite“, erklärt Frauenhausleiterin Rupp. „Ich brauche noch ziemlich viel Hilfe“, gesteht Huber. Dabei blitzen ihre Augen aber ganz wach, sie streicht sich energisch eine helle Strähne hinters Ohr. „Ich will auch irgendwann normal mit meinen Eltern reden können“, sagt sie.

„Die risikoreichsten Zeiten für eine Frau“, fasst Rupp zusammen, „sind, wenn sie schwanger ist oder sich trennen will“. Nach elf Jahren als Leiterin des Frauenhauses und fast 20 Jahren im Jugendamt Erding weiß sie dafür genügend Beispiele. Fünf Plätze hält ihr Haus vor, rund um die Uhr ist der Notruf besetzt. „Im besten Fall können wir den Frauen beim Start in ein neues Leben helfen.“

Auch für die Geschäftsfrau und ihren kleinen Bub, hofft Rupp, wird das gelingen. Dreimal hat die Frau ihren Mann angezeigt. Zweimal hat sie die Anzeige zurückgezogen, nun nehmen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses sie an der Hand. Im neuen Jahr geht es zum Anwalt und vor Gericht, auf Wohnungs- und Jobsuche. fx

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