Großes Hallo: Uschi Winkler und Dave Lynch (r.) wurden bei ihrer Rückkehr nach Taufkirchen von Freunden begrüßt. Foto: Lang

Über 10 000 Kilometer unterwegs

Mit dem Fahrrad durch die halbe Welt

Taufkirchen - 10 646 Kilometer haben Uschi Winkler und ihr Freund Dave Lynch aus Kanada in den vergangenen 365 Tagen mit ihren Fahrrädern zurückgelegt. In Taufkirchen wurden sie von einem kleinen Komitee des Inninger Kirchenchores mit einem Lied wieder daheim empfangen.

Mit dem Fahrrad durch die halbe Welt

10 646 Kilometer haben Uschi Winkler und ihr Freund Dave Lynch aus Kanada in den vergangenen 365 Tagen mit ihren Fahrrädern zurückgelegt. In Taufkirchen wurden sie von einem kleinen Komitee des Inninger Kirchenchores mit einem Lied wieder daheim empfangen.

von Birgit Lang

Taufkirchen/Inning – „Totally overwhelmed – total überwältigt“ waren die beiden. Und es sprudelte nur so aus der 32-jährigen Großwimpasingerin heraus. Auf die Frage nach dem schlimmsten Erlebnis meint sie, das sei oberhalb von Ybbs gewesen. In der Nacht hatte eine Horde Schnecken ihr Zelt überfallen. „Es war so ekelhaft, als sie das Außen- und Innenzelt raufgekrochen sind.“ Wenig lustig war es auch, als Dave in Guatemala an einem Nierenstein erkrankte. „Aber die dürfen noch Medikamente verschreiben, die es bei uns gar nicht gibt. In drei Tagen war da Kas bissn“, erzählt die Uschi.

Voll aufgesattelt, verschwitzt und mit Kopftuch kam sie kaum zum Schnaufen, so viel hatte sie ihren Freunden, Papa Alois, Gemeinderat in Inning, und ihrem Onkel Schorsch zu erzählen. Das Wichtigste sei ein „g’scheids Zelt“ und für Dave seine Sitar gewesen. Insgesamt 180 Kilo Gepäck hatten sie dabei. Auf Uschis Drahtesel 60 Kilo, auf Daves mit Anhänger 120 Kilo. „Wenn es drei bis vier Tage nirgends Wasser und was zu essen gibt, musst du so viel mitschleppen.“ Auch eine vernünftige Sonnencreme sei unerlässlich. Lichtschutzfaktor 100 für die empfindliche Haut des 36-jährigen Kanadiers.

Vor fünf Jahren lernte Uschi ihren Dave, einen Musikinstrumentenbauer, auf einem Campingplatz in Island kennen. „G’seng und kennt“, erzählt sie lachend. Denn sechs Tage später habe sie einen Flug nach Kanada gebucht und ihren Beruf als Grundschullehrerin an den Nagel gehängt. „Dirndl, spinnst du“, meinten ihre Eltern damals. In einem europäischen Delikatessenladen in Calgary habe sie gearbeitet, bis sie ihr Dave mit seinem Traum von einer Reise auf dem Fahrrad von Alaska bis Feuerland infiziert hat. Und weil die Uschi jeden Scheiß mitmacht, ließ sie sich gern überzeugen. Umso mehr, als ihr Dave versprach, danach mit ihr nach Deutschland zu ziehen. „Das war unser Deal.“

Auto verscherbelt, Fahrräder gekauft

Genau vor einem Jahr sei ihr Trip in Dawson City im Nordwesten Kanadas losgegangen. Mit dem Erlös des verkauften Autos hatten sie sich neue Räder gekauft, 2000 kanadische Dollar das Stück, mit besonderen Tourenreifen. Alle Einzelkomponenten hatte Dave selber zusammengeschraubt. Von Dawson City ging es Richtung Fairbanks/Alaska, wo 22 Stunden lang am Tag die Sonne scheint. „Wunderbar, wennst Radl fahrst“, erklärt Uschi. Von dort aus ging es über Anchorage und Juneau nach Vancouver Island/Kanada, San Francisco und San Diego in den USA nach Mexiko. Vier Monate verbrachten sie allein hier, im Nachhinein zu lange, sagen die beiden heute. Teilweise radelten sie am Highway 101 entlang, an der Pazifikküste die Baja California runter. Mit der Fähre dann wieder aufs Festland, erzählt sie weiter. Um vier Uhr in der Früh durch Guadalajara, die zweitgrößte Stadt Mexikos mit sieben Millionen Einwohnern. Genau an Weihnachten.

Uschi und Dave begannen schon sentimental zu werden, aber dann wurden sie mit anderen Radlern zu einer Familie in eine Stadtvilla eingeladen, wo sie auf der Dachterrasse zelten und Weihnachten feiern konnten. „Es war super. Lauter Gleichgesinnte. Die Christmette mit dem Chor war wunderschön.“ Insgesamt waren die beiden aber von Mexiko enttäuscht. „Mittelamerika ist schon krass, Mexiko teilweise richtig oreidig.“ Überall bergeweise Abfall in der Landschaft. „Als Radler bist da so nah dort und schmeckst es die ganze Zeit. Das ist auf Dauer deprimierend.“ Ausschlaggebend, dass sie nach einem weiteren Monat in Guatemala ihre geplante Tour änderten, war aber das eintönige Essen. Jeden Tag Bohnen mit Tortillas, Tortillas mit Bohnen. „Wennst den ganzen Tag radelst, hast an brutalen Appetit.“

Nach Griechenland, des Essens wegen

Sie sei sich „wie eine Stopfgans vorgekommen“, erzählt Uschi. „Immer das Gleiche. Das geht nicht.“ Also flogen die beiden nach Europa, um ihre Tour in Griechenland fortzusetzen. „Dort ist das Essen schön fett“, schwärmt sie. In sieben Wochen hätten sie dort alles abgeradelt, was es zu sehen gab. Weiter ging es nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Slowakei, Österreich und zurück nach Bayern. In Budapest sei ihre Schwester Barbara zu ihnen gestoßen und habe sie bis Wien begleitet.

Damit sich Dave schneller in Bayern einleben kann, haben die beiden mit ihm auch tüchtig geübt. „I red a little bit of boarisch“, stellt er seine Sprachkenntnisse unter Beweis und presst das Obligatorische „Oachkatzlschwoaf“ heraus. „Wir haben Siedler von Catan auf boarisch g’spielt“, verrät Uschi. „Nur Entwicklungskarten ist für ihn ein schweres Wort.“

Ihre Erlebnisse hat sie in einem Blog festgehalten; 19 000 Klicks hat sie unter http://woiperdinger-on-tour.blogspot.com bis jetzt schon. „Am angenehmsten war es in Alaska“, meint sie rückblickend. „Wo gar nichts los ist. Da ist es leicht zu navigieren, weil es nur eine Straße gibt.“ In Europa sei dafür alles gut beschildert. „Da kannst dich drauf verlassen.“ Nur die griechischen Zeichen in Griechenland und die kyrillische Schrift in Bulgarien müsste man halt lesen können. Die Menschen seien überall hilfsbereit und freundlich. Am anstrengendsten seien die Berge gewesen, aber auch am allereindrucksvollsten. „Wennst da raufkommst, und die Aussicht und die Luft sind so klar. Da stehst da und denkst dir, dass ich sowas sehen darf. Keiner meiner Freunde und Bekannten war jemals hier und keiner von ihnen wird es jemals sehen. Das ist so verrückt.“ Gute 20 000 Euro hat sie der Spaß gekostet.

Jetzt müssen die beiden erst eine Wohnung und eine Arbeit finden, um wieder Geld zu verdienen, sagt sie und erzählt im nächsten Atemzug schon wieder die Geschichten von den frechen Waschbären, die mit den Stinktieren zusammenarbeiten, um die Vorräte von Radlern und Wanderern zu klauen. „Mir ham dann immer frühzeitig Feierabend gemacht und unser komplettes Zeug im Zelt verstaut“, damit die Frechdachse nicht drankamen. Dave ist immer noch „overwhelmed“, aber auch etwas nachdenklich: Nicht nur für ihn ist es komisch „aufzustehen, ohne mit dem Rad loszufahren“.

Birgit Lang

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