NACHRUF

Ein Amerikaner mit deutscher Mentalität

John Ross Wyth stirbt im Alter von 80 Jahren, er war 35 Jahre lang Lehrer in Taufkirchen.

Von Birgit Lang

Hohenpolding – Er war schon etwas Besonderes, ein waschechter US-Amerikaner, der Anfang der 1970er Jahre in Bayern Englisch unterrichtete. Aber Mr. Wyth, wie in seine ehemaligen Schüler heute noch nennen, war noch viel mehr. Er hatte ein bewegtes Leben, bis er mit 80 Jahren nach schwerer, einjähriger Krankheit im Krankenhaus in Landshut starb.

Als John Ross Wyth kam er 1940 in Cedar Falls in Iowa als Sohn des Firmenbesitzers von Viking Pump zur Welt. In das Unternehmen wollte er aber nicht einsteigen, er wollte lieber Lehrer werden. Und weil er ein Fan von Deutschland war, studierte er Ende der 50er Jahre Deutsch und Deutsche Geschichte in Colorado. Der weltoffene und politisch interessierte junge Mann reiste oft nach Deutschland, in den 60er Jahren studierte er in Wien und am Sprachen- und Dolmetscherinstitut in München.

1967 kehrte er in seine Heimat zurück, wo er an der Universität von Northern Iowa als Assistenzprofessor unterrichtete. Als Gegner des Vietnam-Krieges organisierte er dort auch Demonstrationen gegen den Krieg und geriet in den Fokus der US-Polizei. Weil er als Unternehmersohn keine unbekannte Persönlichkeit war und seine Einstellung zum Vietnamkrieg nicht gut aufgenommen wurde, entschloss er sich, Amerika zu verlassen. Er bewarb sich beim bayerischen Kultusministerium und wurde als Muttersprachler als einer der ersten Englischlehrer für Volksschulen angestellt. So kam er im September 1971 nach Taufkirchen, wo er bis zu seiner Pensionierung 2006 als Lehrer an der Mittelschule tätig war.

Technikbegeistert wie er war, erhielt er das erste Sprachlabor im Landkreis. Neben seiner Leidenschaft für Fußball – er war 20 Jahre lang Mitglied des FC Bayern – interessierte ihn das Internet und so war er der erste Lehrer, der einen Laptop mit in die Schule brachte. Der Austausch im Kollegium war bestens und seine Verabschiedung herzlich.

Knapp 2500 Schüler hat er über die Jahre in Taufkirchen und Moosen unterrichtet. Danach betreute er noch fast zehn Jahre lang Kinder und Jugendliche im Mehrgenerationenhaus. Auch da wurde er mit offenen Armen aufgenommen, weil dort überwiegend Frauen tätig waren und man wenigstens einen Mann im Team haben wollte.

„Er war nicht streng, hatte aber eine ausgeprägte deutsche Mentalität und alles im Unterricht sehr genau genommen“, verrät sein bester Freund Ulrich Schmitt. Dennoch kam er bei den Schülern immer sehr gut an. Für seinen Kollegen Robert Ackermann war er „ein ganz besonderer, feinfühliger Mensch, ein Freund, ein Kumpel, ein Original und auch ein Vorbild“. Wyth sei viele Jahre vor ihm Verbindungslehrer gewesen. Auch Jahrzehnte später habe er noch vieles über seine Schüler gewusst. „Er hatte einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen und immer ein offenes Ohr für sie.“

Vier Londonfahrten hätten sie zwischen 1995 bis 2005 mit jeweils 60 Schülern im Doppeldecker, immer in den Ferien, zusammen unternommen. „Bei den Musicals ging er voll ab“, erinnert sich Ackermann. In Hohenpolding habe er sogar einmal in der Theatergruppe mitgespielt, als „Amerikaner“.

Wyth war auch ein Genussmensch, liebte guten Wein und war Pfeifenraucher. Viele seiner Schüler werden sich noch an seinen Pfeifengeruch erinnern.

Sehr interessiert war der gebürtige US-Amerikaner auch am Taufkirchener Partnerschaftsverein mit West-Chicago. Nachdem allerdings seine Mutter vor zehn Jahren starb und er ein absoluter Trump-Gegner war, fuhr er nie mehr in die Vereinigten Staaten. Seine deutschen Vorfahren stammten aus Heide in Schleswig-Holstein. Hier kam auch Schmitt zur Welt, den er während der Olympiade 1972 in München kennenlernte. Beide waren begeisterte Tänzer und Fans amerikanischer Musik und so trafen sie sich immer wieder im Münchener Nachtleben. Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft. Denn sie hatten viele Gemeinsamkeiten, auch die Begeisterung für Autos. Wyth fuhr damals schon einen Jaguar E-Type. Mit seinem Saab 96, den er von England extra per Luftfracht nach Amerika schickte, fuhr er sogar Rallyes in den USA. Sein letztes Auto war ein Peugeot 1007 mit elektrischen Türen, die ihm bei seinen Rückenproblemen das Ein- und Aussteigen erleichterten, erzählt sein Freund. Wyth brachte Schmitt auch Englisch perfekt bei, was diesem half, seine spätere Frau Linda, eine Kanadierin, für sich zu gewinnen. Die beiden Männer verloren sich nie aus den Augen. Ihre enge Freundschaft mündete darin, dass das Ehepaar 1995 zusammen mit Wyth ein Haus in Hohenpolding bezog. Sein Freund tat alles, um Ross die letzten Monate beschwerdefrei zu gestalten. „Er war ein toller Mensch und sein Tod ist ein herber Verlust.“ Seine Beerdigung findet am 21. Januar in Heide im Familiengrab der Schmitts statt. Das hatte sich Wyth so gewünscht.

Er liebte Autos: John Ross Wyth vor seinem Saab 96.
John Ross Wyth im Sprachlabor

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