Vor Gericht

Ein Faustschlag zu viel

Dorfen/Landshut - Die Geduld, die Jugendrichter über Jahre hinweg mit einem 21-jährigen Bauhelfer an den Tag legten, wurde überstrapaziert: Nach einem erneuten handgreiflichen Ausraster muss er für 15 Monate in eine Jugendstrafanstalt.

Der 21-Jährige fühlte sich vergangenes Jahres kurz vor Mitternacht auf dem Dorfener Volksfest „provoziert“. Ein 19-jähriger Isener Schüler beleidigte angeblich seine Freundin und soll dann zum Angeklagten auch noch gesagt haben: „Schlag doch zu, schlag doch zu.“ Das ließ sich der Bauhelfer nicht zweimal sagen und versetzte dem Schüler einen so massiven Faustschlag ins Gesicht, dass der rücklings auf den Boden fiel. Er schlug mit dem Kopf auf und zog sich neben einer Beule auch noch eine Gehirnerschütterung zu.

Beim Jugendrichter des Erdinger Amtsgerichts handelte sich der 21-jährige Bauhelfer dafür eine Jugendstrafe von 15 Monaten ein, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt wurde. Sein Register weist nämlich bereits eine Reihe von Verurteilungen auf, unter anderem wegen eines Handyraubes, aber auch wegen Körperverletzungen. Dafür kam er aber mit Arresten davon. Zuletzt war er wegen verschiedener Delikte zu einer sogenannten „Vorbewährung“ verurteilt worden – der Jugendrichter hatte sich die Verhängung einer Jugendstrafe vorbehalten, eine Bewährungszeit von zwei Jahren festgelegt und dem damals Arbeitslosen einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Dazu kamen eine Reihe von Auflagen, so. auch, dass sich der Gelegenheitsarbeiter jeglichen Alkohol- und Drogenkonsums zu enthalten habe.

Gegen die Auflagen verstieß der 21-Jährige mehrfach: So wurde er beispielsweise im Oktober 2015 positiv auf Cannabis getestet, im Dezember war er dann in eine Schlägerei verwickelt, wobei er über ein Promille Alkohol intus hatte. Außerdem brach er den Kontakt zu seinem Bewährungshelfer ab.

Dennoch legte der junge Grieche Berufung gegen die im März dieses Jahres verhängte Jugendstrafe ein. Gleichzeitig räumte er den Faustschlag ein, nicht ohne dafür sein Opfer mitverantwortlich zu machen: „Der hat provoziert.“ Im Übrigen räumte der 21-Jährige ein, dass er nach einer nicht einfachen Jugend „keine Lust auf irgendwas“ gehabt habe. Nach der Schule habe er eine Lehre zum Fliesenleger wegen Asthma abbrechen müssen. Er habe sich dann mit Gelegenheitsarbeiten und als Lagerist in Supermärkten durchgeschlagen. Jetzt wolle er sein Leben ändern, habe sich deshalb den Job als Bauhelfer gesucht, absolviere derzeit die Probezeit.

Ein Streetworker, der den 21-jährigen betreut, bescheinigte ihm, dass er seit seiner Verhandlung in Erding eine gute Entwicklung gemacht habe. Von Drogen lasse er seine Finger und Alkohol konsumiere er so gut wie keinen mehr. Bei einer Schlägerei heuer auf dem Volksfest in Taufkirchen habe er sich sogar als „Schlichter“ betätigt. Der Bauhelfer sei zwar einem „Kräftemessen“ nicht abgeneigt, aber keiner, der noch mit dem Fuß zutrete, wenn einer am Boden liege. Seine früheren „Ausraster“ hätten daraus resultiert, dass er keine Perspektive für sich gesehen habe.

Etwa ratlos war dagegen der Vertreter der Jugendgerichtshilfe, zumal der Kontakt zum 21-Jährigen längst abgerissen sei: „Bei ihm gab es immer wieder ein Auf und Ab, Phasen, die besser waren und dann ist er wieder abgestürzt.“ Ob er in dem Job, den er jetzt habe, durchhalte, sei auch mehr als fraglich. Mehrere Anläufe für eine Ausbildung seien jedenfalls gescheitert.

Verteidiger Andreas Martin plädierte auf eine Bewährungsstrafe mit entsprechenden Auflagen wie einem „Warnschussarrest“ für seinen Mandanten. Ihm sei spätestens seit der Verurteilung in Erding klar, dass er sich falsch verhalten habe. Zuletzt habe bei dem 21-Jährigen eine positive Entwicklung eingesetzt, sodass es fraglich sei, ob noch schädliche Neigungen vorlägen, die Voraussetzung für die Verhängung einer Vollzugs-Jugendstrafe seien.

Die Jugendkammer kam allerdings zum Ergebnis, dass durchaus schädliche Neigungen vorlägen und verwarf, wie von Staatsanwältin Barbara Keimel beantragt, die Berufung. Der 21-Jährige, so Vorsitzender Richter Oliver Dopheide in der Urteilsbegründung, habe sich in der Vergangenheit „überhaupt nichts um Bewährungsauflagen geschert“. Eine positive Sozialprognose, die Voraussetzung für eine Bewährungsstrafe wäre, lasse sich da nicht mehr stellen.

Walter Schöttl

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