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Wirkten im Prozess sehr gefasst: Selina E. und Flori an B. Auf eine Entschuldigung mussten sie lange warten. 

50-Jähriger kollidiert mit Motorrad – Junge Opfer für immer gezeichnet – 45 000 Euro Geldstrafe

„Zwei junge Leben extremst aus der Bahn geworfen“

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Ein 50 Jahre alter Geschäftsmann aus dem südlichen Landkreis Erding ist am Mittwoch vom Amtsgericht Erding zu 45 000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte einen verheerenden Unfall verursacht.

Erding/Finsing – Mit einem 450 PS starken Audi A4 war er vor einem Jahr bei Finsing in einer Kurve frontal in ein Motorrad gefahren. Ein heute 18-Jähriger und seine 17-jährige Sozia erlitten schwerste Verletzungen. Unter den Folgen werden sie ihr Leben lang zu leiden haben.

Es war der erste schwere Motorradunfall der vergangenen Saison. Am Abend des 8. März fuhr Florian B. aus Forstinning mit seinem Leichtkraftrad auf der ED 11 von Finsing in Richtung Markt Schwaben. Hinter ihm saß auf der Honda die seinerzeit 16 Jahre alte Selina E. aus Markt Schwaben. In der Dämmerung sah der junge Mann auf einmal Scheinwerfer vor sich. In der Kurve bemerkte er zu spät, dass der schwere Audi A4 RS4 auf seiner Spur daher kam. Er hatte keine Chance mehr, den Aufprall zu vermeiden.

Der hatte für die beiden Jugendliche dramatische Folgen. Sie kamen mit Polytrauma und mehreren schweren Brüchen in die Kliniken Großhadern und Bogenhausen. Zeitweise schwebten sie in Lebensgefahr. Mehrere Operationen mussten sie über sich ergehen lassen. Bei Selina E. kamen lebensbedrohliche innere Verletzungen hinzu. Noch heute sind beide in Behandlung, die Folgen werden sie den Rest ihres Lebens beschäftigen. Die 17-Jährige musste ihre Ausbildung abbrechen, ihr bester Freund sein Soziales Jahr.

Der Angeklagte berichtete, er könne sich nicht erklären, wie er auf die Gegenfahrbahn gekommen sei. Er räume den Fahrfehler ein, er tue ihm leid. Nach dem Crash hatte er ausgesagt, das Motorrad sei auf seine Spur geraten.

Das Gutachten des Sachverständigen ließ einen schlimmen Verdacht zu: Hatte der 50-Jährige die Kurve geschnitten? Zwar war er laut Experten nicht zu schnell unterwegs, er muss aber absichtlich nach rechts gelenkt haben. Der Frontalzusammenstoß mit der Honda ereignete sich zudem nicht nahe der Mittellinie, sondern am rechten Fahrbahnrand. Hätte er die Kontrolle über seinen Boliden verloren, wäre dieser eher nach rechts aus der Kurve geflogen. Ein absichtliches Verlassen der Fahrspur war aber nicht nachweisbar.

Dabei hatte Anwalt Nikolaus Kiefer ein eigenes (Gegen-)Gutachten in Auftrag gegeben. Dessen Autor sagte, die offizielle Expertise sei „sehr zu Lasten des Angeklagten“ formuliert. Dennoch sei unbestreitbar, „dass der Wagen bewusst nach rechts gelenkt wurde“.

Die beiden Opfer schilderten die schlimmen Folgen. Selina E. hat bis heute Angst, in ein Auto zu steigen. Florian B. berichtete, wochenlang habe er sich gar nicht bewegen können. Früher sei er gern getaucht und Fahrrad gefahren. All das sei bis heute nicht möglich. Er hat noch mehrere OPs vor sich.

Die Jugendlichen traten als Nebenkläger auf. Ihre Anwälte Peter Guttmann und Till Weidinger warfen dem Verkaufsleiter vor, sich nach dem Unfall nicht bei den Opfern gemeldet zu haben. „Die haben darauf gewartet, genauso wie ihre Familien“, erklärten die Anwälte. Einen Brief hätten sie nie erhalten.

Staatsanwältin Sandra Belling hielt dem Angeklagten zu Gute, dass er bisher straf- und verkehrsrechtlich nicht in Erscheinung getreten sei. Allerdings wiege die Schuld angesichts der Folgen schwer. Sie forderte acht Monate Haft auf Bewährung, zwölf Monate Fahrverbot und 4500 Euro zu Gunsten einer sozialen Einrichtung.

Guttmann und Weidinger meinten, man könnte den Fahrer auch wegen gefährlicher Körperverletzung sowie gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verurteilen – und damit härter.

Richterin Michaela Wawerla verurteilte den Manager mit 6700 Euro Netto-Monatsgehalt zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 250 Euro, insgesamt 45 000 Euro. Sie blieb beim Tatvorwurf der fahrlässigen Körperverletzung. Vorsatz erkenne sie nicht, „aber extreme Gedankenlosigkeit“. Strafverschärfend an diesem Augenblicksversagen seien die gravierenden Folgen. „Sie haben zwei junge Leben extremst aus der Bahn geworfen.“ Aber auch der Angeklagte sei durch das Ereignis „stark gezeichnet“. Seine Reue nehme sie ihm ab. 

ham

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