"Platzverweise" für prügelnde Ehemänner
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Liebe statt Hiebe lautete die Devise einiger Gäste einer Hochzeit, die in Finsing gefeiert wurde.

Familie sieht sich vor Gericht wieder - Richterin spricht von „Notwehr-Exzess“

Schlägerei auf serbischer Hochzeit in Finsing

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Drei Mitglieder eines serbischen Clans saßen sich jetzt vor Gericht gegenüber. Auf einer Hochzeit waren die Fäuste geflogen. Unschuldig war keiner der Beteiligten.

Finsing/Erding – Eine Hochzeit gilt gemeinhin als schönster Tag im Leben. Davon blieb vor ziemlich genau einem Jahr in einem Lokal in Finsing nicht viel übrig. Statt Hochzeitslader marschierte dort am 21. September die Polizei auf – und zwar mit einem Großaufgebot. Zu schlichten galt es eine heftige Rauferei – unter Mitgliedern ein und desselben serbischen Clans. Nun trafen sich die vielschichtig verwandten Cousins vor dem Amtsgericht Erding wieder. Der Ton war zwar weiter rau, in der Verhandlung unter dem Vorsitz von Richterin Michaela Wawerla blieben aber die Fäuste immerhin in der Tasche.

Staatsanwältin Anna Kreiter verlas, was an dem September-Samstag passiert war. Zwei 47 und 44 Jahre alte Brüder sollen ihren 45 Jahre Cousin – alle sind in München zu Hause – auf dem Flur vor der Toilette der Wirtschaft verprügelt haben. Laut Anklage bekam das Opfer erst einen Schlag gegen den Hinterkopf, danach Fausthiebe ins Gesicht. Als der Familienvater zu Boden ging, soll er von dem 47-Jährigen einen Fußtritt ins Gesicht abbekommen haben. Er musste mit Verletzungen im Gesicht und an der Schulter sowie einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Im Prozess trat er als Nebenkläger auf.

Angeklagte hüllen sich erst mal in Schweigen

Die wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagten Brüder erschienen ohne Anwälte zur Verhandlung und machten erst mal von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch. Umso mitteilsamer war das Opfer, dessen Anwalt gleich zu Beginn deutlich machte, dass er für seinen Mandanten ein Schmerzensgeld herausholen wolle.

In dem Streit vorm Klo ging es um den serbischen Clan. Die beiden Angeklagten sollen sich laut dem 45-Jährigen überaus abfällig über seinen Teil der Familie geäußert haben. Hintergrund war wohl ein Familienmitglied, das vor Jahren einem anderen die Frau ausgespannt hat. Der gebürtige Wiener war eigentlich nur dazugestoßen, um nach seinen beiden Kindern zu sehen und um zu schlichten. Die Schmähungen kommentierte er mit „Du bist ein Idiot.“ Danach flogen die Fäuste, bis er zu Boden sank, nach dem Tritt gegen den Kopf das Bewusstsein verlor und erst im Rettungswagen wieder zu sich kam.

Vier Wochen war er danach arbeitsunfähig, bis heute holen ihn die Bilder der Fäuste schwingenden Cousins immer wieder ein.

„Ich war besoffen“, betonte einer der Brüder immer wieder

Schließlich meldeten sich die beiden Brüder auf der Anklagebank doch zu Wort. Der 47-Jährige, der selbst vor Gericht einen recht rauflustigen Eindruck machte, erklärte gefühlt 20 Mal: „Ich war besoffen.“ 1,3 Promille hatte er laut Alkomat intus. Dass die Fäuste geflogen waren, gab er unumwunden zu – aber eben auch die des Cousins. Der habe im Übrigen angefangen. Man habe sich lediglich verteidigt.

Ein Polizist berichtete als Zeuge, dass nach der Alarmierung „Massenschlägerei“ Dutzende Beamte nach Finsing ausgerückt seien. „Als wir kamen, hatte sich die Lage schon wieder beruhigt.“ Ermittlungen seien aber kaum möglich gewesen, „weil sich alle in Schweigen gehüllt haben und niemand etwas gesehen haben wollte“.

Wehren ist erlaubt, aber nicht krankenhausreif prügeln

Richterin Wawerla meinte, dass die Darstellung der Brüder durchaus richtig sein könne. Aber das hätte ihnen noch lange nicht das Recht gegeben, den 45-Jährigen gleich krankenhausreif zu schlagen. Sie sprach von einem „Notwehr-Exzess“. Und das sei eben nicht erlaubt. Aufgrund der weit auseinandergehenden und widersprüchlichen Aussagen schlug sie vor, das Verfahren einzustellen, sofern die Brüder dem Opfer ein Schmerzensgeld zahlten. Denn dessen Verletzungen seien dokumentiert. Der Nebenklage-Anwalt forderte 4000 Euro, was Wawerla als zu hoch gegriffen empfand. Daraufhin regte dieser 1500 pro Angeklagtem an. Das war den Brüdern immer noch zu viel. Der Nebenkläger meinte: „Lieber will ich sie im Gefängnis sehen.“ Er habe nach wie vor Angst vor diesem Teil der Sippe.

Aufgrund des kollektiven Schweigegelübdes des Clans war eine Beweisaufnahme unmöglich. Am Ende willigten die Brüder doch ein, jeweils 1500 Euro zu zahlen. Daraufhin stellte Wawerla das Verfahren vorläufig ein.

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