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„Das Filetstück nicht leichtfertig hergeben“

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Auftritt vor großem Publikum: Veronika Lex (l., am Laptop) stellte ihre Bedenken gegen den Supermarkt vor. foto: mot
Auftritt vor großem Publikum: Veronika Lex (l., am Laptop) stellte ihre Bedenken gegen den Supermarkt vor. foto: mot

Neufinsing - Proppenvoll war’s bei der Bürgerversammlung zur Neufinsinger Ortsmitte. Es ging um den Netto-Markt. Ganz ohne persönliche Angriffe verlief der Abend nicht.

Die Sitzplätze im Gastraum der Go Kart-Arena reichten nicht einmal annähernd. An die 280 Finsinger kamen am Mittwochabend, um sich über die Bürgerentscheide am 15. März zur Ortsmitte Neufinsing zu informieren. Die Veranstaltung dauerte über drei Stunden.

Anfangs hatte Bürgermeister Max Kressirer die Planungen der Kommune und die Inhalte des Ratsbegehrens erläutert. Vor sechs Jahren wurde mit dem Kauf des Grundstückes der Grundstein geschaffen. Anstatt Wohnbebauung wollte Finsing „eine Nutzung, die allen Bürgern dient“. Es folgten fast 50 Termine mit Sitzungen, Umfragen, der Gründung einer Arbeitsgruppe und einer Klausurtagung. Daraus entstanden die Planungen für Seniorenzentrum, Supermarkt und Gesundheitshaus. Als Lebensmittelmarkt blieb letztlich nur noch Netto übrig. „Es gab natürlich Ideale, von denen wir abweichen mussten“, gab Kressirer zu.

Die Bedenken und das Unverständnis vieler Bürger waren für Veronika Lex der Anlass gewesen, einen Bürgerentscheid ins Leben zu rufen. Ihr Vorschlag als Alternative zum Supermarkt: mehr Grünflächen oder eine spätere Beplanung. „Man fühlt sich doch eigentlich gleich viel wohler, wenn der Ort grüner ist“, meinte Lex. Die 26-Jährige gab zu bedenken, dass Netto nicht so eine persönliche Betreuung und so faire Arbeitsplätze bieten könne wie die bestehenden Geschäfte. „Außerdem gibt es schon so viele Märkte in der Umgebung. Wer soll denn das alles essen?“ Sie warnte zudem vor höherem Verkehrsaufkommen.

Lex erzählte, von manchen Gemeinderäten wegen „unehrlichen Verhaltens“ enttäuscht zu sein. Viele amtierende und ehemalige Räte empfanden dies als „massiven Angriff“, wie beispielsweise Georg Gartner. Dieser prophezeite: „Wenn der Markt jetzt stirbt, stirbt er für länger. Den Gemeinderat will ich sehen, der nach zwei Jahren wieder mit dem Thema anfangen würde.“ 3. Bürgermeisterin Gertrud Eichinger pflichtete bei, dass bei einer Ablehnung des Netto am 15. März mindestens zehn Jahre für neue Planungen notwendig seien. „Davor passiert da nichts.“

Josef Peis kritisierte, dass die Gemeinde ihre Bürger beim Einheimischenmodell abzocke, den Investor aber nicht. Auch er zweifelte in Sachen Ratsbegehren die Glaubwürdigkeit mancher Gremiumsmitglieder an. Als Themaverfehlung bezeichnete Frank Scholz den Standort. „Seniorenzentrum und Netto passen nicht zusammen.“ Außerdem fand Frank Paschke es schade, dass Finsing das Grundstück - „das Filetstück der Gemeinde“ - so leichtfertig hergebe. Auch Elisabeth Buchmann sagte, dass man preislich aus der Fläche noch viel mehr herausholen hätte können.

„In anderen Orte, die ähnliche Visionen hatten wie wir, stehen jetzt nur noch Bauruinen“, merkte Klaus Rössel an. Als „aggressive Geschäftsleute“ bezeichnete er die Investoren. Zum Argument, Neufinsing solle nicht wirken wie ein Gewerbegebiet, sagte Günther Huber: „Schön war Neufinsing doch noch nie.“ Er würde sich eine andere Gestaltung des Supermarkts wünschen. In Sachen Optik werde sich allerdings nichts mehr ändern, erklärte der Gemeinderat und Bruder der Initiatorin, Ludwig Lex. „Gestalterisch wird sich unser Netto sowieso schon sehr abheben“, erklärte der Bürgermeister.

Gemeinderat Dieter Heilmair teilte nicht die Meinung, dass die Ortsmitte mit dem Supermarkt steht und fällt. „Das ist eine Mogelpackung. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, meinte er. Kressirer sprach von der Wichtigkeit eines „Magneten“ im Zentrum. „Wie sollen die Ladengeschäfte im Gesundheitshaus Laufkundschaft bekommen, wenn es keine gibt“, stimmte Josef Eichinger zu. Laut Kressirer sollte es in einer Gemeinde möglich sein, zu 100 Prozent vor Ort einkaufen zu können. „In Finsing sind das im Moment aber nur 35 Prozent.“

Burkert Geisberger, der den Stil anderer Redner kritisierte, hat das Gefühl, dass das Bürgerbegehren zu spät kam. Definitiv wäre der Netto seiner Meinung nach aber eine Bereicherung für das Seniorenzentrum. „Diese Bewohner würden es sehr begrüßen, wenn sie wieder selber einkaufen gehen könnten“, sagte Geisberger. Auch Josefine Gartner und Emmeram Laug gaben die „alternde Bevölkerung“ zu Bedenken. „Ich kann die Leute nicht verstehen, die schimpfen und nicht froh über diese Entwicklung sind“, meinte Hilde Fryba. „Ich wäre todfroh, wenn wir endlich einen Supermarkt bekommen.“

Veronika Lex wollte vom Bürgermeister wissen, was passiert, wenn der Netto Konkurs mache. Kressirer sagte, dass das Gebäude im Bebauungsplan auf einen Lebensmittelverkauf ausgelegt ist. Dies könne vom Gremium bei Bedarf wieder geändert werden. „In diesem Fall müssten wir eben eine andere Nutzung suchen, die der Kommune dient. Aber ich glaube, der Markt hätte eine gute Überlebenschance.“

mot

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