Der Haufen aus Grabsteinen am Alten Friedhof in Finsing ist kein schöner Anblick, finden (v.l.) Hedwig und Burkhard Geisberg sowie Gertrud Eichinger.
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Der Haufen aus Grabsteinen am Alten Friedhof in Finsing ist kein schöner Anblick, finden (v.l.) Hedwig und Burkhard Geisberg sowie Gertrud Eichinger.

Alter Friedhof in Finsing: Aktion der Gemeinde war rechtens, aber Bürger sind entsetzt

Grabsteine entfernt: „Es war ein Schock“

Geschmacklos – so finden zahlreiche Gemeindebürger den Grabsteinhaufen, der derzeit auf dem Alten Friedhof in Finsing zu finden ist. Die Steine wurden entfernt - durchaus rechtens, aber die Bürger sind dennoch verärgert.

Finsing –Ein Haufen aus teils zerbrochenen, teils erhaltenen Grabsteinen liegt derzeit mitten auf dem Friedhof an der Neufinsinger Straße. Von allen Grabstätten dort hatte die Gemeinde kürzlich die Steine entfernen lassen. Eine Aktion, die durchaus rechtens ist, denn die Nutzungsdauer aller Grabstätten war bereits abgelaufen. Zudem war die Standsicherheit der Grabsteine nicht mehr gegeben, weshalb diese aus versicherungstechnischen Gründen entfernt werden mussten. Was die Bürger allerdings verärgert, ist die Ausführung dieser Maßnahme.

„Das war ein großer Schock für all diejenigen, die Bezug zu diesem Friedhof haben“, betont SPD-Gemeinderätin Gertrud Eichinger. „Es sieht wirklich schlimm aus. Man hat alles einfach nur auf einen Haufen geworfen“, bedauert sie. Eine Ankündigung der Maßnahme habe es nicht gegeben. Eine Auskunft gab es erst, als sich Eichinger auf Nachfrage zahlreicher Bürger bei der Gemeinde erkundigt hatte.

Besonderen Bezug zum Alten Friedhof haben die Neufinsinger Hedwig und Burkhard Geisberg. Hedwig Geisberg war in den Jahren 2001 bis 2019 als Gemeindereferentin der Pfarrei aktiv. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie dafür gesorgt, den Friedhof in Stand zu halten und den dort Begrabenen die entsprechende Ehre zu erweisen.

Für sie ist der Alte Friedhof ein wichtiger Teil der Geschichte der Gemeinde. „Der Friedhof ist mit dem Bau des Speichersees entstanden. Er hat seine ganz eigene Geschichte“, erklärt Hedwig Geisberg im Gespräch mit der Heimatzeitung. Damals hatte es immer wieder Tote beim Bau gegeben. Dabei habe es sich vor allem um Kriegsgefangene gehandelt, die an dem ausgelagerten Friedhof begraben worden seien. Auch beispielsweise Selbstmörder, die auf den gewöhnlichen kirchlichen Friedhöfen nicht gewünscht waren, oder Personen, die kein Geld für ein Grab am kirchlichen Friedhof hatten, hätten an der Neufinsinger Straße ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zudem sei das Babygrab dort Anlaufstelle für einige Finsinger Mütter gewesen, die selbst ein Kind verloren haben.

Von einem „Friedhof der Vergessenen“ kann den Geisbergs zufolge keine Rede sein. Jahr für Jahr hat Hedwig Geisberg gemeinsam mit den Firmlingen ein großes Aufräumprojekt veranstaltet und die Gräber mit Unterstützung der Gärtnerei Richter, die unzählige Bepflanzungen kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, wieder hergerichtet. Auch von der Bevölkerung sei der Friedhof gut angenommen worden, erklärt Burkhard Geisberg: „Wer konnte, ist vorbeigekommen und hat gegossen und die Gräber gepflegt.“ Seine Frau Hedwig ergänzt: „An Allerheiligen wurde ich sogar überrascht: Da haben die Kerzen an den Gräbern schon gebrannt, als ich gekommen bin.“

Umso entsetzter sind die Geisbergs vom aktuellen Zustand. Burkhard Geisberg spricht von tiefer Enttäuschung. „Das ist wirklich zu viel“, betont er verärgert. Er hätte erwartet, informiert zu werden. „Man muss doch die Bürger und die Gemeinderäte einbinden. Aber es wird offensichtlich keinerlei Kommunikation beherrscht.“

Auch Eichinger bedauert, dass niemand im Voraus informiert worden sei. „Es ist schließlich durchaus bekannt, dass sich die Geisbergs intensiv um dieses Grundstück kümmern. Das weiß man auch im Rathaus. Man hätte erst mal mit ihnen sprechen können“, findet sie.

An der Situation lasse sich nichts mehr ändern, Eichinger möchte jedoch versuchen, das Beste daraus zu machen. „Diesen Friedhof einfach komplett aufzugeben, würde den Toten und der Historie der Gemeinde nicht gerecht werden. Der Speichersee ist schließlich die Gründung Neufinsings. Diese Erinnerung sollte man kultivieren“, ist sie überzeugt.

Die Glocke des dortigen Leichenhauses, das vor zehn Jahren abgerissen wurde, steht mittlerweile am neuen Friedhof in Neufinsing. Dort könnte sich Eichinger auch eine Art Gedenkstätte vorstellen. In einem Antrag an die Gemeinde hat sie diesen Wunsch bereits formuliert.

Da bislang nicht diskutiert wurde, was mit dem Grundstück an der Neufinsinger Straße in Zukunft passieren soll, fordert Eichinger eine naturnahe Begrünung oder eine Blühwiese auf dieser Fläche. Eine behutsame Behandlung des Alten Friedhofs sei angebracht. „Eigentlich ist das Ganze ein prädestiniertes Projekt für eine Bürgerbeteiligung. Es gibt viele Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen“, findet Eichinger und berichtet, dass sich Bürgermeister Max Kressirer ihr gegenüber bereits kooperativ gezeigt habe.

Julia Adam

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